Der spanische Energiekonzern Iberdrola hat eine äußerst ereignisreiche Woche hinter sich. Das Unternehmen legte nicht nur seine Halbjahreszahlen vor, sondern meldete am Dienstag der Vorwoche auch eine Milliarden-Übernahme, die sich sehr gut in den Kurs des Managements einfügt.
Falls Sie Iberdrola noch nicht auf dem Zettel hatten: Die Spanier zählen zu den größten Stromkonzernen der Welt und haben sich in den vergangenen Jahren immer stärker vom klassischen Versorger zum Netzbetreiber und Erneuerbare Energien-Konzern gewandelt – mit Schwerpunkten in Spanien, Großbritannien, den USA und Brasilien. Nun kommt mit Finnland ein neuer attraktiver Markt hinzu.
80% an Caruna für rund 2 Mrd. Euro
Iberdrola kauft von Finanzinvestoren 80% am finnischen Netzbetreiber Caruna, dem größten Stromverteilnetzbetreiber Finnlands, für etwa 2 Mrd. Euro. Klappt alles wie geplant soll der Deal Ende dieses Jahres beziehungsweise Anfang 2027 über die Bühne gehen und dann auch recht zügig zum Gewinnwachstum beitragen.
Bemerkenswert ist die Dealstruktur: Bei Vollzug wird nur die Hälfte des Kaufpreises fällig, der Rest verteilt sich über die folgenden 2,5 Jahre. Iberdrola kann demnach die Übernahmeaus dem laufenden Cashflow abbezahlen und braucht dafür keine neuen Schulden.
Warum der Finnland-Deal überzeugt
Aus meiner Sicht bringt die Übernahme vor allem eines mit: Stabilität. Börsianer hassen Unsicherheit und lieben wiederkehrende Erlöse – beides bietet Caruna. Die Erlöse der Finnen stammen aus dem regulierten Netzgeschäft und fließen damit über Jahre, unabhängig von Konjunktur und Strompreisentwicklung. Im Netzgeschäft gilt nämlich eine einfache Formel: Der Regulierer garantiert eine feste Verzinsung auf das investierte Kapital – je mehr Iberdrola in das Netz steckt, desto höher fallen die abgesicherten Erträge aus.
Das regulierte Netzgeschäft ist zugleich der Unternehmensbereich, der am meisten vom weltweit stark steigenden Strombedarf profitiert. Elektromobilität, Wärmepumpen und vor allem Rechenzentren treiben die Nachfrage immer weiter hoch. Gerade die KI-Rechenzentren sind der große Hebel: Jede Anfrage an ChatGPT, Claude oder Gemini verbraucht Strom, und der muss durch die Netze transportiert werden.
Man könnte annehmen, dass Finnland ja unbedeutend und dünnbesiedelt sei und deswegen KI-Wachstum dort nicht der große Wurf sein dürfte. Doch das ist zu kurz gedacht. Das Land entwickelt sich dank des kühlen Klimas und einer stabilen Versorgung zunehmend zu einem bevorzugten Standort für Rechenzentren in Europa – Google und Microsoft sind dort bereits aktiv.
Iberdrola Aktie Chart
Halbjahreszahlen: Umsatz und Gewinn wachsen zweistellig
Iberdrola ist ein eifriger Käufer (und Verkäufer) im Strommarkt, und diese „buy and build“-Strategie hat sich für die Aktionäre ausgezahlt: Der Vorsteuer-Gewinn hat sich in den vergangenen 8 Jahren vervierfacht. Auch für 2026 sieht es gut aus. Im zweiten Quartal kletterte der Umsatz um fast 10% auf 10,45 Mrd. Euro, das operative Ergebnis legte dank höherer Gewinnspanne um 13% auf knapp 4 Mrd. Euro zu.
Im gesamten ersten Halbjahr verdienten die Spanier unter dem Strich 4,34 Mrd. Euro, ein Plus von 22% gegenüber dem Vorjahr. Bereinigt um Sondereffekte stieg der Gewinn um 8% – ohne die negativen Währungseffekte hätte das Plus sogar bei 14% gelegen.
Tragende Säule blieb einmal mehr das Netzgeschäft, in das Iberdrola allein im ersten Halbjahr 4,4 Mrd. Euro investierte. Das Management bestätigte die im Frühjahr angehobene Jahresprognose, die für 2026 ein Gewinnwachstum von mehr als 8% impliziert, nach gut 6,2 Mrd. Euro im Vorjahr.
Auch die langfristige Richtung stimmt: Von den geplanten Investitionen in Höhe von über 58 Mrd. Euro bis 2028 fließen rund zwei Drittel in die Netze der Schlüsselmärkte Großbritannien, USA und Spanien – künftig eben auch Finnland. Man könnte annehmen, dass derart hohe Investitionen die Aktionäre belasten. Für Netzbetreiber gilt das Gegenteil: Jeder investierte Euro vergrößert die Basis, auf die der Regulierer eine Rendite garantiert.
Iberdrola Aktie Chart
Rekorddividende und Aktienrückkäufe
Anleger profitieren bei Iberdrola gleich doppelt – über Kurssteigerungen und eine aktionärsfreundliche Ausschüttungspolitik. Für das Geschäftsjahr 2025 zahlte der Konzern eine Rekorddividende von 0,68 Euro je Aktie, ein Plus von 6% gegenüber dem Vorjahr; beim aktuellen Kurs entspricht das einer Rendite von gut 3%.
Parallel dazu kauft der Konzern konsequent eigene Aktien zurück: Das jüngste große Programm über 182,8 Mio. Aktien beziehungsweise rund 2,7% des Grundkapitals ist abgeschlossen, ein weiteres folgte bereits. Diese Kombination aus wachsender Dividende und Rückkäufen zeigt, dass Iberdrola trotz des gewaltigen Investitions-programms genug Geld verdient, um auch die Rückführungs-Interessen von Energieaktien-Investoren zu denken.
Defensive Qualität in unruhigen Zeiten
Sicher, wer Iberdrola mit Chipherstellern oder Rechenzentrum-Zulieferern vergleicht, für den wirken die Spanier wenig aufregend. Aber schauen Sie sich an, was die Aktie gerade in diesen Wochen leistet: Während die Technologiewerte kräftig durchgeschüttelt werden, notiert Iberdrola stabil bei rund 21 Euro und liegt seit Jahresbeginn etwa 15% im Plus – nur rund 1 Euro unter dem erst kürzlich markierten Allzeithoch.
Ein vermeintlich „langweiliger“ Versorger, der die Rendite eines Wachstumswerts abliefert – diese Mischung finden Sie an der Börse selten. Mit der Caruna-Übernahme hat sich der Konzern einen Kandidaten gesichert, der weiteres Wachstum zulässt, ohne das Risiko des Geschäftsmodells zu erhöhen. Für Anleger, die ihr Depot in nervösen Marktphasen stabilisieren wollen, ist Iberdrola damit eine attraktive defensive Beimischung.
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