Ein fehlendes Bilanztestat. Ein laufendes Aufsichtsverfahren. Und eine Aktie, die seit einem Jahr mehr als 46 Prozent verloren hat. Bei Gerresheimer verdichten sich die Risiken — ausgerechnet jetzt, wo ein Junitermin über die nächste Richtung entscheiden könnte.
APAS nimmt KPMG ins Visier
Die jüngste Entwicklung trifft das Unternehmen zur Unzeit. Die Abschlussprüferaufsichtsstelle APAS hat ein berufsrechtliches Verfahren gegen Wirtschaftsprüfer KPMG eingeleitet. Der Vorwurf: KPMG soll den Jahresabschluss 2024 uneingeschränkt testiert haben — obwohl fehlerhafte Umsatzbuchungen von rund 35 Millionen Euro vorlagen.
KPMG hatte das Prüfmandat erst 2024 von Deloitte übernommen. Das Verfahren läuft parallel zu BaFin-Ermittlungen. Der Druck auf das Management steigt damit erheblich: Das für Juni erwartete Testat zum Geschäftsjahr 2025 muss jetzt jeden Zweifel ausräumen.
Institutionelle Käufer warten an der Seitenlinie
Das fehlende Testat ist kein technisches Detail. Viele institutionelle Investoren und indexgebundene Fonds dürfen Gerresheimer aufgrund interner Compliance-Regeln schlicht nicht kaufen — solange kein geprüfter Abschluss vorliegt. Der SDAX-Ausschluss im Frühjahr hat diesen Effekt noch verstärkt: Passive Kapitalströme sind weggefallen.
Die Aktie notiert aktuell bei 24,94 Euro und liegt damit knapp unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 25,46 Euro. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von gut zehn Prozent.
Das Management hält an seiner Umsatzprognose für 2026 fest — 2,3 bis 2,4 Milliarden Euro. Am Markt nimmt diese Zahl erst Gewicht an, wenn die Bilanzkrise der Vorjahre formal abgeschlossen ist.
Kursziele zwischen 12,90 und 46,00 Euro
Die Analystenspanne ist außergewöhnlich weit. JPMorgan bewertet die Aktie mit „Overweight“ und einem Kursziel von 46,00 Euro. Die UBS sieht das Papier bei 12,90 Euro und empfiehlt den Verkauf. Das Konsens-Kursziel liegt bei rund 23,66 Euro — also unter dem aktuellen Kurs.
Diese Diskrepanz spiegelt ein binäres Szenario wider:
- Szenario A: Ein sauberes Testat im Juni könnte eine Eindeckungswelle auslösen. Erste Leerverkäufer haben ihre Positionen zuletzt bereits leicht reduziert.
- Szenario B: Weitere Verzögerungen oder neue Korrekturen in der Bilanz würden die September-Frist der Gläubiger zum echten Problem machen. Schuldscheindarlehen über 870 Millionen Euro laufen dann aus.
Gelingt die Bilanzvorlage noch im Juni, folgt der nächste Test unmittelbar: Der für Juli geplante Halbjahresbericht muss zeigen, dass das operative Geschäft trotz der Turbulenzen — und trotz der angekündigten Veräußerung der US-Tochter Centor — stabil geblieben ist.
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