Neue Lagerhallen in Georgia, juristische Ermittlungen in Deutschland — bei Gerresheimer laufen operative Expansion und Kapitalmarktkrise gleichzeitig. Das Unternehmen meldet Fortschritte, während Regulatoren und Aktionärsschützer die Bücher unter die Lupe nehmen.
Automatisierung in Peachtree City
Am Produktionsstandort rund 40 Kilometer südlich von Atlanta hat Gerresheimer zwei automatisierte Palettenlager in Betrieb genommen. Partner ist der Lagertechnikspezialist Mecalux. Jedes der beiden Lager ist 13 Meter hoch und fasst 1.104 Paletten. Die neue Lagerverwaltungssoftware überwacht mehr als 30 Artikelarten — manuelle Prozesse gehören damit der Vergangenheit an.
Das Werk fertigt Inhalatoren, Autoinjektoren, Infusionssystemkomponenten und Mikroinjektoren. Die Automatisierung ist Teil einer umfassenderen Expansion: 2024 startete Gerresheimer eine Erweiterung für 180 Millionen US-Dollar — zwei neue Gebäude mit rund 17.900 Quadratmetern Reinraumfläche und mehr als 400 neuen Arbeitsplätzen.
Verkauf, Verfahren, kein Testat
Operative Stärke auf der einen Seite. Auf der anderen: ein Unternehmen, das seinen testierten Jahresabschluss noch immer schuldet.
Die US-Tochter Centor Inc. — Ende 2024 mit 292 Millionen Euro bilanziert — steht zum Verkauf. Eine zweistellige Anzahl von Interessenten prüft das Angebot, Morgan Stanley begleitet den Prozess. Den Abschluss erwartet Gerresheimer noch in diesem Jahr.
Parallel wächst der rechtliche Druck. Der Aktionärsschutzverband DSW hat ein Gutachten zur Verantwortlichkeit ehemaliger Vorstände eingeholt. Im Visier stehen Ex-CEO Dietmar Siemssen und Ex-CFO Bernd Metzner. DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler signalisierte, dass ein Prozessfinanzierer wahrscheinlicher werde, je mehr Pflichtverletzungen ans Licht kämen.
Ferner hat die Abschlussprüferaufsichtsstelle APAS ein Verfahren gegen KPMG eingeleitet. Der Vorwurf: Die Prüfer erteilten dem Jahresabschluss 2024 ein uneingeschränktes Testat — obwohl systematische IFRS-Verstöße vorlagen.
Kurs ohne Boden, Ziele unter Vorbehalt
Im April flog die Aktie aus dem SDAX. Passiv investierende Fonds müssen den Titel nicht mehr halten. Für institutionelle Investoren bleibt die Aktie ohne testierten Abschluss schlicht nicht investierbar.
Der Kurs notiert bei 25,14 Euro — minus 45,7 Prozent auf Zwölfmonatssicht. Vom Februar-Tief bei 14,90 Euro hat sich der Titel zwar deutlich erholt, liegt aber noch knapp 50 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch.
Für 2026 peilt Gerresheimer Umsätze von 2,3 bis 2,4 Milliarden Euro an, eine bereinigte EBITDA-Marge von 18 bis 19 Prozent und einen moderat positiven freien Cashflow. All das steht unter dem Vorbehalt eines positiven BaFin-Ergebnisses — einem Vorbehalt, der derzeit alles überschattet.
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