Während Nvidia auf seine Quartalszahlen zusteuert, sorgt bei Marvell ein Milliarden-Deal mit Google für Kursausschläge in beide Richtungen. AMD knackt derweil eine symbolische Marke gegen Intel, SK Hynix denkt über eine neue Fabrik in Japan nach, und Infineon kämpft trotz Rekordumsätzen mit schwacher Kursentwicklung. Der Halbleiter-Sektor zeigt diese Woche, wie unterschiedlich sich der KI-Boom auf die einzelnen Player auswirkt.
Nvidia: Höhere Preise, sechs rote Tage in Folge
Nvidia meldet am Mittwoch seine Zahlen zum zweiten Fiskalquartal — nach einer Serie von sechs Verlusttagen in Folge, der längsten seit 2022. Die Aktie schloss am Freitag bei 183,78 Euro, ein Minus von 5,6 Prozent auf Wochensicht. Vom 50-Tage-Durchschnitt bei 180,82 Euro ist der Kurs damit kaum entfernt, zum 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro fehlen aber noch rund 9 Prozent.
Parallel zu den fallenden Kursen kursieren Berichte, dass Nvidia bei einigen seiner größten Kunden die Preise für KI-Server erhöht. Systeme mit den kommenden Vera-Rubin- und Grace-Blackwell-Chips sollen ab dem nächsten Jahr teils über 15 Prozent teurer werden, je nach Chip-Generation und Speicherausstattung. Server-Hersteller, die für Microsoft, Google und Oracle bauen, haben die Nachricht bereits weitergegeben — denn die Preise hängen stark davon ab, wie viel Arbeitsspeicher verbaut wird, und den liefern vor allem Samsung, SK Hynix und Micron.
Dahinter steckt eine grundlegende Frage zur KI-Wirtschaftlichkeit. Lange galt: teure KI-Chips bedeuten hohe Nachfrage nach Nvidia-Hardware. Jetzt senkt OpenAI seine Preise, chinesische Anbieter drängen mit günstigeren Modellen auf den Markt, und die Kalkulation wird komplizierter. Die Bewertung der Aktie liegt mit einem KGV von rund 33 inzwischen deutlich unter dem Fünf-Jahres-Median von 57. Für das kommende Quartal erwarten Beobachter einen Umsatz von etwa 91 Milliarden Dollar — ein Plus von 95 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Infineon: Neue eFuse-Technologie, aber schwaches Kursbild
Infineon bewegt sich bei 56,35 Euro und damit rund 19 Prozent unter dem Niveau von vor einem Monat. Zum 52-Wochen-Hoch von 89,67 Euro klafft eine Lücke von 37 Prozent, während die Aktie seit Jahresbeginn dennoch ein Plus von 49 Prozent aufweist — ein Zeichen dafür, wie stark der Rücksetzer der vergangenen Wochen ausgefallen ist.
Auf der Produktseite baut der Konzern sein Angebot für KI-Infrastruktur aus. Die Automobilsparte hat mit dem SPOC Wire Guard BTS80009 einen neuen elektronischen Sicherungsschalter vorgestellt, der die klassische Schmelzsicherung ersetzt und bereits in Serie läuft. Der Clou: Weil die präzise Strommessung Kurzschlüsse binnen Mikrosekunden erkennt, müssen Kabel nicht mehr überdimensioniert werden — das spart Gewicht und Kupfer im Kabelbaum moderner Fahrzeugarchitekturen.
Operativ läuft es rund. Das dritte Geschäftsquartal brachte laut eigenen Angaben Rekordumsätze dank starkem KI-Geschäft, für das vierte Quartal stellt das Management einen weiteren deutlichen Anstieg bei Umsatz und Marge in Aussicht. Trotzdem bleibt das technische Bild angeschlagen: Gleitende Durchschnitte und andere Indikatoren signalisieren aktuell ein starkes Verkaufssignal, der RSI von 37,3 deutet auf eine überverkaufte Aktie hin. Analysten sehen das differenzierter — 19 von ihnen empfehlen den Kauf, keiner rät zum Verkauf, das durchschnittliche Kursziel liegt bei 86,21 Euro.
