Grindr macht das, was viele Softwarefirmen versprechen, aber selten belegen können: Künstliche Intelligenz nicht nur als Buzzword, sondern als messbaren Wachstumstreiber. Die zweiten Quartalszahlen liefern dafür handfeste Belege — und ein neues Premium-Abo, das teurer ist als mancher Fitnessclub-Jahresbeitrag, überrascht sogar das eigene Management.
Umsatz und Guidance klettern
Im zweiten Quartal setzte die LGBTQ-Dating-Plattform 138 Millionen Dollar um, ein Plus von 33 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Das lag deutlich über den Erwartungen der Wall Street, die vor dem Bericht bei rund 132 Millionen Dollar gelegen hatten. Das Management hob die Jahresprognose 2026 entsprechend an: Der Umsatz soll nun bei rund 540 Millionen Dollar landen, das bereinigte EBITDA bei etwa 232 Millionen Dollar.
Die zahlenden Nutzer wuchsen im Quartal auf 1,4 Millionen, ein Plus von 16 Prozent zum Vorjahr. Der durchschnittliche Umsatz pro zahlendem Nutzer stieg auf 25,51 Dollar, ebenfalls zweistellig im Jahresvergleich. CEO George Arison verwies zudem auf eine niedrigere Kündigungsrate als erwartet, trotz laufender Preiserhöhungen bei den Premium-Stufen.
KI im Maschinenraum
Der eigentliche Clou liegt aber nicht im Konsumentengeschäft, sondern in der Softwareentwicklung selbst. Grindr beziffert den Anstieg des technischen Outputs zwischen Juli 2025 und April 2026 auf das rund 2,5-Fache — bei nahezu unveränderter Teamgröße. Ohne generative KI, so das Unternehmen, hätte dieselbe Leistung etwa 200 zusätzliche Ingenieure und jährliche Mehrkosten von rund 60 Millionen Dollar erfordert.
Für Sprachmodell-Tokens plant Grindr in diesem Jahr mit rund 6 Millionen Dollar. Arison beschreibt die Rendite darauf als „zehnmal höher“ als die Ausgaben selbst. Entlassungen habe die KI-Umstellung nicht ausgelöst, stattdessen setzt das Unternehmen verstärkt auf Programmier-Assistenten von Cursor, Anthropics Claude und Devin.
Die teure Wette namens Edge
Parallel testet Grindr eine neue Premium-Stufe namens „Edge“, einen KI-gestützten Begleiter mit Preisen von bis zu 350 Dollar im Monat in ausgewählten Märkten wie New York. Ursprünglich ging das Management davon aus, dass vor allem bestehende Top-Abonnenten upgraden würden. Die Realität sieht anders aus: Auch Nutzer ohne bisheriges Abo wechseln zu Edge, was die Kundenbasis breiter macht als erwartet.
Konkrete Abonnentenzahlen oder die finale Preisgestaltung nannte das Unternehmen nicht. Morgan Stanley hatte die Aktie im Juli auf „Overweight“ hochgestuft und das Kursziel auf 18 Dollar angehoben, mit Verweis auf das Potenzial der „Ultra-Premium“-Stufe.
Die Aktie war im vergangenen Jahr um rund 36 Prozent gefallen, belastet von Sorgen über eine zu aggressive Monetarisierung auf Kosten des Nutzerwachstums. Die aktuellen Zahlen liefern nun ein Gegenargument: Wachstum und Zahlungsbereitschaft scheinen sich nicht auszuschließen, solange das Produkt stimmt.
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