Heidelberger Druckmaschinen wagt einen ungewöhnlichen Sprung. Der Konzern will künftig Natrium-Ionen-Batteriespeicher fertigen. Drei Tage vor der Hauptversammlung soll dieser Schritt zeigen, wie der Umbau des Unternehmens funktionieren kann.
Der Deal mit PHENOGY
Heidelberg hat heute eine Industriepartnerschaft mit dem Schweizer Spezialisten PHENOGY bekannt gegeben. Die Tochter HD Advanced Technologies übernimmt die komplette Fertigung von Energiespeichersystemen. Das reicht von der Beschaffung über die Produktion bis zum Service.
Parallel planen beide Partner ein Joint Venture. Es soll Natrium-Ionen-Batteriezellen entwickeln, basierend auf einem Druckverfahren aus dem Hause Heidelberg.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Am Donnerstag steht die Hauptversammlung an. Dort muss der Vorstand den Aktionären eine Nullrunde bei der Dividende erklären – trotz eines Nettogewinns von 15 Millionen Euro im vergangenen Geschäftsjahr. Das Geld soll stattdessen in genau solche Transformationsprojekte fließen.
Die entscheidende Frage: Wer ist schneller?
Der Auftragseingang im Kerngeschäft ist um 8 Prozent gesunken. Gleichzeitig rechnet das Management für 2026/2027 mit Verlusten im niedrigen zweistelligen Millionenbereich.
Die zentrale Frage lautet daher: Kann Heidelberg mit neuen Standbeinen wie Batteriefertigung und der Verteidigungssparte ONBERG schneller wachsen, als das klassische Druckgeschäft wegbricht? Der Markt scheint daran aktuell zu zweifeln. Die Aktie notiert bei 1,38 Euro und damit klar unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 1,65 Euro.
Was für die Bullen spricht
Der Dual-Use-Ansatz gilt als Kernargument der Optimisten. Heidelberg will vorhandene industrielle Fähigkeiten aus der Drucktechnik in neue Wachstumsmärkte übertragen. Die Natrium-Ionen-Technologie kommt dabei ohne kritische Rohstoffe aus – ein Vorteil gegenüber klassischen Lithium-Batterien.
Auch das Servicegeschäft wächst. Durch die Übernahme des Lifecycle-Geschäfts von Manroland Sheetfed hat sich Heidelberg Zugang zu über 3.000 neuen Kunden gesichert. Das dürfte den Anteil margenstarker, wiederkehrender Umsätze erhöhen.
Mehrere Analysten bleiben trotz der Kursschwäche bei Kaufempfehlungen. Warburg Research und die Baader Bank halten an ihren Einschätzungen fest. MWB Research sieht sogar ein Kursziel von bis zu 2,50 Euro – fast das Doppelte des aktuellen Niveaus.
Charttechnisch liegt der RSI mit 46,0 in neutralem Terrain. Das lässt nach dem Kursrückgang seit Jahresanfang Raum für eine Erholung, sofern das 52-Wochen-Tief bei 1,29 Euro als Unterstützung hält.
Was gegen eine schnelle Erholung spricht
Die Risikoseite ist ebenso konkret. Heidelberg rechnet für das laufende Jahr mit einem Nettoverlust. Hohe Strukturkosten und Anlaufverluste in den neuen Sparten belasten das Ergebnis.
Der seit Februar schwelende Iran-Konflikt kommt erschwerend hinzu. Das Management nennt ihn explizit als Grund für die gedämpfte Investitionsbereitschaft globaler Kunden. Das trifft das zyklische Kerngeschäft genau in der Phase, in der Heidelberg Finanzkraft für den Umbau braucht.
Die Nulldividende dürfte kurzfristig zusätzlich auf der Stimmung lasten. Anleger, die auf laufende Ausschüttungen setzen, verlieren ein Argument für die Aktie.
Auch operativ bleibt Umsetzungsrisiko. Der Konzern baut Stellen in Wiesloch ab und verlagert Fertigung nach China und Nordmazedonien. Verzögerungen bei diesem Umbau könnten den Break-Even in den neuen Feldern weiter nach hinten schieben.
Der Blick nach vorn
Kurzfristig dürfte die Hauptversammlung am Donnerstag den Ton vorgeben. Liefert das Management überzeugende Details zur Skalierbarkeit der PHENOGY-Partnerschaft oder zu ersten ONBERG-Aufträgen in der Drohnenabwehr, könnte das den Bodenbildungsversuch der Aktie stützen.
Technisch bleibt das Bild angespannt, solange der Kurs unter dem 50-Tage-Durchschnitt und dem 200-Tage-Schnitt verharrt. Die Marke von 1,29 Euro – das aktuelle 52-Wochen-Tief – markiert die entscheidende Verteidigungslinie für das dritte Quartal. Rutscht der Kurs nachhaltig darunter, verschärft sich das Abwärtsrisiko.
Der nächste harte Datenpunkt folgt am 19. August mit den Zahlen zum ersten Quartal 2026/2027. Sie werden zeigen, wie stark die Transformationskosten bereits im ersten Jahresviertel durchschlagen – und ob die Batterie-Wette schneller Früchte trägt als der Rückgang im Kerngeschäft.
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