SK Hynix: Rückkauf-Fantasie trifft Japan-Pläne
SK Hynix hat einen wilden Ritt hinter sich. Am Freitag legte die Aktie um 15 Prozent zu und schloss bei 1.730.000 Won, nachdem sie zuvor von einem umfangreichen Kapitalrückführungsprogramm profitiert hatte. Seit Jahresbeginn steht damit ein Plus von 166 Prozent zu Buche, auch wenn der Kurs vom 50-Tage-Durchschnitt noch 14 Prozent entfernt notiert.
Der Fokus verschiebt sich nun auf die internationale Expansion. SK Hynix prüft den Bau einer Speicherchip-Fabrik in der japanischen Präfektur Miyagi — ein Schritt, der die globale Kapazität diversifizieren soll, während die Nachfrage nach KI- und HBM-Speicher die Märkte eng werden lässt. Sollte das Projekt umgesetzt werden, wäre SK Hynix nach Micron und TSMC das dritte ausländische Unternehmen mit einer Halbleiterfertigung in Japan.
Offiziell hält sich der Konzern bedeckt: Eine konkrete Entscheidung sei noch nicht gefallen, US-Druck für heimische Investitionen und die südkoreanische öffentliche Meinung gelten als entscheidende Faktoren. Analysten bleiben trotzdem optimistisch — 13 Empfehlungen lauten auf Kauf, keine auf Verkauf, das Kursziel für die US-Notierung liegt bei 245,43 Dollar.
AMD: Die 30-Prozent-Marke gegen Intel geknackt
AMD hat im Ringen mit Intel einen symbolischen Meilenstein erreicht. Der Marktanteil bei x86-Client-CPUs kletterte im zweiten Quartal auf 30,3 Prozent, während Intel bei 69,7 Prozent lag — ein Zuwachs von 0,7 Prozentpunkten gegenüber dem Vorquartal. Im Jahresvergleich ist der Sprung noch deutlicher: Vor einem Jahr lag AMD bei 23,9 Prozent.
Die Gewinne verteilen sich breit über mehrere Segmente. Im Desktop-Bereich stieg der Anteil von 33,2 auf 34,9 Prozent, bei Notebooks von 28,3 auf 28,9 Prozent — Letzteres, obwohl Intel gleichzeitig seine Produktionskapazitäten ausweitete und mehr Chips auslieferte. Besonders bemerkenswert: Im Server-Segment nähert sich der EPYC-Marktanteil von AMD dem von Intels Xeon-Prozessoren an, ein deutliches Zeichen für die Verschiebung der Kräfteverhältnisse im Rechenzentrumsgeschäft.
Der Kurs notiert bei 405,30 Euro, nach einem Rückgang von 8,7 Prozent binnen einer Woche und 16 Prozent binnen eines Monats — auf Jahressicht bleibt trotzdem ein Plus von 120 Prozent. Analysten bewerten die Aktie weiterhin klar positiv: 53 von S&P Global befragte Experten vergeben im Konsens ein „Strong Buy“, das durchschnittliche Kursziel von 613,09 Dollar impliziert ein Aufwärtspotenzial von knapp 30 Prozent. Argus hob sein Kursziel zuletzt von 450 auf 625 Dollar an.
Marvell Technology: Der Google-Deal als Achterbahnfahrt
Kein Unternehmen im Sektor sorgte diese Woche für mehr Kursbewegung als Marvell. Ende Juli unterzeichnete Google eine Vereinbarung über KI-Inferenzchips, Speicher-Controller und weitere Halbleiter rund um die eigenen TPU-Chips des Suchkonzerns. Als Teil des Deals erhielt Google einen Optionsschein auf knapp 59 Millionen Marvell-Aktien — rund 7 Prozent des Unternehmens — zu einem Festpreis von 206,58 Dollar.
