Ausgerechnet ein Goldman-Sachs-Partner mahnt zur Vorsicht beim KI-Einsatz im eigenen Haus. Chris Churchman, der die institutionelle Plattform Marquee leitet, warnt vor einer „kognitiven Verkümmerung“ der nächsten Bankergeneration. Das Timing ist bemerkenswert: Während die gesamte Wall Street auf Automatisierung setzt, meldet sich hier ein führender Kopf der eigenen KI-Strategie mit einer skeptischen Note zu Wort.
Reasoning statt Autopilot
Churchman, seit 2021 bei Goldman und Co-Vorsitzender der bankinternen KI-Arbeitsgruppe, zieht einen Vergleich zu Navigation und Auswendiglernen — Fähigkeiten, die mit neuen Technologien schlicht verloren gingen.
Sein Punkt: Wenn Algorithmen das Denken übernehmen, verlernen junge Banker das Argumentieren aus ersten Prinzipien. Besonders das Erlernen „stillen Wissens“ durch praktische Arbeit unter Aufsicht erfahrener Trader sieht er gefährdet, sollte man Routineaufgaben komplett automatisieren.
Selbst Goldman habe noch nicht herausgefunden, wie der Übergang zu managen sei, räumt Churchman ein. Bei der Entwicklung der KI-Plattform für Marquee-Kunden habe die Software selbst eingeräumt, eher gut darin zu sein, gründlich zu klingen, als tatsächlich gründlich zu sein — ein Satz, der die Grenzen aktueller Modelle in der Hochfinanz offenlegt, wo Fehlertoleranz praktisch bei null liegt.
Die Bank als Trendbarometer
Abseits interner KI-Debatten liefert Goldman aktuell auch Marktdaten, die aufhorchen lassen. Eine Analyse unter institutionellen Fondsmanagern zeigt: Die gemeinsamen Favoriten von Hedgefonds und klassischen Investmentfonds sind mehrheitlich keine KI-Werte. Boeing, Mastercard, Visa, Thermo Fisher Scientific, SpaceX und Capital One Financial führen die Liste an — nur SpaceX zählt im weiteren Sinne zur KI-Peripherie.
Historisch erzielten solche gemeinsamen Favoriten eine überdurchschnittliche Jahresrendite, allerdings bei höherer Schwankungsbreite und einer Bewertung deutlich über dem Marktdurchschnitt. Auffällig ist zudem die laut Goldman höchste Finanzsektor-Positionierung seit Beginn der Datenerhebung — ein Hinweis darauf, dass Profi-Investoren die Marktbreite jenseits der großen Tech-Namen suchen.
Beide Entwicklungen — die interne Warnung vor KI-Abhängigkeit und die Beobachtung, dass Fondsmanager abseits des KI-Hypes nach Substanz suchen — passen zu einem Bild, in dem Goldman selbst zunehmend differenziert zwischen dem Potenzial und den Grenzen der Technologie, die sie mitverkauft.
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