Steigende Erzeugerpreise wie seit Anfang 2022 nicht mehr, Verbraucherinflation auf dem höchsten Stand seit drei Jahren — und plötzlich preist der Markt Zinssenkungen der Fed komplett aus. Stattdessen steht eine 30-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung bis Dezember im Raum. Die Folgen für den Rohstoffsektor könnten kaum unterschiedlicher ausfallen: Edelmetalle verlieren an Boden, Energierohstoffe profitieren von der kriegsbedingten Versorgungskrise, und Uran wird zum Spielball atomarer Eskalationsrhetorik.
Silber: Sechstes Defizitjahr in Folge stützt den Boden
Silber hat sich deutlich von seinem Allzeithoch bei rund 122 Dollar je Unze aus dem Januar entfernt. Zuletzt notierte das Metall bei knapp 87 Dollar — immer noch mehr als 51 Dollar über dem Vorjahresniveau.
Die Gewinne kamen trotz einer Verdoppelung der indischen Einfuhrzölle auf Gold und Silber von 6 auf 15 Prozent zustande. Die gedämpften Zinssenkungserwartungen begrenzten allerdings das Aufwärtspotenzial. Silber profitiert von seinem Doppelcharakter: Rund die Hälfte der globalen Nachfrage entfällt auf industrielle Anwendungen — Solarmodule, Elektronik, Medizintechnik.
Strukturell bleibt das Bild konstruktiv. Der Silbermarkt dürfte 2026 zum sechsten Mal in Folge ein Defizit aufweisen. J.P. Morgan sieht den Durchschnittspreis für das Gesamtjahr bei 81 Dollar je Unze — mehr als das Doppelte des Durchschnitts von 2025. Bemerkenswert ist, dass das starke Silber-Momentum inzwischen auf Platin und Palladium überschwappt. Beide Metalle holen eine lange Phase relativer Underperformance auf.
Gold: Zinsfantasie stirbt, strukturelle Nachfrage lebt
Gold handelte gestern unter der Marke von 4.700 Dollar je Unze. Zwei Verlustsitzungen in Folge haben den Preis auf 4.697 Dollar gedrückt — rund 14 Prozent unter dem Allzeithoch vom Januar.
Kyle Rodda, Senior-Finanzmarktanalyst bei Capital.com, brachte die Lage auf den Punkt: Die Inflationsdaten hätten die Hoffnungen auf Zinssenkungen nicht nur verwässert, sondern praktisch ausgelöscht. Der Markt preise inzwischen ein, dass der nächste Schritt der Fed eine Erhöhung sein könnte. Für ein nicht verzinsliches Asset wie Gold ist das Gift.
Die Großhandelsinflation beschleunigte sich im April auf das schnellste Tempo seit 2022. Höhere Handels- und Energiekosten im Zusammenhang mit dem Irankrieg trieben die Erzeugerpreise. Die Verbraucherinflation kletterte auf 3,8 Prozent.
Trotz des kurzfristigen Gegenwinds bleibt das langfristige Fundament intakt:
- Die Goldnachfrage erreichte im ersten Quartal 2026 einen Rekordwert von 193 Milliarden Dollar — ein Plus von 74 Prozent im Jahresvergleich
- J.P. Morgan prognostiziert einen Durchschnittspreis von 5.055 Dollar im vierten Quartal 2026
- Bis Ende 2027 sollen die Preise auf 5.400 Dollar steigen
Die aktuelle Schwäche wirkt wie eine makrogetriebene Korrektur, kein struktureller Trendbruch.
Brent Crude: IEA warnt vor historischem Lagerabbau
Brent Crude legte gestern auf 105,55 Dollar je Barrel zu und notiert damit rund 11 Prozent über dem Niveau von vor einem Monat. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei über 80 Prozent — ein Ausdruck der extremen Unsicherheit am Ölmarkt.
Die Internationale Energieagentur wählte ungewöhnlich drastische Worte: Mehr als zehn Wochen nach Kriegsbeginn im Nahen Osten erschöpften die Versorgungsverluste durch die Straße von Hormuz die globalen Lagerbestände in Rekordtempo. Im April ging die globale Ölversorgung um weitere 1,8 Millionen Barrel pro Tag zurück. Die Gesamtverluste seit Beginn des Konflikts am 28. Februar summieren sich auf 12,8 Millionen Barrel täglich.
Die beobachteten Ölvorräte fielen im März und April um rund vier Millionen Barrel pro Tag. Saudi-Arabien meldete der OPEC, dass die eigene Produktion auf den niedrigsten Stand seit 1990 gesunken sei.
Die EIA erwartet, dass die globalen Lagerbestände im zweiten Quartal durchschnittlich um 8,5 Millionen Barrel pro Tag fallen — ein Szenario, das Brent-Preise um 106 Dollar im Mai und Juni stützen dürfte. Morgan Stanley geht davon aus, dass der Markt im Verlauf des Jahres eine weitere Milliarde Barrel verlieren wird. Die Gründe: Die Wiederinbetriebnahme von Ölfeldern, Raffinerie-Reparaturen und die Neupositionierung der Tankerflotte brauchen Zeit.