Die erste Reaktion fiel euphorisch aus: Die Aktie sprang am Mittwoch nach Bekanntwerden um rund 10 Prozent und schloss nahe 237 Dollar. Die Freude währte jedoch nicht lange. Sobald Anleger die Verwässerungseffekte durchgerechnet hatten, kippte die Stimmung — am Freitag notierte die Aktie bei 203,00 Euro, ein Tagesminus von 5,6 Prozent. Der Grund liegt im Wortlaut der Vereinbarung: Der Optionsschein liegt unter dem aktuellen Kurs, was bedeutet, dass die Verwässerung umso größer wird, je erfolgreicher die Partnerschaft läuft.
Die operativen Zahlen bleiben davon unberührt und stark. Im ersten Fiskalquartal 2027 erzielte Marvell einen Umsatz von 2,418 Milliarden Dollar, ein Plus von 27,6 Prozent im Jahresvergleich, wobei das Rechenzentrumsgeschäft mit 1,83 Milliarden Dollar rund drei Viertel des Gesamtumsatzes ausmachte. Für das laufende Quartal stellte das Management 2,7 Milliarden Dollar in Aussicht und hob die Prognosen für die kommenden zwei Geschäftsjahre an. CEO Matt Murphy sprach von „außergewöhnlichen KI-bezogenen Auftragseingängen“. Die Aktienoptionen für Google sind zudem langfristig gestaffelt: Der Großteil vestet in 240 Tranchen, jeweils gekoppelt an 500 Millionen Dollar Umsatz, den Marvell bis Januar 2033 mit Google erzielt. Ein Kursziel von 288,12 Dollar würde gegenüber dem Freitagsschluss ein Potenzial von gut 21 Prozent bedeuten.
Sektordynamik im Überblick
Drei Kräfte prägen den Chip-Sektor derzeit gleichzeitig:
- Preismacht verschiebt sich Richtung Speicher: Nvidias Preiserhöhungen bei KI-Servern spiegeln die Verknappung bei Arbeitsspeicher wider — ein Trend, von dem SK Hynix als HBM-Marktführer strukturell profitiert. Südkoreanische Hersteller stellen zusammen rund vier Fünftel der weltweiten HBM-Kapazität, SK Hynix allein kommt auf etwa 57 Prozent Umsatzanteil.
- Custom-Chips fragmentieren den Markt: Marvells Google-Deal und AMDs wachsende Kundenliste bei Hyperscalern zeigen, dass sich das Feld der KI-Chip-Anbieter verbreitert, auch wenn Nvidia beim Rechenzentrums-Budget weiterhin den größten Einzelanteil hält.
- Klassische Marktanteilskämpfe bleiben relevant: AMDs Erfolg gegen Intel beweist, dass der PC- und Server-CPU-Wettbewerb neben der KI-Story nicht an Bedeutung verloren hat.
Infineon nimmt dabei eine Sonderrolle ein: weniger abhängig von den Investitionszyklen der Hyperscaler, aber über Produkte wie die neue eFuse-Technologie zunehmend an die Stromversorgung von KI-Rechenzentren gekoppelt — auch wenn der eigene Kurs dem Tempo der US-amerikanischen und koreanischen Wettbewerber bislang hinterherhinkt.
Was Anleger in den kommenden Wochen im Blick behalten sollten
Nvidias Zahlen am Mittwoch dürften nicht nur wegen des Umsatzwachstums genau analysiert werden, sondern vor allem wegen der Kommentare des Managements zu steigenden Speicher- und Serverkosten — Belastung oder Bestätigung der ungebrochenen KI-Nachfrage? SK Hynix‘ Japan-Entscheidung würde, sofern sie fällt, die Speicherchip-Landkarte in Nordostasien strukturell verändern und über Preiseffekte auch auf Nvidia zurückwirken. AMD muss zeigen, ob sich die Marktanteilsgewinne in der zweiten Jahreshälfte fortsetzen lassen, während Marvell weiterhin die Verwässerung durch das Google-Geschäft gegen die langfristige Umsatzsicherheit abwägen muss — besonders vor dem Hintergrund des schärfer werdenden Wettbewerbs mit Broadcom im Custom-Chip-Geschäft. Infineon braucht vor allem mehr Klarheit über das Tempo seines KI-Infrastrukturgeschäfts, um das angeschlagene Chartbild hinter sich zu lassen.
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