JPMorgan gibt sich sonst selten geschlagen, wenn es um Preisprognosen geht. Diesmal schon: Die Bank hat ihre Basisprognose für den Ölmarkt gestoppt, weil sich der Ausgang des Iran-Kriegs nach eigener Aussage nicht mehr seriös modellieren lässt. Das ist ungewöhnlich offen für ein Analystenhaus, das normalerweise für jede Marktlage eine Zahl liefert.
Ein Modell kapituliert vor der Realität
Die Begründung klingt fast schon entwaffnend ehrlich: Man wisse schlicht nicht, wie man das Endspiel modellieren solle. Ursprünglich war JPMorgan davon ausgegangen, dass die US-Regierung bestimmte wirtschaftliche Schwellenwerte verteidigen würde – etwa einen Ölpreis von 100 US-Dollar je Barrel oder einen Benzinpreis von 4,37 US-Dollar je Gallone. Sechs Monate nach Kriegsbeginn sind diese roten Linien vielfach gerissen, ohne dass eine erkennbare Ausstiegsstrategie sichtbar wäre.
Noch im Juli hatte ein Team um Natasha Kaneva feste Quartalswerte genannt: einen Brent-Durchschnitt von 86 US-Dollar für das dritte Quartal, fallend auf 78 US-Dollar zum Jahresende. Die Realität sah anders aus. Seit Kriegsbeginn notierte Brent im Schnitt bei 94 US-Dollar, zuletzt sogar über 100 US-Dollar – trotz zwischenzeitlicher Rückgänge durch Hoffnungen auf alternative Lieferwege aus dem Nahen Osten.
Zwischen Angebotsschock und Nachfrageschwäche
Die Bank beschreibt eine seltene Grauzone: Die weltweiten Rohölbestände sind seit Kriegsbeginn um rund 555 Millionen Barrel gesunken – aber nur etwa ein Drittel des zu Jahresbeginn erwarteten Rückgangs. Der Grund liegt in der globalen Nachfrage, die rund 4,4 Millionen Barrel pro Tag unter dem Vorjahresniveau lag und damit einen Großteil der Angebotsausfälle kompensierte.
Gleichzeitig bleiben die Risiken konkret. Angriffe auf saudische Exportrouten, Bedrohungen der Schifffahrt durch die Straße von Bab al-Mandab und anhaltende Attacken auf russische Raffinerie-Infrastruktur sorgen für Nervosität. Erst zuletzt hatte eine beschädigte Pipeline zwischen Ost- und Westsaudi-Arabien für Preissprünge gesorgt, bevor Hoffnungen auf eine schnelle Reparatur die Notierungen wieder drückten.
JPMorgan sieht immerhin einen Puffer: Erhebliche Lagerbestände in China, Europa, Japan und Südkorea könnten einen deutlichen Preisanstieg kurzfristig begrenzen. Halten die Störungen im Nahen Osten jedoch an, könnte sich das Bild später im Jahr drehen, sollten die Lagerbestände weiter schrumpfen.
Für die Bank selbst hat der Schritt auch eine Signalwirkung. Wenn eines der einflussreichsten Rohstoff-Research-Teams der Wall Street öffentlich einräumt, keine verlässliche Prognose mehr liefern zu können, unterstreicht das die Unberechenbarkeit der aktuellen Gemengelage im Ölmarkt – und damit indirekt auch das Risiko für Positionen, die auf Ölpreis-Volatilität setzen.
Die nächste Gelegenheit für neue diplomatische Bewegung bietet sich kommende Woche bei der UN-Generalversammlung, bei der auch eine iranische Delegation erwartet wird.
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