Der Verpackungsspezialist Gerresheimer gehörte in der vergangenen Handelswoche zu den schwächeren Werten im deutschen Nebenwertesegment. Die Aktie schloss am Freitag bei 26,34 Euro – binnen 30 Tagen bedeutet das ein Minus von 9,92 Prozent. Damit bröckelt ein Teil des Kursgewinns wieder ab, den das Papier Ende Juli durch die Ankündigung eines milliardenschweren Verkaufsdeals verbucht hatte. Im Zentrum der Debatte unter Anlegern steht derzeit die tiefgreifende Neuausrichtung des Konzerns: der Verkauf von Randbereichen und die Frage, ob auch das Moulded-Glass-Geschäft folgen könnte.
Der Apax-Deal als Ausgangspunkt
Am 29. Juli kletterte die Gerresheimer-Aktie um 12,5 Prozent, nachdem der Konzern definitive Vereinbarungen mit einer von Apax Partners LLP beratenen Fondsgesellschaft unterzeichnet hatte. Verkauft werden Centor US Holding sowie das globale Primary-Packaging-Plastics-Geschäft, zusammen bewertet mit einem Unternehmenswert von rund 1,5 Milliarden Euro.
Beide Sparten erzielten im vergangenen Jahr mit rund 2.400 Beschäftigten einen Umsatz von 570 Millionen Euro. Der Verkauf von Centor soll bis zum Ende des laufenden Geschäftsjahres abgeschlossen sein, die Übertragung des Kunststoffgeschäfts folgt im ersten Halbjahr des kommenden Geschäftsjahres. Morgan Stanley agiert als Lead Financial Advisor, Commerzbank unterstützt mit Fairness Opinions, Latham & Watkins begleitet die Transaktion rechtlich. Mit dem Erlös will Gerresheimer seinen Schuldenberg von 1,9 Milliarden Euro deutlich abbauen.
Der Schritt kommt nicht aus dem Nichts: Ende Juni hatte der Konzern die Erwartungen für 2026 vorsichtiger formuliert und eine Adjusted-EBITDA-Marge zwischen 17 und 18 Prozent bei negativem freiem Cashflow in Aussicht gestellt. Operative Herausforderungen und kundenseitige Projektverschiebungen hatten zuvor auf der Bewertung gelastet – die Verkäufe sollen nun gegensteuern.
Analysten zwischen Skepsis und Aufwertung
Die Reaktionen der Analysehäuser fielen deutlich aus. Bereits am 29. Juli hob die DZ Bank ihre Einstufung von „Verkaufen“ auf „Halten“ und den fairen Wert von 16 auf 30 Euro an. Analyst Sven Kürten begründete dies mit der Entlastung durch die Verkäufe, hält aber einen Abschlag von fast der Hälfte gegenüber Wettbewerbern weiterhin für angemessen, solange erhebliche Unwägbarkeiten bestehen.
Die UBS vollzog am 4. August die deutlichste Kehrtwende: Analyst Olivier Calvet hob das Kursziel von 12,90 auf 28,50 Euro an und stufte die Aktie von „Sell“ auf „Neutral“ hoch. Seine Begründung: Die sinkende Verschuldung durch die Verkäufe erlaube es Gerresheimer, wichtige Kreditauflagen einzuhalten. Weitere Häuser bewegen sich in ähnlicher Bandbreite – JPMorgan setzte sich mit „Overweight“ ab, Jefferies und Deutsche Bank blieben bei „Hold“, wobei Jefferies das Kursziel bei 26,80 Euro ansetzt.
Großinvestoren positionieren sich gegensätzlich
Während die Analystenlager sich annähern, bewegen sich große Kapitalgeber in entgegengesetzte Richtungen. Goldman Sachs überschritt im Juni die Meldeschwellen nach dem Wertpapierhandelsgesetz und kommt inzwischen auf rund 20 Prozent der Stimmrechte. Ein Großteil der Position entfällt jedoch auf Finanzinstrumente statt auf echte Aktien – die Bank stellt in ihrer Pflichtmitteilung klar, der Aufbau erfolge im Rahmen üblicher Kundengeschäfte.
Gegenläufig bauten Shortseller ihre Wetten aus: D. E. Shaw & Co. erhöhte seine gemeldete Shortquote von 1,41 auf 1,52 Prozent. Diese Gegensätzlichkeit unterstreicht, wie uneinheitlich der Markt die Zukunft des Konzerns derzeit einschätzt.
Anleger richten den Blick nun auf den Kalender: Am 1. September tagt die virtuelle Hauptversammlung in Düsseldorf, für August ist zudem eine Quartalsmitteilung zum ersten Geschäftsquartal angekündigt. Trotz der jüngsten Schwäche notiert die Aktie mit einem Abstand von 7,33 Prozent weiterhin über ihrem 200-Tage-Durchschnitt – ein Hinweis darauf, dass der Kursschub durch den Apax-Deal trotz der aktuellen Konsolidierung noch nicht vollständig verpufft ist.
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