Die Aktie von ITM Power notiert bei 1,23 Euro, ein Plus von 0,90 Prozent zum Vortag. Wer nur auf den Jahresverlauf schaut, sieht ein Plus von über 70 Prozent seit Januar. Wer die letzten 30 Tage betrachtet, sieht ein Minus von fast 18 Prozent. Genau in dieser Spanne steckt die Frage, die den Wasserstoff-Ausrüster gerade umtreibt: War der Kurssprung bis zum Mai-Hoch von 2,58 Euro übertrieben? Oder ist der aktuelle Rücksetzer nur die logische Verschnaufpause nach einer heißgelaufenen Frühjahrsrally?
Die entscheidende Kennzahl
Der Auftragsbestand von ITM Power ist auf 152 Millionen Pfund gewachsen. Wichtiger als die reine Größe: Der Anteil profitabler Verträge daran ist von 60 Prozent im April 2025 auf inzwischen 71 Prozent gestiegen. Ob sich dieser Trend fortsetzt oder ins Stocken gerät, dürfte darüber entscheiden, ob sich die Aktie oberhalb ihres 200-Tage-Durchschnitts von 1,10 Euro stabilisiert oder tiefer fällt.
Das optimistische Szenario
Operativ hat sich bei ITM Power tatsächlich einiges verbessert. Im ersten Halbjahr 2026 meldete das Unternehmen einen Rekordumsatz von 18 Millionen Pfund, getrieben vor allem durch Anlagenverkäufe. Der Bruttoverlust schrumpfte im selben Zeitraum von 10,2 Millionen auf 6,5 Millionen Pfund.
Mitte Februar 2026 hob das Management die Umsatzprognose für das Geschäftsjahr 2026 an. Statt der bisherigen Spanne von 35 bis 40 Millionen Pfund erwartet ITM Power nun 40 bis 43 Millionen Pfund. Das entspricht einer Anhebung des Mittelwerts um 11 Prozent. Als Grund nannte das Management den Fortschritt bei laufenden Projekten sowie die Umstellung auf die Percentage-of-Completion-Methode bei der Bilanzierung.
Entscheidend dabei: Die Kosten- und Cash-Prognose blieb unverändert. Die Jahresend-Cashposition liegt weiter bei 170 bis 175 Millionen Pfund, der operative Verlust (EBITDA) soll zwischen 27 und 29 Millionen Pfund liegen. RBC Capital Markets bewertete das Update als „insgesamt leicht positiv“ und verwies auf bessere Projektabwicklung und Bilanzierungseffekte — ohne dass sich an der Cash-Situation etwas ändere. Hält der Auftragsbestand dieses Tempo, könnte die Aktie den Weg zurück zu ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 1,53 Euro finden.
Das Risiko-Szenario
Die Gegenposition stützt sich auf zwei Punkte: das anhaltende Ausführungsrisiko und das Ausmaß der Kursrally im Frühjahr. Trotz der angehobenen Prognose verbrennt ITM Power weiterhin Geld. Selbst Morgan Stanley, einer der optimistischsten Analysten für den Titel, rechnet erst ab 2028 mit operativen Gewinnen — und selbst das nur bei fehlerfreier Umsetzung über die kommenden zwei Jahre.
Die Analystenmeinungen zur Aktie gehen entsprechend auseinander: sieben Kaufempfehlungen stehen drei Halten-Einstufungen und zwei Verkaufsempfehlungen gegenüber. Von Einigkeit keine Spur.
Auch der Auftragsbestand selbst hat einen Haken. Die verbleibenden 29 Prozent entfallen auf Altprojekte, die zwar über die nächsten 18 Monate als Umsatz verbucht werden, aber keinen Beitrag zur Marge leisten. Der RSI liegt bei 42,6 — weder überverkauft noch mit frischem Aufwärtsmomentum. Bei einer annualisierten Volatilität von über 88 Prozent deutet der 30-Tage-Rückgang eher auf eine aktive Neubewertung der Mai-Euphorie hin als auf einen stabilen neuen Trend.
Ausblick
Solange die angehobene Umsatzprognose von 40 bis 43 Millionen Pfund für das Geschäftsjahr 2026 bestätigt wird und der Auftragsbestand von 152 Millionen Pfund weiter in profitable, cash-wirksame Verträge übergeht, bleibt die Erholungschance in Richtung 50-Tage-Durchschnitt intakt. Gerät die Margenverbesserung ins Stocken, steigt der Cash-Verbrauch über die angepeilten 170 bis 175 Millionen Pfund hinaus, oder verzögert sich der Abbau der margenschwachen Altprojekte — dann droht ein Rücksetzer in Richtung des 200-Tage-Durchschnitts bei 1,10 Euro.
Der nächste konkrete Prüfstein ist der Jahresabschluss für das bis April 2026 laufende Geschäftsjahr. Er wird zeigen, ob die im Februar angehobene Prognose und die verbesserten Margentrends aus dem Halbjahresbericht tatsächlich Bestand haben. Bis dahin dürfte das Tauziehen zwischen besseren Fundamentaldaten und der ambitionierten Bewertung die Kursschwankungen hochhalten.
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