Zwei Investmentbanken, zwei völlig gegensätzliche Urteile über dieselbe Aktie: Während Berenberg sein Kursziel für ITM Power auf 200 Pence verdoppelt, bleibt Goldman Sachs bei „Verkaufen“. Der britische Elektrolyseur-Hersteller schließt den Freitagshandel bei 1,48 Euro, ein Plus von 2,35 Prozent. Auf Wochensicht steht ein Kurssprung von 14,01 Prozent zu Buche.
Die Aktie hat damit einen Teil ihrer jüngsten Verluste wettgemacht. Auf Monatssicht liegt ITM Power dennoch 27,40 Prozent im Minus. Seit Jahresbeginn bleibt die Bilanz mit einem Plus von 104,14 Prozent beeindruckend.
Berenberg optimistisch, Goldman skeptisch
Berenberg hebt sein Kursziel von 110 auf 200 Pence an. Die Bank signalisiert damit wachsendes Vertrauen in ITM Powers Geschäftspläne. Erst kürzlich hatte auch Morgan Stanley die Aktie hochgestuft und dabei auf das steigende Interesse am Wasserstoffsektor verwiesen.
Goldman Sachs teilt diesen Optimismus nicht. Die Bank hält an ihrer Verkaufsempfehlung fest. Die Kursziele am Markt reichen derzeit von 1,10 bis 2,00 Pfund — eine ungewöhnlich breite Spanne für ein und dieselbe Aktie.
Auch Simply Wall St hat seine Bewertungsmodelle aktualisiert. Der faire Wert steigt von 1,19 auf 1,31 Pfund. Die Wachstumsannahmen bleiben mit rund 54,96 Prozent nahezu unverändert, die Nettomarge sinkt minimal von 5,43 auf 5,41 Prozent. Das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis klettert von 170,53 auf 186,82 — ein Wert, der die hohen Erwartungen an künftiges Wachstum widerspiegelt.
Rheinmetall-Deal und Staatsbeteiligung als Treiber
Hinter der Kursbewegung stehen mehrere konkrete Entwicklungen. ITM Power hat eine Partnerschaft mit dem deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall angekündigt. Im Rahmen des Giga-PtX-Programms soll ITM bis zu 50 Megawatt Elektrolyseur-Kapazität liefern, gedacht für synthetische Kraftstoffe nach NATO-Standard.
Wichtig für Anleger: Es handelt sich bislang um eine frühe Absichtserklärung. Ein fester Auftrag ist das noch nicht.
Parallel dazu sorgt eine staatliche Beteiligung für Aufsehen. Great British Energy, die staatliche britische Investitionsgesellschaft, hat im zweiten Quartal 2026 einen Anteil von gut 10 Prozent an ITM Power übernommen. Der Einstieg hängt direkt mit der neuen „Chronos“-Elektrolyseur-Plattform zusammen, die höhere Energieeffizienz und niedrigere Produktionskosten verspricht. Die staatliche Rückendeckung gibt der Aktie finanziellen Halt, erhöht aber auch den politischen Druck, sollte die Technologie im großen Maßstab nicht liefern.
Kritiker verweisen unterdessen auf die Kapitalintensität der Branche. Wettbewerber Ceres Power brach Ende Juni um 26 Prozent ein, nachdem das Unternehmen 100 Millionen Pfund frisches Eigenkapital aufnehmen musste, um Verluste zu decken. Auf der Nachfrageseite gibt es allerdings auch positive Signale: Ein deutsches Förderprogramm für Wasserstoff-Lkw war mehr als doppelt überzeichnet, mit Anträgen im Volumen von 455 Millionen Euro.
Charttechnik bleibt nervös
Trotz der jüngsten Erholung liegt ITM Power weit unter seinem Rekordhoch. Der Titel notiert 42,55 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 2,58 Euro vom 29. Mai. Gleichzeitig liegt der Kurs 15,36 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 1,75 Euro, aber 39,84 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 1,06 Euro.
Diese Diskrepanz zeigt: Die Aktie hat sich langfristig deutlich erholt, kämpft kurzfristig aber mit Schwäche. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 113,55 Prozent unterstreicht, wie stark Schlagzeilen den Kurs bewegen können — unabhängig von den eigentlichen Geschäftszahlen. Der RSI von 46,7 signalisiert dabei einen neutralen, weder überkauften noch überverkauften Zustand.
Die Kluft zwischen Berenbergs Kurszielanhebung und Goldmans anhaltender Verkaufsempfehlung macht die kurzfristige Richtung ungewöhnlich schwer vorhersehbar. Entscheidend wird sein, ob Vereinbarungen wie die Rheinmetall-Kooperation zu verbindlichen, umsatzwirksamen Verträgen werden. Solange diese Umwandlung aussteht, dürfte die breite Streuung der Analystenmeinungen die Kursschwankungen hoch halten.
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