Selten lagen die Reaktionen im Tech-Sektor so weit auseinander wie in dieser Woche. Während zwei kleinere Werte mit handfesten Vertragsgewinnen zweistellig zulegten, kassierte ein Schwergewicht der Unternehmenssoftware eine schmerzhafte Herabstufung – von derselben Bank, die anderswo im Sektor gerade erst ihre höchste Kaufüberzeugung ausgesprochen hatte. ServiceNow, IREN, Ondas Holdings, Salesforce und CrowdStrike zeigen damit, wie unterschiedlich Anleger die KI-Story je nach Unternehmen inzwischen bewerten.
ServiceNow: Overweight-Wette vor dem Stimmungstest
ServiceNow-Aktien pendelten zuletzt deutlich, der Kurs notiert bei 85,22 Euro und verlor heute 4,91 Prozent. Auf Wochensicht steht ein Minus von 6,74 Prozent zu Buche, während sich das Papier auf Monatssicht mit einem Plus von 4,67 Prozent noch behauptet. Der RSI von 41,6 signalisiert keine Überverkauftheit, aber auch keinen Optimismus.
Kurz vor dieser Bewegung hatte Morgan Stanley die Coverage mit einem Overweight-Rating aufgenommen. Analyst Sanjit Singh nannte ein Kursziel von 180 US-Dollar – ein Aufwärtspotenzial von rund 77 Prozent auf Zwölfmonatssicht. Der Zeitpunkt ist heikel: Der Softwarekonzern legt seinen Quartalsbericht heute nach Handelsschluss vor, Analysten rechnen mit einem Umsatzplus von 22 Prozent auf 3,93 Milliarden US-Dollar.
Im Hintergrund treibt ServiceNow seine KI- und Sicherheitsstrategie voran. Die Übernahme des Cyber-Asset-Management-Anbieters Armis für 7,8 Milliarden US-Dollar soll das Portfolio erweitern, während das Unternehmen sein KI-Umsatzziel für 2026 auf 1,5 Milliarden US-Dollar angehoben hat. Bis 2030 will ServiceNow die Marke von 30 Milliarden US-Dollar an Jahresabo-Umsatz übertreffen. In der breiter angelegten Softwarenote von Morgan Stanley zählte die Aktie neben Microsoft und CrowdStrike zu den Titeln mit der höchsten Überzeugungsstufe.
IREN: Milliardendeal katapultiert die Aktie nach oben
Kaum ein Wert im Sektor vollzog eine derart scharfe Kehrtwende wie IREN. Der Kurs liegt aktuell bei 36,97 Euro, ein Plus von 2,21 Prozent heute und von 10,77 Prozent auf Wochensicht. Der Auslöser: neue mehrjährige Cloud-Service-Verträge mit führenden KI-Entwicklern im Gesamtvolumen von 2,8 Milliarden US-Dollar, woraufhin das Unternehmen sein Zielumsatz für die annualisierte AI-Cloud-Laufrate von 3,7 auf über 4 Milliarden US-Dollar anhob. Rund 85 Prozent davon gelten inzwischen als vertraglich abgesichert.
Zum Kundenstamm zählen mittlerweile Microsoft, Nvidia und Perplexity. Mitgründer und Co-CEO Daniel Roberts sprach davon, die selbstgebaute AI-Cloud-Kapazität bis Jahresende auf 480 Megawatt auszubauen, mit einem Ziel von 1,2 Gigawatt für 2027. Trotz der jüngsten Erholung bleibt die Aktie auf Monatssicht mit minus 25,75 Prozent tief im Minus – ein Beleg dafür, wie heftig die vorangegangene Verkaufswelle ausfiel. Zum Jahreshoch von 68,61 Euro aus dem November klafft weiterhin eine Lücke von gut 46 Prozent.
Ondas Holdings: Verteidigungsauftrag beflügelt die Kleinaktie
Auch Ondas Holdings profitierte von einem konkreten Auftrag statt bloßer Erwartungen. Das australische Verteidigungsministerium orderte DTIM-Single-Operator-Counter-sUAS-Kits im Wert von 6,9 Millionen US-Dollar, vermittelt über den Partner HIFraser und ausgeliefert über die Tochter DZYNE Technologies. Die Kits kombinieren eine Drohnenerkennungsplattform mit dem tragbaren Dronebuster-Effektor und decken eine Reichweite von mehr als 25 Kilometern ab.
Der Kurs reagierte prompt: Aktuell steht die Aktie bei 7,31 Euro, ein Sprung von 9,92 Prozent allein heute und von 18,48 Prozent binnen einer Woche. CEO Eric Brock verwies auf die wachsende globale Priorität bei der Abwehr unbemannter Drohnensysteme. Vom Jahreshoch bleibt Ondas dennoch weit entfernt – die Bewertung liegt trotz der jüngsten Rally deutlich unter dem im Januar erreichten Spitzenwert, was zeigt, wie volatil dieser Titel bleibt.