Rohöl WTI: Dreistellig im Kriegsmodus
WTI stabilisierte sich am Mittwoch bei rund 102 Dollar je Barrel. In den drei vorangegangenen Sitzungen hatte die US-Benchmark 7,6 Prozent zugelegt. Seit Beginn des Konflikts sind sowohl WTI als auch Brent um mehr als 45 Prozent gestiegen.
Die diplomatische Lage bleibt festgefahren. Trump bezeichnete den Waffenstillstand als „unglaublich schwach“ und Irans Friedensvorschläge als „Müll“. Washington wies Teherans jüngste Antwort auf das vorgeschlagene Rahmenabkommen zurück. Die Straße von Hormuz bleibt durch US-amerikanische und iranische Kräfte eingeschränkt — und genau diese Blockade ist das größte Hindernis in den Verhandlungen.
Die jüngsten Lagerbestandsdaten unterstreichen die Anspannung: Die US-Rohölvorräte fielen um 4,3 Millionen Barrel, fast das Doppelte der Markterwartungen. JPMorgan-Analysten rechnen damit, dass die Ölpreise für den Großteil des Jahres im niedrigen dreistelligen Bereich verbleiben, mit einem Jahresdurchschnitt von 97 Dollar.
Uran: Teherans Atomdrohung als Preiskatalysator
Uran notierte zuletzt bei 86,30 Dollar je Pfund — rund 21 Prozent über dem Vorjahresniveau. Die Preisentwicklung wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Der geopolitische Kontext ist es nicht.
Teheran drohte am Dienstag, Uran auf waffentaugliche 90 Prozent anzureichern, sollten die USA ihre Militärschläge wieder aufnehmen. Das Schicksal von rund 400 Kilogramm auf 60 Prozent angereichertem Uran — nur ein technischer Schritt von waffenfähigem Material entfernt — bleibt unklar. US-Geheimdienste schätzen, dass das iranische Atomprogramm ohne Entfernung oder Zerstörung dieses Bestands nicht wesentlich beeinträchtigt wird.
Neben der Geopolitik stützt eine ganz andere Kraft den Uranmarkt: der Hunger der Tech-Giganten nach Kernenergie für ihre KI-Rechenzentren. Meta unterzeichnete Vereinbarungen über bis zu 7,8 Gigawatt Kernkraftkapazität, Microsoft sicherte sich über 800 Megawatt. Kleine modulare Reaktoren rücken damit vom Nischenthema zum strategischen Investmentfeld auf.
Zwei Lager, ein Sektor
Der Rohstoffmarkt zeigt Mitte Mai eine scharfe Zweiteilung. Martijn Rats, Rohstoffstratege bei Morgan Stanley, formulierte es gegenüber Kunden unmissverständlich: Dies sei die größte Ölversorgungsunterbrechung in der Geschichte des Ölmarktes — weder Übertreibung noch umstritten.
Gold und Silber stehen auf der anderen Seite. Obwohl beide traditionell als Inflationsschutz gelten, lastet der Zinsanstieg schwer auf den nicht verzinslichen Metallen. Händler haben eine Fed-Zinssenkung für 2026 weitgehend abgeschrieben. Uran wiederum bewegt sich in einem eigenen Orbit: geopolitische Risikoprämie durch die iranische Atomdrohung oben, strukturelle KI-Nachfrage unten.
Rohstoffmarkt im Griff zweier Variablen
Die kommenden Wochen hängen an zwei Stellschrauben: dem Verlauf der US-Iran-Verhandlungen und der weiteren Inflationsentwicklung. Die EIA geht davon aus, dass die Straße von Hormuz bis Ende Mai geschlossen bleibt. Ein Beginn der Erholung des Schiffsverkehrs wird frühestens im Juni erwartet — das Vorkonfliktniveau dürfte erst deutlich später erreicht werden.
Die IEA warnte, dass bei dem bereits rekordverdächtigen Lagerabbau weitere Volatilität vor der Sommerbedarfsspitze wahrscheinlich ist. Selbst wenn der Konflikt im Juni endet, könnte der Markt bis Oktober stark unterversorgt bleiben.
Für Gold und Silber gilt: Die aktuelle Schwäche ist makrogetrieben, nicht strukturell. Das globale wirtschaftliche und geopolitische Umfeld dürfte Edelmetallpreise im Jahresverlauf weiter stützen. Die physische Liquidität am Londoner Silbermarkt bleibt angespannt. Und sollte die Fed ihren Kurs erneut korrigieren müssen, könnte die Zinsfantasie schneller zurückkehren, als der Markt derzeit einpreist.
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