Die Chipbranche meldet Monat für Monat neue Bestwerte. Der iShares MSCI Global Semiconductors ETF straft diese Erfolge trotzdem mit heftigen Kursverlusten ab. Diese Kluft zwischen operativer Stärke und Anlegerstimmung treibt den Sektor derzeit um.
Rekordzahlen bei Chipverkäufen, Ausverkauf an der Börse
Im Mai 2026 erreichten die weltweiten Halbleiterumsätze mit 120,6 Milliarden Dollar einen historischen Höchstwert. Das entspricht einem Plus von 104,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr — bereits der 15. Rekordmonat in Folge. Auch die Ausblicke der großen Hersteller bleiben stark: Broadcom rechnet mit einem Wachstum der KI-Chip-Umsätze von über 200 Prozent auf 16 Milliarden Dollar im laufenden Quartal, Micron peilt einen Quartalsumsatz von 50 Milliarden Dollar an.
Trotzdem gerieten Halbleiteraktien Ende Juli massiv unter Druck. Intel verlor an einem einzigen Handelstag fast 6 Prozent, AMD sackte um 8 Prozent ab. Noch härter traf es Speicherchip-Hersteller: Sandisk büßte 14 Prozent ein, Western Digital knapp 7 Prozent, Micron und Seagate jeweils mehr als 8 Prozent.
In Asien fielen die Verluste noch deutlicher aus. SK Hynix schloss 14,65 Prozent tiefer, Samsung Electronics verlor mehr als 13 Prozent. Diese Aktien zählen zu den zentralen Bausteinen des MSCI-ACWI-IMI-Semiconductors-Index, den der iShares-ETF nachbildet — ihre Schwäche zieht den Fonds direkt mit nach unten.
Angst vor dem Preisgipfel bei Speicherchips
Als Auslöser der Verunsicherung gilt die Sorge, die Preise für Speicherchips könnten bald ihren Höhepunkt erreicht haben. Sundeep Gantori, Chief Investment Officer für Aktien bei Standard Chartered, sieht die Ursache in einer breiteren Stimmungseintrübung. Medienberichte über Chinas Ambitionen bei Speicherchips und Lithografieausrüstung hätten die Nervosität zusätzlich angeheizt.
Konkret verweist Gantori auf Broker-Berichte, die einen Höhepunkt der Speicherpreise bereits für 2027 erwarten. Bei den aktuell hohen Bewertungen reicht diese Aussicht offenbar aus, um Anleger zum Verkauf zu bewegen.
Micron als Paradebeispiel für das Dilemma
Wie widersprüchlich der Markt reagiert, zeigt Micron. Der Speicherchip-Hersteller meldete im dritten Geschäftsquartal einen Umsatz von 41,46 Milliarden Dollar — ein Plus von 345,7 Prozent zum Vorjahr und deutlich über den Erwartungen der Analysten. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 25,11 Dollar, verglichen mit erwarteten 20,28 Dollar.
Firmenchef Sanjay Mehrotra sprach von einem Rekordquartal und einem noch stärkeren Ausblick fürs vierte Quartal. Trotzdem verlor die Micron-Aktie binnen eines Monats über 24 Prozent. Auch Netzwerkchip-Spezialist Credo Technology musste trotz starker Zahlen deutliche Kursabschläge hinnehmen. Gute Ergebnisse allein reichen dem Markt derzeit nicht.
ETF zwischen Korrektur und Jahresgewinn
Der ETF schloss am Freitag bei 16,27 Euro, ein leichtes Plus von 0,27 Prozent zum Vortag. Auf Wochensicht steht dennoch ein Minus von 5,77 Prozent, der Monatsverlust summiert sich auf 17,90 Prozent. Damit notiert der Fonds rund 24 Prozent unter seinem im Juni erreichten 52-Wochen-Hoch von 21,52 Euro.
Die kurzfristige Schwäche relativiert sich beim Blick auf die längere Frist. Seit Jahresbeginn steht immer noch ein Plus von 70,30 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sogar von 125,87 Prozent. Der breit gestreute Ansatz des Fonds über Speicherchips, Foundries und Ausrüstungshersteller bündelt damit sowohl die Wachstumsstory der KI-Nachfrage als auch die kurzfristigen Ausschläge einzelner Teilsegmente.
Ob sich die Sorge um sinkende Speicherpreise 2027 tatsächlich bewahrheitet, bleibt offen. Bis dahin dürfte der Markt weiter zwischen Rekordzahlen der Chipbranche und der Angst vor einem Zyklusende schwanken.
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