IBM steckt in einem Dilemma, das paradoxer kaum sein könnte. Der KI-Boom, der andere Tech-Konzerne beflügelt, wird für Big Blue gerade zur Belastung. Kunden geben zwar mehr Geld für Künstliche Intelligenz aus – nur eben nicht für das, was IBM verkauft.
Die Hardware frisst die Software auf
Am 14. Juli brach die IBM-Aktie an einem einzigen Tag um 25 Prozent ein. Es war der schärfste Tagesverlust seit 1968. Auslöser war eine Ansage von CEO Arvind Krishna zu den vorläufigen Zahlen des zweiten Quartals.
Krishna beschrieb eine Verschiebung im Kundenverhalten, die IBM direkt trifft. Unternehmen stecken ihr Budget zuerst in physische KI-Infrastruktur – Server, Speicher, Arbeitsspeicher. Die margenstarken Software- und Mainframe-Deals, die traditionell das Rückgrat von IBMs Geschäft bilden, bleiben dabei auf der Strecke.
Die Zahlen aus dem Infrastruktur-Segment zeigen das Ausmaß. Der Umsatz mit den System-z-Mainframes brach um 42 Prozent zum Vorjahr ein. Zwar wuchs der Bereich Distributed Infrastructure um rekordverdächtige 37 Prozent, getragen von starker Nachfrage nach Power- und Storage-Systemen mit einem Auftragsbestand von fast 500 Millionen Dollar. Das reichte aber nicht, um den Einbruch beim Kerngeschäft auszugleichen.
Der Berg aus 10,9 Milliarden Dollar
Anleger schauen inzwischen fast nur noch auf eine einzige Kennzahl: den freien Cashflow. Im ersten Halbjahr 2026 erwirtschaftete IBM 4,8 Milliarden Dollar. Um das Jahresziel von rund 15,7 Milliarden Dollar zu erreichen, muss der Konzern im zweiten Halbjahr etwa 10,9 Milliarden Dollar nachlegen.
Das entspricht einem Plus von 10 Prozent gegenüber der zweiten Jahreshälfte 2025 – und genau diese Hürde bezweifelt der Markt gerade. Die Kursreaktion spricht eine deutliche Sprache: Seit Jahresbeginn hat die Aktie 27,52 Prozent verloren, allein in den vergangenen 30 Tagen waren es fast 21 Prozent. Der Freitagsschluss bei 188,38 Euro liegt fast 20 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 233,84 Euro – ein Zeichen dafür, wie stark der langfristige Aufwärtstrend gebrochen ist.
Forschung glänzt, Anwälte ermitteln
Mitten in dieser Belastungsprobe zeigt IBM, dass die Forschungsabteilung noch liefert. Der Konzern stellte kürzlich einen Chip im Sub-1-Nanometer-Bereich vor – ein 0,7-Nanometer-Design mit 100 Milliarden Transistoren, das die Grenzen des Moore’schen Gesetzes weiter verschieben soll. Technologisch bleibt IBM also relevant, auch wenn das Tagesgeschäft schwächelt.
Parallel dazu wächst der juristische Druck. Mehrere Kanzleien, darunter Bronstein, Gewirtz & Grossman, prüfen inzwischen mögliche Anlegerklagen wegen des Kurseinbruchs vom 14. Juli. Im Zentrum steht die Frage, ob IBM die Aussichten für die Mainframe-Sparte und laufende Geschäftsabschlüsse zu optimistisch dargestellt hat.
Verschoben, nicht verloren?
Charttechnisch nähert sich die Aktie mit einem RSI von 35,5 der überverkauften Zone. Das durchschnittliche Analysten-Kursziel liegt bei 231,06 Euro – gut 22 Prozent über dem aktuellen Niveau. Ein Signal dafür, dass ein Teil der Analystengemeinde den Ausverkauf für übertrieben hält.
Krishna selbst wählt eine vorsichtig optimistische Formulierung: Die Nachfrage nach IBMs Software sei „verschoben, nicht verloren“. Ein Drittel der im zweiten Quartal aufgeschobenen Deals sei mittlerweile abgeschlossen, so der CEO.
Genau darauf läuft jetzt alles hinaus. Kann IBM diese verschobenen Abschlüsse in den kommenden Monaten tatsächlich in echten Cashflow verwandeln – und damit den Berg aus 10,9 Milliarden Dollar erklimmen? Die zweite Jahreshälfte wird zeigen, ob Krishnas Versprechen mehr ist als eine Beruhigungsformel für nervöse Investoren.
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