Salesforce: Herabstufungen drücken auf die Stimmung
Für Salesforce verlief die Woche gegenteilig. Der Kurs fiel auf 144,82 Euro, ein Rückgang von 2,99 Prozent am aktuellen Handelstag. Auf Sicht von sieben Tagen steht ein moderates Minus von 0,59 Prozent zu Buche, seit Jahresbeginn hat die Aktie jedoch massive 36,13 Prozent verloren.
Auslöser der jüngsten Schwäche war eine Herabstufung durch Morgan Stanley von Overweight auf Equal-Weight, verbunden mit einer Kurszielsenkung von 287 auf 185 US-Dollar. Analyst Adam Wood begründete den Schritt damit, dass starke Agentforce-Kennzahlen bislang keine Trendwende beim organischen Wachstum bewirkt hätten, weil das Altportfolio weiter bremse. Die KI-Strategie bewege sich zwar grundsätzlich in die richtige Richtung, gestützt durch Slack, MuleSoft und die anstehende Informatica-Integration – doch schwächere Ergebnisse in Bereichen wie Commerce und Tableau belasteten das Gesamtbild.
Die Herabstufung stand nicht allein da. CLSA nahm die Coverage mit einem Hold-Rating auf, Evercore ISI senkte sein Kursziel leicht, nachdem KeyBanc bereits zuvor auf Sector Weight zurückgestuft hatte. Dennoch bleibt die Wall Street mehrheitlich positiv gestimmt: 39 von 53 Analysten vergeben weiterhin ein Buy-Rating oder höher. Agentforce erreichte zuletzt eine annualisierte Laufrate von 3,4 Milliarden US-Dollar, trägt bei einem prognostizierten Gesamtumsatz von rund 46 Milliarden US-Dollar aber erst etwa 7 Prozent zum Geschäft bei.
CrowdStrike: Rekordquartal, Aktiensplit und neue Kursziele
CrowdStrike bleibt trotz jüngstem Gegenwind einer der fundamental stärksten Werte im Vergleich. Aktuell notiert die Aktie bei 163,54 Euro, ein Rückgang von 2,94 Prozent heute und von 9,50 Prozent binnen einer Woche – auf Monatssicht steht dagegen ein Plus von 10,63 Prozent.
Der jüngste Quartalsbericht zeigte ein Wachstum der Net-New-ARR von 32 Prozent, verbunden mit einer angehobenen Prognose für das laufende Geschäftsjahr. Der Gesamtumsatz kletterte um 26 Prozent auf 1,39 Milliarden US-Dollar – das vierte Quartal in Folge mit beschleunigtem Wachstum. CEO George Kurtz bezeichnete es als Wendepunkt, in dem KI-Labore wie Anthropic und OpenAI das Unternehmen von Beginn an zur Absicherung neuer Modelle einbinden. Parallel dazu wurde ein Vier-für-eins-Aktiensplit wirksam, der den Kurs rechnerisch deutlich reduzierte, ohne den fundamentalen Wert zu ändern.
Mehrere Banken reagierten mit angehobenen Kurszielen: Benchmark, UBS und Stifel bestätigten ihre Kaufempfehlungen. Auch Morgan Stanley zählte CrowdStrike in seiner Softwarenote zu den Titeln höchster Überzeugung – ein Kontrast zur gleichzeitigen Herabstufung von Salesforce in derselben Analyse.
Sektordynamik im Überblick
Die Bewegungen dieser Woche lassen sich in wenigen Punkten zusammenfassen:
- KI-Infrastruktur mit Sofortreaktion: IREN und Ondas Holdings sprangen nach konkreten Vertragsgewinnen zweistellig nach oben.
- Plattformführer bleiben gefragt: ServiceNow und CrowdStrike erhalten trotz Sektorskepsis frische Kaufüberzeugung großer Banken.
- Etablierte Software unter Beweisdruck: Salesforce muss zeigen, dass Agentforce mehr ist als ein Nebenschauplatz.
- Bewertungsspanne wächst: Innerhalb derselben Analystennote finden sich sowohl Top-Picks als auch Herabstufungen.
Tech-Sektor zwischen KI-Euphorie und Bewertungssorgen
Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob sich die Spaltung im Sektor fortsetzt. Für ServiceNow entscheidet der heutige Quartalsbericht, ob die optimistische These von Morgan Stanley trägt. IREN muss beweisen, dass sich der Kapazitätsausbau auf 1,2 Gigawatt tatsächlich in Verträge übersetzen lässt, während Ondas auf weitere Verteidigungsaufträge nach dem australischen Erfolg hofft. Salesforce steht vor der Aufgabe, Agentforce endlich spürbar ins Umsatzwachstum einfließen zu lassen. CrowdStrike wiederum muss sein noch junges AIDR-Geschäft skalieren, um die im Vergleich zum Sektor erhöhte Bewertung zu rechtfertigen.
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