Die Finanzmärkte blicken am Dienstag auf die USA, wo die Zwischenwahlen über die Mehrheiten im Kongress entscheiden und damit auch darüber, wie viel politischen Spielraum Präsident Trump in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit noch haben wird. Hinzu kommt geopolitische Unruhe: In der Nacht griffen die USA erneut Ziele im Iran an, woraufhin der Ölpreis wieder über die Marke von 100 Dollar kletterte. Die Terminkontrakte auf den DAX deuten für den heutigen Handelstag auf ein Minus hin.
Erholung am Montag, gedämpfter Start am Dienstag
Der Montag brachte zunächst Entspannung: Nach dem deutlichen Rücksetzer zum Monatsende legte der DAX um 0,6 Prozent zu, konnte die Marke von 26.000 Punkten aber nur zeitweise überspringen. Der MDAX gewann im Nebenwertesegment sogar 1,3 Prozent. Rückenwind kam vom Ölpreis, nachdem der Iran Gesprächsbereitschaft signalisiert hatte – Brent gab nach, Reisewerte wie die Lufthansa waren gefragt. Die erneuten Angriffe in der Nacht haben dieses Bild nun wieder eingetrübt.
In New York verlief der Handel gemischt: Der Dow Jones schloss 0,4 Prozent höher, der S&P 500 gab 0,5 Prozent nach, der Nasdaq verlor 1,1 Prozent. Auch der asiatische Handel reagierte am Dienstag negativ auf die neuen geopolitischen Spannungen, besonders technologielastige Märkte wie Südkorea gerieten unter Druck.
Mit Blick auf die Wahlen verweisen Vermögensverwalter auf ein historisches Muster: Der S&P 500 legte seit 1928 in den zwölf Monaten nach Zwischenwahlen im Schnitt um 12,4 Prozent zu. Ein Durchschnittswert ist freilich keine Prognose, dürfte aber als Orientierungspunkt im Hinterkopf bleiben.
Auf Unternehmensseite dürfte am heutigen Tag Bayer für Gesprächsstoff sorgen – der Konzern hat seine Gewinnprognose für 2026 angehoben. Nach Börsenschluss steht zudem der Quartalsbericht von AMD an.
Gold unter 4.000 Dollar – Korrektur oder Trendbruch?
Der Goldpreis bereitet Anlegern derzeit wenig Freude. Zu Jahresbeginn kostete die Feinunze noch fast 5.600 Dollar, inzwischen ist sie unter die Marke von 4.000 Dollar gefallen – ein Rückgang von fast 30 Prozent bei einem Edelmetall, das eigentlich als Schutz in unruhigen Zeiten gilt. Auch der gleitende 200-Tage-Durchschnitt wurde unterschritten, eine aus charttechnischer Sicht wichtige Signalmarke.
Christian Kemmerer, General Manager beim Broker Tickmill, ordnet die Entwicklung als echte Korrektur ein, nicht als bloße Verschnaufpause. Der Wochenschluss unter 4.000 Dollar sei ein „Warnschuss“ für Goldbullen gewesen. Aus charttechnischer Sicht sieht er unterhalb von 4.000 Dollar weiteren Spielraum nach unten und rechnet im Falle einer Fortsetzung der Abwärtsbewegung – unter anderem getrieben von der Zinsthematik – mit Kursen in Richtung 3.500 Dollar. Dort werde es aus seiner Sicht wieder spannend.
Gegenläufige fundamentale Kräfte sieht Kemmerer durchaus: Steigende US-Zinsen und ein fester Dollar setzen das zinslose Gold unter Druck, während Notenbanken weiter kräftig zukaufen. Im dritten Quartal erwarben Zentralbanken nach seinen Angaben rund 300 Tonnen Gold – ein Plus von mehr als 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr, getrieben vor allem durch strategische Nachfrage aus Fernost und den BRICS-Staaten. Gleichzeitig verwies er auf eine Meldung von Bloomberg, wonach die USA innerhalb einer Woche mehr als 839 Milliarden Dollar zur Refinanzierung bestehender Schulden ausgegeben haben – ein Hinweis auf die Dimension der amerikanischen Verschuldung. Trotz starker Nachfrage von Notenbanken und anhaltender Zuflüsse in Gold-ETFs falle der Preis derzeit dennoch, was laut Kemmerer zeige, dass gute Fundamentaldaten allein nicht für steigende Kurse reichen – entscheidend sei, was der Markt tatsächlich tue, und aktuell befinde sich Gold in einem Abwärtstrend.
Zur Unterscheidung zwischen langfristigen Anlegern und aktiven Tradern erklärte Kemmerer, dass Gold für Investoren in erster Linie strategische Beimischung und Absicherung gegen monetäre und geopolitische Risiken bedeute, während Trader vor allem auf die Volatilität schauen. Bei Tickmill sei Gold zuletzt global das meistgehandelte Asset gewesen, sowohl im deutschsprachigen Raum als auch in Fernost und Südamerika. Kemmerer verwies zudem auf die Bedeutung von Handelskosten wie Spreads und Swaps, die gerade bei aktivem Handel in volatilen Phasen ins Gewicht fallen – bei Tickmill sei Gold im Raw-Account ab einem Spread von 7 Cent handelbar.
