Weltpremiere im Halbleiterbereich, neue Sicherheitsallianz, starke Vorwochenbilanz — und trotzdem gibt die IBM-Aktie frühe Gewinne wieder ab. Der Markt honoriert Laborerfolge nur begrenzt, solange die kommerzielle Umsetzung fünf Jahre entfernt liegt.
0,7 Nanometer: Das kleinste Transistorgate der Welt
Am 25. Juni präsentierte IBM aus seinem Forschungszentrum in Yorktown Heights die weltweit erste Sub-1-Nanometer-Chiptechnologie. Der neue Transistor arbeitet auf einem 0,7-nm-Knoten — auch 7-Angström-Node genannt. Auf einer fingernagegroßen Fläche packt der Chip knapp 100 Milliarden Transistoren. Das ist fast doppelt so viel wie beim 2-nm-Chip, den IBM 2021 vorstellte.
Möglich macht das eine dreidimensionale Nanostack-Architektur. Statt Transistoren nur flach zu verkleinern, stapelt IBM sie vertikal übereinander — verbunden durch eine ultradünne dielektrische Schicht. Auf der Halbleiterkonferenz VLSI 2026 zeigten IBM-Forscher, dass diese Bauweise 40 Prozent mehr Skalierung im SRAM-Bereich ermöglicht.
Die Leistungsversprechen sind erheblich. Gegenüber den 2-nm-Chips liefert die neue Technologie bis zu 50 Prozent mehr Rechenleistung oder bis zu 70 Prozent weniger Energieverbrauch. Für KI-Beschleuniger rechnet IBM mit einer Verarbeitungsgeschwindigkeit von rund 9.000 Billionen Operationen pro Sekunde — verglichen mit etwa 1.500 heute. Das würde das Training eines großen KI-Modells von drei Monaten auf zwei Wochen verkürzen.
Kein Fertigungspartner, kein Kursschwung
Das ist der Haken. IBM betreibt keine eigenen Chipfabriken mehr und lizenziert seine Designs an Fertigungspartner. TSMC, Samsung und Intel produzieren bereits Chips auf Basis der 2-nm-Architektur. Für den neuen 7-Angström-Knoten hat IBM noch keinen Produktionspartner benannt.
Die Aktie sprang im vorbörslichen Handel am 25. Juni um bis zu 6 Prozent. Bis zum Handelsschluss schmolzen die Gewinne ab. Auf Sieben-Tage-Sicht steht noch ein Plus von 4,68 Prozent. Mit 227,15 Euro liegt der Kurs aber rund 22 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 292,85 Euro, das IBM Anfang Juni markiert hatte.
Palo Alto Networks verstärkt Sicherheitsplattform
Einen Tag vor der Chip-Ankündigung meldete IBM eine Kooperation im Cybersicherheitsbereich. Palo Alto Networks, IBM und Red Hat bündeln ihre Kräfte rund um Project Lightwell — IBMs milliardenschweres Open-Source-Sicherheitsprogramm. Palo Alto Networks bringt seine Virtual-Patching-Funktion ein: Sie schließt Sicherheitslücken auf Netzwerkebene, bevor ein offizieller Software-Patch verfügbar ist. IBM und Red Hat liefern parallel dazu die Software-Remediation.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. KI-gestützte Angriffe spüren Schwachstellen in Softwaresystemen inzwischen schneller auf, als Sicherheitsteams sie schließen können. Die Kooperation soll diese Lücke verkleinern.
Quartalszahlen als nächster Prüfstein
Drei positive Nachrichten in wenigen Tagen — und die Aktie notiert auf Jahressicht noch immer 8,65 Prozent im Minus. Das zeigt, wie hoch die Erwartungen bereits eingepreist waren. Am 22. Juli legt IBM seine Zahlen für das zweite Quartal vor. Die Wall Street erwartet einen Gewinn von 3,00 Dollar je Aktie bei einem Umsatz von 17,85 Milliarden Dollar. Beide Werte lägen deutlich über dem Vorjahresquartal. Dann wird sich zeigen, ob Laborrekorde und Partnerschaften bereits in der Gewinn- und Verlustrechnung ankommen.
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