IBM zwischen KI-Offensive und Mainframe-Krise: Wohin führt die zweite Jahreshälfte?

IBM setzt auf KI-Partnerschaften und Quantenfortschritt, kämpft aber mit schwachen Mainframe-Zahlen. Die gesenkte Prognose belastet den Aktienkurs weiterhin.

Auf einen Blick:
  • IBM baut OpenAI-Praxis auf
  • 240-Millionen-Deal mit Together AI
  • Quantencomputer-Projekt erreicht Meilenstein
  • Mainframe-Umsatz bricht um 42 Prozent ein

Ausgangslage

IBM treibt seine KI-Strategie derzeit in bemerkenswertem Tempo voran. Am 13. August verkündete der Konzern eine strategische Partnerschaft mit OpenAI: IBM Consulting baut eine eigene OpenAI-Praxis auf und will Zehntausende Berater auf GPT-5.6, Codex und ChatGPT Work zertifizieren.

Wenige Tage zuvor, am 11. August, unterzeichnete IBM mit Together AI eine Mehrjahresvereinbarung über 240 Millionen US-Dollar für ein großes NVIDIA-HGX-B300-Inferenzcluster auf IBM Cloud, das ab dem ersten Quartal 2027 online gehen soll.

Parallel meldete IBM am 19. August einen technischen Fortschritt beim Quantencomputer-Projekt Quantum Starling: Zwei kryogene Module wurden erfolgreich verbunden und auf unter 15 Millikelvin gekühlt – ein Etappenziel auf dem Weg zum für 2029 angepeilten fehlertoleranten Quantenrechner.

Diese Nachrichtenflut trifft auf eine Aktie, die sich von ihrem Kurssturz Mitte Juli noch nicht erholt hat. Der Kurs notiert bei 198,76 Euro und damit rund 32 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 292,85 Euro. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 24 Prozent zu Buche. Genau das macht den Moment entscheidend: Kann die KI-Offensive das Vertrauen zurückgewinnen, das der Konzern mit seinen Mainframe-Zahlen verspielt hat?

Die entscheidende Frage

Der zentrale Faktor für die kommenden Monate ist simpel: Stabilisiert sich das Infrastruktur-Geschäft, oder frisst der Mainframe-Einbruch weiter am Vertrauen der Anleger? Im zweiten Quartal 2026 brach der Umsatz mit der Z-Mainframe-Linie um 42 Prozent ein, weil Kunden ihre Käufe vor erwarteten Preiserhöhungen vorgezogen hatten.

Die Infrastruktursparte insgesamt verlor 7 Prozent, während der Gesamtumsatz mit 17,16 Milliarden US-Dollar knapp unter der Konsenserwartung von 17,58 Milliarden blieb. IBM senkte daraufhin seine Jahresprognose für das konstant-währungsbereinigte Umsatzwachstum auf 4 bis 5 Prozent, nachdem zuvor mehr als 5 Prozent in Aussicht gestellt worden waren.

Die Software-Sparte wuchs im selben Zeitraum um 5 Prozent, das Beratungsgeschäft stagnierte. Diese Divergenz ist der Kern des Anlegerdilemmas: IBM verkauft sich zunehmend als KI- und Software-Konzern, doch die Bilanz zeigt noch immer, wie stark das traditionelle Hardware-Geschäft die Gesamtzahlen belasten kann.

Bullisches Szenario

Setzt sich der Software- und KI-Trend fort, könnte IBM die Mainframe-Delle als vorgezogenen Einmaleffekt abhaken. Die Partnerschaften mit OpenAI und Together AI signalisieren, dass IBM sich als Infrastruktur- und Beratungspartner für generative KI positionieren will, statt nur eigene Modelle zu entwickeln.

Gelingt es, die angekündigten Zertifizierungswellen bei IBM Consulting tatsächlich in neue Aufträge umzumünzen, könnte die Beratungssparte aus der Stagnation herausfinden.

Der technische Fortschritt bei Quantum Starling untermauert zudem die Erzählung eines Technologiekonzerns mit langfristiger Substanz jenseits des klassischen Mainframe-Geschäfts – ein Argument, das institutionelle Anleger mit langem Anlagehorizont überzeugen könnte.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt in der Nachhaltigkeit der Mainframe-Schwäche. Der 42-prozentige Einbruch war laut Unternehmensangaben durch vorgezogene Käufe vor Preiserhöhungen bedingt – doch ob sich die Nachfrage tatsächlich in den Folgequartalen normalisiert oder strukturell schwächer bleibt, ist offen.

Die gesenkte Jahresprognose zeigt, dass IBM selbst mit anhaltendem Gegenwind rechnet. Hinzu kommt: Die milliardenschweren KI-Investitionen und -Partnerschaften erzeugen noch keine unmittelbaren Umsatzbeiträge, das Together-AI-Cluster etwa geht erst 2027 in Betrieb.

Bis dahin muss der Markt der Story vertrauen, ohne harte Zahlen zu sehen. Technisch untermauert wird die Skepsis durch die Kursschwäche: Die Aktie notiert 7,2 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt, ein Zeichen, dass der kurzfristige Trend trotz der News-Dichte noch nicht gedreht hat.

Ausblick

Solange die Mainframe-Zahlen sich nicht stabilisieren, bleibt die KI-Story für IBM ein Zukunftsversprechen ohne bilanziellen Unterbau. Kippt die Nachfrage nach dem Vorzieheffekt tatsächlich in eine nachhaltige Erholung des Z-Geschäfts, dürfte das Vertrauen in die Gesamtstrategie schneller zurückkehren, als es die aktuelle Kursschwäche vermuten lässt.

Der nächste konkrete Prüfstein ist die Quartalsberichterstattung im Herbst, in der sich zeigen muss, ob die im Juli gesenkte Jahresprognose gehalten werden kann. Bis dahin bleibt die Aktie ein Fall für Anleger, die bereit sind, kurzfristige Volatilität gegen eine langfristige KI- und Quantencomputing-Wette einzutauschen.

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