International Business Machines hat einen der schwärzesten Handelstage seiner Geschichte hinter sich – und ringt nun darum, das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. Am 14. Juli brach die Aktie um 25 Prozent ein, den größten Tagesverlust seit 1968. Auslöser war eine vorläufige Zahlenmeldung, die deutlich unter den Erwartungen der Wall Street lag. Als das Unternehmen die vollständigen Ergebnisse am 22. Juli bestätigte, traf der Gewinn je Aktie von 2,93 US-Dollar zwar die inzwischen gesenkte Messlatte, der Umsatz von 17,16 Milliarden Dollar verfehlte aber selbst die nachjustierte Konsensschätzung von 17,46 Milliarden Dollar knapp.
Konzernchef Arvind Krishna machte für die Enttäuschung eine Verschiebung der Kundenausgaben verantwortlich: Firmen investieren derzeit verstärkt in KI-Hardware statt in Software, viele Abschlüsse verzögern sich. Zusätzlich belastet, dass die von Anthropic vorgestellte KI namens Mythos bei Kunden offenbar eine Zurückhaltung bei Cybersicherheits-Budgets auslöst. Am Freitag honorierte der Markt zumindest die Klarheit: Die Aktie schloss bei 188,38 Euro und legte um 3,74 Prozent zu. Auf Jahressicht bleibt die Bilanz mit minus 27,52 Prozent aber deutlich negativ.
Erinnerungen an die Februar-Episode
Für IBM-Beobachter fühlt sich das Szenario bekannt an. Bereits im Februar hatte ein Anthropic-Werkzeug zur Modernisierung von Cobol-Code einen Kurssturz von 13,15 Prozent ausgelöst, damals der schlechteste Tag seit dem Jahr 2000. Die Aktie erholte sich bis Juni vollständig. Ob das diesmal wieder gelingt, ist unter Analysten umstritten. Für die Bullen spricht, dass die Softwareumsätze im ersten Quartal um 11 Prozent auf 7,05 Milliarden Dollar zulegten und IBM gemeinsam mit dem US-Handelsministerium an einer Quantencomputer-Fabrik mit Zielmarke 2029 arbeitet. Die Bären verweisen dagegen auf Wettbewerber wie Salesforce und ServiceNow, die im laufenden Jahr rund ein Drittel ihres Börsenwerts verloren haben – ein Indiz dafür, dass Software-Budgets branchenweit zugunsten von KI-Infrastruktur umgeschichtet werden, während Chip- und Cybersicherheitswerte deutlich zulegen konnten.
Auch institutionelle Investoren zeigen sich vorsichtiger. Zum Ende des ersten Quartals hielten noch 59 Hedgefonds IBM-Aktien, nach 63 im Vorquartal. Gleichzeitig bleibt der Streubesitz breit gestreut: Nach vorliegenden Daten halten Institutionelle knapp 59 Prozent der Anteile, kleinere Vermögensverwalter wie Matrix Private Capital Group oder Lombard Odier Asset Management bauten ihre Positionen zuletzt eher moderat auf beziehungsweise leicht ab.
Analysten zwischen Vorsicht und Kaufempfehlung
Die Kursziel-Anpassungen nach dem Crash fielen deutlich aus, ohne dass die grundsätzliche Einschätzung kippte. Citi senkte sein Kursziel auf 245 Dollar, beließ die Einstufung aber bei Kaufen. Argus reduzierte seine Zielmarke auf 280 Dollar, ebenfalls mit Kaufempfehlung. Der Analyst Thomas Martin brachte die Stimmung pointiert auf den Punkt: IBM werde für eine gewisse Zeit im „Strafraum“ bleiben. Über alle Häuser hinweg liegt die durchschnittliche Einstufung weiterhin bei „Moderate Buy“, das mittlere Kursziel bei rund 265 Dollar. IBM zahlt zudem unverändert eine Quartalsdividende von 1,69 Dollar je Aktie, was einer Rendite von etwa 3,2 Prozent entspricht – ein Argument, das defensiv orientierte Anleger trotz der Turbulenzen im Blick behalten dürften.
Quantenwette und KI-Aufträge als Hoffnungsträger
Abseits der Quartalszahlen verweist IBM auf strukturelles Wachstum im KI-Geschäft: Die kumulierten Auftragseingänge aus KI-Projekten haben seit Mitte 2023 die Marke von zwei Milliarden Dollar überschritten, doppelt so viel wie zuvor ausgewiesen. Rund drei Viertel davon entfallen laut Krishna auf das Beratungsgeschäft, der Rest auf Software. Für zusätzlichen Gesprächsstoff sorgte am Sonntag eine Andeutung des Investors Jim Cramer, wonach es beim IBM-Vorstandschef eine Überraschung geben könnte – konkrete Details blieben jedoch offen. Für Anleger bleibt die Kernfrage, ob sich das Muster aus dem Februar wiederholt oder ob der aktuelle Rückgang bei Cybersicherheits- und Softwarebudgets tiefer sitzt als beim ersten KI-Schreck.
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