Bei der Gerresheimer AG spitzt sich die Aufarbeitung der vergangenen Geschäftsjahre weiter zu. Wie das Unternehmen gestern am Sonntag bekannt gab, schlagen der aktuelle Vorstand und der Aufsichtsrat vor, die Entlastung der ehemaligen Vorstandsmitglieder Dietmar Siemssen, Dr. Bernd Metzner und Dr. Lukas Burkhardt für das Geschäftsjahr 2025 zu vertagen. Hintergrund dieser ungewöhnlichen Maßnahme sind laufende Prüfungen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), die sich auf die Abschlüsse der Jahre 2024 und 2025 beziehen.
Bilanzkorrekturen erzwingen Dividendenstopp
Die finanziellen Folgen der nachträglichen Bilanzkorrekturen werden für die Aktionäre nun unmittelbar greifbar. Wie Medienberichten vom Freitag zu entnehmen ist, sieht die offizielle Tagesordnung für die ordentliche Hauptversammlung am 1. September 2026 keinen Bilanzgewinn mehr vor. In der Folge wird die Verwaltung der Hauptversammlung vorschlagen, die Dividendenausschüttung für das Geschäftsjahr 2025 vollständig zu streichen. Die Versammlung selbst soll aufgrund der komplexen Lage als rein virtuelle Veranstaltung durchgeführt werden.
Bereits Ende Juni hatte Gerresheimer den testierten Konzernabschluss für 2025 vorgelegt, der die Schwere der Krise verdeutlichte. Trotz eines stabilen Umsatzes von 2,321 Milliarden Euro wies das Unternehmen ein Konzernergebnis von minus 318,7 Millionen Euro aus. Diese tiefroten Zahlen resultierten maßgeblich aus massiven Wertminderungen in Höhe von 521,5 Millionen Euro. Die finanzielle Stabilität des Verpackungsspezialisten hängt derzeit auch von der Zustimmung der Gläubiger ab: Mitte Juni konnte eine Fristverlängerung für Schuldscheindarlehen im Volumen von 870 Millionen Euro bis Ende September 2026 erwirkt werden, wobei wesentliche Klauseln zum Verschuldungsgrad vorerst ausgesetzt wurden.
Anlegerklage wegen Rechnungslegung und Expansion in China
Zusätzlicher Druck entsteht durch juristische Auseinandersetzungen. Medienberichten zufolge wurde am Mittwoch die erste Anlegerklage gegen das Unternehmen beim Landgericht Düsseldorf eingereicht. Der Vorwurf betrifft mutmaßliche Verstöße gegen Rechnungslegungsvorschriften in den Jahren 2023 bis 2025, wobei insbesondere sogenannte Bill-and-Hold-Umsätze im Fokus stehen. Bei dieser Praxis werden Erlöse bereits verbucht, während die Ware noch beim Hersteller lagert.
Trotz der bilanziellen Turbulenzen treibt das Unternehmen seine operative Strategie im asiatischen Markt voran. Am Donnerstag meldete Gerresheimer die Inbetriebnahme eines neuen Werks für pharmazeutische Primärverpackungen aus Glas im chinesischen Zhenjiang Dagang. Nach einer vierjährigen Bauzeit soll dieser Standort die Präsenz in der Region stärken. Flankiert werden die operativen Fortschritte durch Nachhaltigkeitsprojekte; so ging am 16. Juli eine neue Photovoltaikanlage am Standort Pfreimd in Betrieb, um die Energieautarkie zu erhöhen.
An der Börse sorgten die Nachrichten heute für eine deutliche Gegenbewegung, nachdem das Papier im Vorfeld massiv unter Druck geraten war. Die Aktie legte heute um 8,30 % zu und notiert bei 28,46 €. Dennoch bleibt die Marktkapitalisierung mit 911,86 Millionen Euro deutlich unter früheren Bewertungsniveaus. Der Abstand zum 52-Wochen-Hoch beträgt trotz der heutigen Erholung weiterhin 40,49 %. Investoren warten nun auf die nachgeholte Quartalsmitteilung für das erste Quartal 2026, die im Laufe des Sommers erwartet wird.
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