Ein Hedgefonds wird von seinen Banken zum Notverkauf gezwungen. Die Aktie taumelt binnen weniger Tage von einem Tief zu einer Rally von über 30 Prozent. Und mittendrin bekräftigt eine Wall-Street-Bank ihr Kursziel, das mehr als das Doppelte des aktuellen Kurses verspricht. IREN hat eine der wildesten Handelswochen des Jahres hinter sich.
Am Freitag schloss die Aktie des KI-Cloud- und Bitcoin-Mining-Unternehmens bei 31,91 Euro, ein Minus von 3,88 Prozent an nur einem Handelstag. Über die vergangene Woche steht ein Rückgang von 2,09 Prozent, über den Monat sogar von 16,22 Prozent. Die Zahlen zeigen: Die Erholung von Donnerstag hat den Ausverkauf davor nicht annähernd wettgemacht.
Der Auslöser: Ein Fonds implodiert
Die extreme Schwankung geht auf eine erzwungene Liquidation zurück. Der Hedgefonds Situational Awareness hielt IREN-Aktien im Wert von 401 Millionen Dollar, eingebettet in ein Portfolio mit 8,5 Milliarden Dollar an verwandten KI-Infrastruktur-Wetten.
Als Goldman Sachs, JPMorgan und Bank of America Nachschussforderungen stellten, musste der Fonds tagelang zwangsweise verkaufen. Der Kurs rutschte am 29. Juli bis auf 29,31 Euro. Zusätzlichen Druck brachte eine Neubewertung der gesamten KI-Infrastruktur-Branche, nachdem Meta Mitte Juli sein eigenes Projekt Meta Compute vorstellte. Der Markt begann daraufhin, große Cloud-Anbieter nicht mehr nur als Kunden, sondern auch als Konkurrenten der GPU-Cloud-Anbieter zu behandeln.
Bernstein bleibt bei seiner Kaufempfehlung
Mitten in diesem Sturm veröffentlichte Bernstein-Analyst Gautam Chhugani eine Notiz mit dem Titel „The semis guys have your back“. Er bestätigte sein Kaufrating und sein Kursziel von 100 Dollar – das entspricht einem Aufwärtspotenzial von über 161 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau.
Chhugani verwies auf aktuelle Deals in der Branche: eine Vereinbarung zwischen Chiphersteller AMD und Core Scientific sowie ein Geschäft zwischen Hut 8 und Nvidia, das Berichten zufolge bis zu 50 Milliarden Dollar wert sein soll. Sein Argument für IREN: Das Unternehmen bleibt ein vertikal integrierter Neocloud-Anbieter. Es sichert sich Land und Strom, entwirft und baut eigene Rechenzentren und kauft, betreibt sowie wartet die GPU-Hardware selbst.
Am Freitag legte die Aktie zunächst weitere 7 Prozent zu – nach einem Kurssprung von rund 31 Prozent am Donnerstag, ausgelöst durch Berichte über den Fondsausverkauf.
Die Wall Street bleibt gespalten
Nicht alle Analysten teilen Chhuganis Zuversicht. Der Konsens liegt bei „Moderate Buy“, basierend auf acht Kauf-, drei Halte- und einer Verkaufsempfehlung aus den vergangenen drei Monaten. Das durchschnittliche Kursziel von 75,18 Dollar impliziert ein Potenzial von rund 97 Prozent – deutlich weniger optimistisch als Bernsteins Einzelmeinung, aber immer noch substanziell.
Verträge sind da, die Umsetzung fehlt noch
Abseits der Analystendebatte richtet sich die Aufmerksamkeit der Aktionäre zunehmend auf die operative Umsetzung. IREN gibt an, dass bereits rund 85 Prozent seines Jahresziels von über 4 Milliarden Dollar an annualisiertem AI-Cloud-Umsatz vertraglich gesichert sind.
Die eigentliche Herausforderung liegt in der Lieferung. Das Jahresendziel liegt fast beim 30-Fachen des annualisierten AI-Cloud-Umsatzes aus dem März-Quartal – auch wenn beide Werte nicht direkt vergleichbar sind. Das Geschäftsmodell selbst verschiebt sich zudem langsamer, als es die Kursfantasie vermuten lässt: Im März-Quartal entfielen noch 76,8 Prozent des Gesamtumsatzes auf Bitcoin-Mining, nur 23,2 Prozent kamen aus dem AI-Cloud-Geschäft.
Die Bewertung am Markt hat sich also schneller gewandelt als das tatsächliche Geschäft dahinter.
Charttechnik zeigt tiefe Korrektur
Der aktuelle Kurs liegt rund 25 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 42,58 Euro und dem 200-Tage-Durchschnitt von 42,14 Euro. Gegenüber dem Allzeithoch vom November 2025 bei 68,61 Euro beträgt der Abstand 53,48 Prozent. Die Aktie bleibt damit trotz der Erholung am Wochenende klar in der Korrekturzone.
Gleichzeitig liegt der Kurs fast 140 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 13,31 Euro vom 1. August 2025. Das zeigt, wie stark sich das Blatt für IREN binnen eines Jahres gewendet hat – vom reinen Bitcoin-Miner zum umkämpften KI-Infrastruktur-Wert.
Die kommende Woche dürfte zeigen, wessen Lesart sich durchsetzt: Bernsteins Überzeugung von einer strukturellen Neubewertung der Branche oder die Vorsicht der breiteren Wall Street, die auf die Nachwirkungen der Zwangsverkäufe und auf das Tempo der Vertragsumsetzung schaut.
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