Iberdrola: Auch defensive Versorger-Aktien können spannend sein
Wer die Wertentwicklung einer Aktie nur am Kursverlauf misst, unterschätzt bei dividendenstarken Unternehmen oft den tatsächlichen Ertrag erheblich. Ein Beispiel dafür möchte ich Ihnen heute anhand der Aktie des spanischen Versorgers Iberdrola bieten – die auch Stammposition in meinem Börsendienst Techaktien Masterclass ist.
Denn wer hier vor vier Jahren eingestiegen ist, hat allein durch Dividendenzahlungen 2,37 Euro je Aktie erhalten – ein Betrag, der in einer reinen Kursgewinnbetrachtung nirgends auftaucht, den tatsächlichen Gesamtertrag jedoch von 100% auf 125% erhöht und Langfrist-Investoren heute 8% Dividendenrendite bietet.
Falls Sie Iberdrola noch nicht auf dem Zettel hatten: Die Spanier zählen zu den größten Stromkonzernen der Welt und haben sich in den vergangenen Jahren immer stärker vom klassischen Versorger zum Netzbetreiber und Erneuerbare-Energien-Konzern gewandelt – mit Schwerpunkten in Spanien, Großbritannien, den USA und Brasilien.
Management beteiligt Anleger am Gewinn
Für das Geschäftsjahr 2025 zahlte Iberdrola eine Rekorddividende von 0,68 Euro je Aktie, ein Plus von 12% gegenüber dem Vorjahr, ausgeschüttet in zwei Tranchen im Mai und Juli. In den vergangenen drei Jahren wuchs die Ausschüttung um durchschnittlich rund 13% pro Jahr, deutlich schneller als bei den meisten anderen europäischen Versorgern.
Parallel dazu kauft der Konzern konsequent eigene Aktien zurück: Das jüngste große Rückkaufprogramm über rund 2,7% des Grundkapitals ist abgeschlossen, ein weiteres läuft bereits. Diese Kombination aus wachsender Dividende und Rückkäufen zeigt, dass Iberdrola trotz eines umfangreichen Investitionsprogramms genügend freien Cashflow erwirtschaftet, um Aktionäre kontinuierlich am Erfolg zu beteiligen.
Halbjahreszahlen: Umsatz und Gewinn wachsen zweistellig
Hohe Dividenden kann nur derjenige zahlen, der auch erfolgreich ist. Im zweiten Quartal kletterte der Iberdrola-Umsatz um fast 10% auf 10,45 Mrd. Euro, das operative Ergebnis legte dank höherer Gewinnspanne um 13% auf knapp 4 Mrd. Euro zu.
Im gesamten ersten Halbjahr verdiente der Konzern unter dem Strich 4,34 Mrd. Euro, ein Plus von 22%; bereinigt um Sondereffekte stieg der Gewinn immerhin noch um 8%. Für das Gesamtjahr erwarten Analysten einen bereinigten Gewinn von knapp 6,8 Mrd. Euro – erneut rund 8% mehr als im Vorjahr, womit das Management sein eigenes Ziel erreichen würde.
Wachstumstreiber Netzgeschäft
Der wichtigste Treiber bleibt das regulierte Netzgeschäft. Dort gilt eine einfache Formel: Der Regulierer garantiert eine feste Verzinsung auf das investierte Kapital – je mehr Iberdrola in die Netze steckt, desto höher fallen die abgesicherten Erträge aus, unabhängig von Konjunktur und Strompreisentwicklung. Von den 7 Mrd. Euro Investitionen im ersten Halbjahr (+25%) flossen fast zwei Drittel in die Stromnetze der Schlüsselmärkte Großbritannien, USA und Brasilien.
Die regulierte Vermögensbasis wuchs binnen eines Jahres um 11% auf 55 Mrd. Euro. Besonders stark legte das Netzgeschäft in Brasilien (+18%), den USA (+12%) und Großbritannien (+11%) zu. Bis 2028 sollen von den geplanten 58 Mrd. Euro Gesamtinvestitionen rund zwei Drittel in dieses Geschäft fließen.
Man könnte annehmen, dass derart hohe Investitionen die Aktionäre belasten. Für Netzbetreiber gilt das Gegenteil: Jeder investierte Euro vergrößert die Basis, auf die der Regulierer eine Rendite garantiert.
Expansion nach Finnland
Künftig zählt auch Finnland zu den Schlüsselmärkten: Die Übernahme von 80% am größten finnischen Verteilnetzbetreiber Caruna für rund 2 Mrd. Euro soll Ende dieses Jahres beziehungsweise Anfang 2027 abgeschlossen werden. Bemerkenswert ist die Dealstruktur: Von dem Kaufpreis wird bei Abschluss nur die Hälfte überwiesen, der Rest verteilt sich über die folgenden zweieinhalb Jahre – Iberdrola kann die Übernahme damit aus dem laufenden Cashflow finanzieren, ohne neue Schulden aufzunehmen.
Der Deal bringt vor allem eines mit: Stabilität. Die Erlöse aus Carunas reguliertem Netzgeschäft fließen über Jahre unabhängig von Konjunktur und Strompreisentwicklung. Man könnte annehmen, dass Finnland dünnbesiedelt und deshalb für den KI-Boom unbedeutend sei – doch das ist zu kurz gedacht. Das Land entwickelt sich dank kühlem Klima und stabiler Versorgung zunehmend zu einem bevorzugten Standort für Rechenzentren in Europa – Google und Microsoft sind dort bereits aktiv.
Auch bei der Stromerzeugung selbst hat Iberdrola die Ausbaupläne deutlich angehoben: Zwischen 2025 und 2030 sollen nun 15,5 Gigawatt neue Kapazität entstehen, im bisherigen Plan waren lediglich 9,5 Gigawatt vorgesehen.
Defensive Qualität in unruhigen Zeiten
Sicher, wer Iberdrola mit Chipherstellern oder Rechenzentrum-Zulieferern vergleicht, für den wirken die Spanier wenig aufregend. Aber schauen Sie sich an, was die Aktie leistet, wenn Zinserhöhungsängste kursieren: Während die Technologiewerte in der Vorwoche kräftig durchgeschüttelt wurden, notierte Iberdrola stabil über der 20-Euro-Marke und damit nur knapp unter dem zuletzt markierten Allzeithoch.
Ein vermeintlich „langweiliger“ Versorger, der die Rendite eines Wachstumswerts abliefert – diese Mischung finden Sie an der Börse selten. Mit der Caruna-Übernahme hat sich der Konzern einen weiteren Baustein gesichert, der Wachstum zulässt, ohne das Risiko des Geschäftsmodells zu erhöhen. Für Anleger, die ihr Depot in nervösen Marktphasen stabilisieren wollen, bleibt Iberdrola eine attraktive defensive Beimischung – Dividenden inklusive.
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