Wer zuletzt auf Intels Zahlen und den Kurs gleichzeitig blickte, konnte leicht den Überblick verlieren. Auf der einen Seite: das stärkste Umsatzwachstum seit 15 Jahren, getragen vom Hunger der Welt nach KI-Rechenleistung. Auf der anderen Seite: eine Aktie, die binnen 30 Tagen um 30,13 Prozent eingebrochen ist. Diese Gegensätze definieren gerade die gesamte Intel-Story.
Zwei Wirklichkeiten, ein Kurs
Erst vor rund einem Monat, am 30. Juni, markierte die Aktie mit 124,58 Euro ihr 52-Wochen-Hoch. Inzwischen liegt der Kurs 35,34 Prozent darunter. Zoomt man weiter heraus, bleibt das Bild trotzdem beeindruckend: Auf Zwölfmonatssicht steht ein Plus von 351,82 Prozent zu Buche.
Diese Spanne zwischen kurzfristigem Ausverkauf und langfristiger Kursrakete ist kein Zufall. Sie spiegelt einen Streit zwischen zwei Lesarten wider: Die eine schaut auf explodierende Nachfrage, die andere auf die Kosten der großen Wette.
Die Nachfrage ist real
Im zweiten Quartal erzielte Intel einen Umsatz von 16,1 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Plus von 25 Prozent zum Vorjahr. Treiber war das Data-Center-und-KI-Segment, das um 59 Prozent auf 6,3 Milliarden Dollar zulegte. Rekordnachfrage nach Server-Prozessoren und das Hochfahren der neuen Xeon-6-Reihe trugen den größten Teil dazu bei.
Auch beim Umbau zur Auftragsfertigung macht Intel Fortschritte. Fortinet ist der erste namentlich genannte Kunde für fortschrittliche Sicherheitschips. Der 18A-P-Prozess ist bereits in die Risikoproduktion eingetreten, ein wichtiger Schritt vor der Serienfertigung. Zusätzlich haben Synopsys, Cadence und Siemens ihre KI-gestützten Design-Werkzeuge für den kommenden 14A-Knoten zertifiziert. Das signalisiert: Die Branche stellt sich bereits auf Intels künftige Fertigungskapazität ein.
Der Preis des Umbaus
Doch dieser Umbau kostet. Intel hat seine Investitionsprognose für 2026 auf über 20 Milliarden Dollar angehoben. Für 2027 erwartet der Konzern einen noch deutlich höheren Betrag. Hinzu kommt eine Belastung von 12,5 Milliarden Dollar aus einer Neubewertung im Zusammenhang mit dem CHIPS Act. Das drückte den Konzern unterm Strich in einen GAAP-Nettoverlust von 11 Milliarden Dollar.
Für einen Chiphersteller, der gerade erst wieder Tritt fasst, sind das gewaltige Summen. Kein Wunder, dass ein Teil des Marktes nervös reagiert.
Wird sich die Börse am Ende am Rekordumsatz von 16,1 Milliarden Dollar orientieren oder an den wachsenden Investitionsanforderungen? Diese Frage dürfte maßgeblich darüber entscheiden, ob Intel seine Juni-Höchststände zurückerobert. Der technische Indikator RSI liegt aktuell bei 36,7 und nähert sich damit überverkauftem Terrain – ein Hinweis darauf, dass der Ausverkauf der vergangenen Wochen bereits weit fortgeschritten ist.
Was Analysten sagen
Die Mehrheit der Analysten bleibt trotz der Turbulenzen zuversichtlich. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 101,67 Euro, ein möglicher Aufschlag von 26,2 Prozent. Bank of America geht sogar davon aus, dass Intel dank operativer Hebelwirkung seinen Gewinn in den kommenden drei bis vier Jahren vervierfachen könnte, sobald die Foundry-Sparte reif ist.
Sollte sich diese Hebelwirkung wie skizziert entfalten, wäre der aktuelle Kursrückgang aus heutiger Sicht nur eine Randnotiz. Bis dahin muss Intel beweisen, dass sich die Milliardeninvestitionen tatsächlich in Marktanteilen niederschlagen – und nicht nur in noch höheren Ausgaben für 2027.
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