IBM: Historischer Kurssturz aus dem Nichts

IBM erlitt an der Wall Street einen schweren Kurssturz. Enttäuschende Quartalszahlen und gekürzte IT-Budgets belasten die Aktie enorm.

Auf einen Blick:
  • Schlechtestes Börsenjahr seit 1987
  • Umsatzverfehlung von 660 Millionen Dollar
  • KI-Boom verursacht Budgetverschiebungen
  • Management räumt Fehler ein

Was am vergangenen Dienstag mit der IBM-Aktie passierte, hat es in der 110-jährigen Börsengeschichte des US-Konzerns noch nicht gegeben. Das Papier brach an der New Yorker Börse um 25,2% ein und übertraf damit sogar den Kursrutsch des Schwarzen Montags im Oktober 1987, als die Aktie knapp 23% verloren hatte. Rund 68 Mrd. US-Dollar Börsenwert lösten sich an einem einzigen Handelstag in Luft auf.

Ein solcher Absturz bei einem etablierten, hochprofitablen Blue Chip dieser Größenordnung ist ein absolutes Ausnahmeereignis. Sowas erleben Investoren nur, wenn etwas vorgefallen ist, was absolut unvorhersehbar war. Nur wenige Tage vor dem Kurssturz hatten Analysten noch vereinzelt ihre Kursziele für IBM angehoben. Die Bank of America etwa blies mit Kursziel 330 US-Dollar zum Einstieg. Nichts deutete auf das hin, was am vergangenen Dienstag folgen sollte.

Stagnation statt Wachstum: Umsatz im zweiten Quartal enttäuscht

Auslöser für den Kurssturz waren Vorab-Zahlen für das zweite Quartal. Eigentlich wollte IBM seine Quartalszahlen erst heute vorlegen, doch wenn es materielle Abweichungen vom Plan gibt, müssen die Investoren eher informiert werden. Stattdessen also veröffentlichte Konzernchef Arvind Krishna bereits am vergangenen Dienstag einen Brief an die Investoren – und der hatte es in sich.

Der Umsatz im zweiten Quartal lag mit vorläufig 17,2 Mrd. US-Dollar nur 1% über dem Vorjahreswert und damit hohe 660 Mio. US-Dollar unter den Erwartungen der Wall Street. Auch der Gewinn je Aktie lag klar unter den Erwartungen. Im ersten Quartal war IBM noch um rund 9% gewachsen und hatte die Prognosen übertroffen.

IBM Aktie Chart

KI-Boom wird zum Bumerang

Die Ursache für die Verfehlung liegt ausgerechnet im KI-Boom, von dem IBM eigentlich profitieren wollte. Weil die Rechenzentren der großen Cloud-Anbieter jedoch Speicherchips und Server in gewaltigen Mengen aufsaugen, wurden Investitionen in die Software-Produkte von IBM (und anderen) zurückgestellt. Denn die Preise für Server-Speicher haben sich innerhalb eines Jahres teils mehr als verdoppelt. Unternehmen, die wissen, dass bei ihnen die Investoren auch auf die Ausgabenseite schauen, müssen also an anderer Stelle sparen. Die Folge: Das Geld fließt in knappe und immer teurere Hardware – und Ausgaben für Software, Beratung und Großrechner – IBMs Stammgeschäft – werden verschoben. Mehrere große Abschlüsse, mit denen der Konzern fest gerechnet hatte, kamen zum Quartalsende nicht zustande. Man kann argumentieren, dass aufgeschoben nicht aufgehoben ist, doch nicht selten wird aus Kaufauftrag aufgeschoben eben doch ein Kaufauftrag aufgehoben.

Wie ernst der Markt die Vertragsverzögerungen und womöglichen Rücknahmen nimmt, zeigte die anschließende Kettenreaktion: ServiceNow, Salesforce und Accenture gerieten am selben Tag ebenfalls deutlich unter Druck, weil Anleger fürchten, dass die Budgetverschiebungen infolge hoher Hardware-Preise den gesamten Softwaresektor treffen werden. Es ist durchaus vorstellbar, dass die im Juni erfolgte Stabilisierung und Erholung im Software-Sektor jetzt wieder hin ist. Verfehlungen bei den Quartalszahlen drohen hohe Verluste zu verursachen.

Management räumt Fehler ein

IBM zeigt sich jedoch auch selbstkritisch und gibt nicht nur den Marktgegebenheiten Schuld. Krishna schrieb den Aktionären, die Entwicklung sei schlechter ausgefallen als intern erwartet – man habe sich nicht schnell genug an die veränderten Ausgabenmuster der Kunden angepasst, zahlreiche Großaufträge seien deshalb nicht im geplanten Zeitrahmen geschlossen worden. Zugleich gelobte er Besserung: Die Stärke des Portfolios sei ungebrochen, an Strategie und Innovationstempo werde festgehalten.

So ehrlich diese Worte klingen mögen – so einfach ist die Sache nicht. Erstens ist völlig offen, ob die verschobenen Aufträge in den kommenden Quartalen nachgeholt werden oder dauerhaft verloren sind. Wenn IBM heute nach US-Börsenschluss die vollständigen Zahlen samt Ausblick vorlegt, könnte es da mehr Klarheit geben, doch vieles spricht dafür, dass der Konzern dann auch die Jahresprognose senken muss.

Probleme nicht kurzfristig – Vertrauensverlust schadet zusätzlich

 Erste Analysten haben ihre Schätzungen bereits deutlich zurückgenommen – die Bank of America etwa kappte ihr Kursziel von 330 auf 280 US-Dollar. Das impliziert zwar immer noch viel Aufwärtspotenzial, verlassen sollten Sie sich darauf jedoch nicht. Die Umschichtung der IT-Budgets ist keine Eintagsfliege. Die Speicherknappheit dürfte nach Einschätzung der Branche noch weit ins kommende Jahr hinein anhalten. Und solange Hardware knapp und teuer bleibt, steht das Software- und Beratungsgeschäft von IBM unter einem schlechten Stern. Einige Sachen gehen dann im Unternehmensablauf ohne den Software-Riesen.

Hinzu kommt: Das Management hat mit der Meldung sicherlich Vertrauen verspielt. Ein Konzern, der eine Woche vor dem regulären Berichtstermin eine Gewinnwarnung dieser Dimension nachschieben muss, hat die eigene Entwicklung nicht richtig im Blick. Visibilität und Planbarkeit sind ein hohes Gut an der Börse. Wenn es da hakt, dann werden die Investoren dafür einen Abschlag verlangen.

Investition trotz Kursrückgang keineswegs Selbstläufer

Die IBM-Investitionsstory der vergangenen beiden Jahre lautete: verlässliches Wachstum im Softwaregeschäft rund um Red Hat, stabile Cashflows, Quanten-Technologie und ein unaufgeregter Weg, um am KI-Thema mitzuverdienen. Dieser Hintergrund ist nun beschädigt. Aus dem soliden Standard-Titel ist ein risikoreicheres Investment geworden, weil IBMs Geschäft durch KI schwankungsstärker in beide Richtungen geworden ist.

Nach einem Minus von 25% mag das Papier optisch günstig erscheinen – doch wer jetzt zugreift, kauft keinen berechenbaren Blue Chip mehr, sondern spekuliert auf einen schnellen Turnaround. Mit den heute Abend anstehenden Zahlen, einer wahrscheinlichen Prognosesenkung, strukturellem Gegenwind durch anhaltend teure Hardware und einem Management, das die Anleger gerade erst kalt erwischt hat, überwiegen meines Erachtens die Risiken.

IBM Aktie Chart

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