Zur saisonalen Komponente merkte Kemmerer an, dass die Monate November bis Februar, insbesondere der Januar, historisch zu den stärkeren Phasen für Gold zählen, dies aber keine Garantie darstelle. Charttechnisch beobachtet er auf der Unterseite die Marke von 3.850 Dollar, während ein Wochenschluss deutlich über 4.000, eher in Richtung 4.100 Dollar, nötig wäre, um wieder Oberwasser zu gewinnen. Als nächsten wichtigen Termin nannte er die Fed-Entscheidung am 9. Dezember. Sein Rat an Anleger: nicht versuchen, das exakte Tief zu treffen, sondern gestaffelt einsteigen und im aktiven Handel konsequent mit Stopps arbeiten.
Berichtssaison: Rekordzahlen abseits der Tech-Riesen
Die laufende US-Berichtssaison zeigt ein bemerkenswertes Muster. Nach einer Auswertung von Wells Fargo haben die Unternehmen im S&P 500 ihre Gewinnschätzungen im Schnitt um 3 Prozent übertroffen. Die großen Technologiewerte und die „Magnificent Seven“ kommen dabei nur auf durchschnittlich 0,3 Prozent, während der übrige Markt im Schnitt 5,1 Prozent über den Erwartungen liegt. Besonders stark schnitten Energiekonzerne ab, die die Prognosen um gut 16 Prozent übertrafen, gefolgt von Versorgern und Industriewerten mit jeweils rund 7 Prozent. Seit Start der Berichtssaison Mitte Oktober legten Basiskonsum-, Gesundheits-, Rohstoff-, Versorger- und Finanzwerte jeweils um 4 Prozent oder mehr zu, während der Technologiesektor in diesem Zeitraum gut 8 Prozent verlor und Kommunikationsdienste sogar fast 16 Prozent einbüßten.
Wie hoch die Messlatte bei den großen Tech-Konzernen inzwischen liegt, zeigte der Quartalsbericht von Apple – der erste unter der Führung von John Ternus, der im September die Nachfolge von Tim Cook angetreten hatte. Umsatz und Gewinn legten deutlich zu und übertrafen damit die Erwartungen, das iPhone-Geschäft wuchs um 17 Prozent. Dennoch fiel die Aktie nachbörslich um bis zu 4 Prozent, da der Ausblick für das Weihnachtsquartal mit 7 bis 10 Prozent Wachstum unter den Erwartungen der Analysten liegt. Zudem soll die Bruttomarge wegen teurerer Speicherchips im Zuge des KI-Booms leicht sinken. Die Aktie wird aktuell mit dem 36-fachen der für kommendes Jahr erwarteten Gewinne bewertet, bei einem erwarteten Gewinnwachstum von nur 1 Prozent.
Auch Palantir legte Zahlen vor, die fundamental überzeugten, aber an der Börse negativ aufgenommen wurden. Der Umsatz stieg im dritten Quartal um 96 Prozent auf 2,3 Milliarden Dollar, der bereinigte Gewinn von 44 Cent je Aktie lag über den Erwartungen. Bemerkenswert: Erstmals setzte Palantir mit US-Unternehmen mehr um als mit der US-Regierung, das Geschäft mit Firmenkunden wuchs deutlich. Für das laufende Quartal stellt Palantir einen Umsatz von 2,65 Milliarden Dollar in Aussicht, ein Plus von 90 Prozent, getrieben unter anderem durch die Nachfrage nach „souveräner KI“. Dennoch gab die Aktie nachbörslich knapp 4 Prozent nach – bei einer Bewertung des 81-fachen der erwarteten Gewinne bleibt die Messlatte für weitere positive Überraschungen hoch.
Deutschland: Evonik widersteht BASF, Lufthansa kämpft mit Treibstoffkosten
Evonik hat am Dienstagmorgen Zahlen vorgelegt: Das bereinigte operative Ergebnis stieg um 40 Prozent, der Umsatz um 13 Prozent. Für das Gesamtjahr peilt der Konzern die obere Hälfte der Spanne von 2 bis 2,2 Milliarden Euro an. Im Hintergrund läuft weiterhin das bereits zuvor entstandene Übernahmepoker mit BASF, das sein Angebot für Evonik bereits auf 24 Euro je Aktie erhöht hatte. Evonik hatte dieses Angebot bereits abgelehnt und betont den Kurs der Eigenständigkeit. Offen bleibt, wie sich die RAG-Stiftung positioniert, die 43 Prozent an Evonik hält. BASF selbst profitierte im dritten Quartal von höheren Preisen, das operative Ergebnis stieg um 15 Prozent.
Bei der Lufthansa zeigte sich im dritten Quartal ein solides operatives Bild: Das operative Ergebnis stieg um 6 Prozent auf 1,41 Milliarden Euro, der Umsatz legte um 9 Prozent zu. Sorgenkind bleibt die Kernmarke Lufthansa Airlines. Belastend wirken die Treibstoffkosten: Für das Gesamtjahr rechnet der Konzern nun mit höheren Mehrkosten als bisher erwartet, weshalb das obere Ende der Zielspanne für das operative Gesamtjahresergebnis auf 2 Milliarden Euro gesenkt wurde und die Spanne nun bei 1,7 bis 2 Milliarden Euro liegt. Die Aktie profitierte am Montag zunächst von der Hoffnung auf eine Entspannung im Nahen Osten, gerät nun aber durch den wieder gestiegenen Ölpreis erneut unter Druck – solange der Konflikt am Persischen Golf ungelöst bleibt, dürfte der Kurs ein Spielball der Ölpreisentwicklung bleiben.
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