Die Pharma- und Verpackungsbranche erlebt derzeit einen stillen Umbau: Konzerne, die einst auf Breite gesetzt haben, trennen sich von Randgeschäften, um sich auf das margenstarke Kerngeschäft zu konzentrieren. Gerresheimer reiht sich in diesen Trend ein – nur dass der Düsseldorfer Konzern den Schritt nicht aus einer Position der Stärke heraus geht, sondern unter dem Druck einer Bilanzaffäre, die das Unternehmen seit Monaten begleitet.
Der große Verkauf
Am 29. Juli hat Gerresheimer endgültige Vereinbarungen zum Verkauf der Centor-Aktivitäten sowie des globalen Geschäfts mit Primary Packaging Plastics an einen von Apax beratenen Fondsverbund unterzeichnet. Rund 1,5 Milliarden Euro fließen dafür in die Kassen des Konzerns. Die veräußerten Einheiten umfassen 16 Werke in neun Ländern mit etwa 2.400 Beschäftigten und erzielten 2025 zusammen rund 570 Millionen Euro Umsatz – mehr als ein Viertel des gesamten Konzernumsatzes. Der Centor-Verkauf soll noch bis Ende des laufenden Geschäftsjahres abgeschlossen werden, das Plastics-Geschäft folgt im ersten Halbjahr 2027.
Das ist kein kleiner Nebenschauplatz, sondern eine strukturelle Weichenstellung. Wer ein Viertel seines Umsatzes abgibt, verändert sein Profil grundlegend. Gerresheimer setzt damit erkennbar auf das margenstärkere Kerngeschäft rund um Glas- und Kunststoffverpackungen für die Pharmaindustrie – und auf den Erlös, der helfen soll, die Schuldenlast zu verringern.
Warum der Druck so groß ist
Der Verkauf kommt nicht aus heiterem Himmel. Die Bafin hat bereits am 6. März eine Prüfung des verkürzten Konzernzwischenabschlusses für den Zeitraum Dezember 2024 bis Mai 2025 eingeleitet, weil konkrete Anhaltspunkte für Verstöße gegen Rechnungslegungsvorschriften vorlagen. Die Aufseher weiteten ihre Untersuchung später aus: Es geht um Leasingverbindlichkeiten mit einem Buchwert von 65,5 Millionen Euro, um möglicherweise falsch angegebene Nutzungsdauern aktivierter Entwicklungskosten von 29,4 Millionen Euro und um Vermögenswerte im Segment Advanced Technologies mit einem Buchwert von 196,5 Millionen Euro, die wertgemindert waren, ohne dass der entsprechende Aufwand erfasst wurde.
Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Weil Gerresheimer seinen Jahresabschluss für 2024/25 nicht fristgerecht vorlegen konnte, musste der Konzern im April den SDax verlassen – ein Prestigeverlust, der die Vertrauenskrise sichtbar machte. Ende Juni folgte dann der geprüfte Jahresabschluss samt gesenktem Ausblick: Für 2026 rechnet Gerresheimer vor M&A- und Refinanzierungseffekten mit Umsatzerlösen in der unteren Hälfte der Spanne von 2,3 bis 2,4 Milliarden Euro und einer Adjusted-EBITDA-Marge zwischen 17 und 18 Prozent. Der Free Cashflow soll sogar negativ ausfallen, zwischen minus 50 und minus 100 Millionen Euro – auch wegen eines reduzierten Factoring-Volumens.
Kursbild spiegelt die Zerreißprobe
Am Kapitalmarkt ist die Geschichte längst eingepreist. Zum Freitagsschluss stand die Aktie bei 26,34 Euro, auf Zwölfmonatssicht bedeutet das ein Minus von 41,75 Prozent. Die Marktkapitalisierung liegt bei 916,69 Millionen Euro – ein Bruchteil dessen, was allein der jetzt vereinbarte Verkaufserlös für Centor und Primary Packaging Plastics einbringen soll. Anfang Juli, im Umfeld der damaligen Zahlenveröffentlichung, hatte die LBBW ihr Kursziel von 23 auf 28 Euro angehoben, die Einstufung aber bei Hold belassen – ein Hinweis darauf, dass zumindest ein Teil der Analystengemeinde nach den ersten Entschuldungssignalen etwas zuversichtlicher wurde, ohne die Risiken auszublenden.
Am 1. September wird die Hauptversammlung in Düsseldorf zusammenkommen. Für die Aktionäre dürfte es dort weniger um Dividenden gehen als um die Frage, ob der Konzern die Altlasten aus der Bilanzaffäre tatsächlich abschließen kann, während er sich operativ neu aufstellt. Kann ein Unternehmen, das gerade ein Viertel seines Geschäfts verkauft und zugleich unter behördlicher Beobachtung steht, glaubwürdig einen Neustart verkünden? Die kommenden Monate werden zeigen, ob der Milliarden-Deal tatsächlich der Beginn der Entschuldung ist – oder nur ein weiteres Kapitel in einer Geschichte, die vor allem von Vertrauensverlust geprägt war.
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