Fünf Prozent Staatsanleihenrendite setzen Aktienmarkt unter Druck – deutsche Dividendenwerte im Fokus

Hannover Rück, Allianz, DWS, Freenet und Qiagen verbinden laufende Ausschüttungen mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen.

Auf einen Blick:
  • Fünf Werte mit rund 5,6 Prozent Rendite
  • Hannover Rück und Allianz als Fundament
  • Freenet mit höchster Ausschüttung der Auswahl
  • Qiagen mit konjunkturunabhängiger Diagnostiknachfrage

Anleihenmarkt reißt nächste Marke

Der amerikanische Anleihenmarkt hat einen weiteren Schwellenwert überschritten: Die 30-jährige US-Staatsanleihe rentierte in der Spitze so hoch wie zuletzt 2004. Damit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die den Aktienmarkt seit Wochenbeginn begleitet: Was ist eine Aktie noch wert, wenn der amerikanische Staat 5 Prozent und mehr zahlt?

Die Auktion 7-jähriger US-Staatsanleihen stand im Rampenlicht, nachdem die 5-Jahres-Auktion am Mittwoch schwach ausgefallen war. Investoren ließen sich mit einer deutlich über dem Durchschnitt liegenden Rendite bedienen – dem höchsten Wert seit langem. Die 7-jährige Anleihe rentierte anschließend deutlich höher als in den Vorjahren. Die Durchschnittsrendite des amerikanischen Staatsanleihemarktes ist zuletzt deutlich gestiegen, die 10-jährige Rendite liegt ebenfalls deutlich über den Vorjahreswerten. In einer Umfrage unter Marktteilnehmern erwartet mehr als die Hälfte, dass die 30-jährige Rendite noch vor Jahresende auf 6 Prozent klettert.

Verschärft wird die Lage durch Konkurrenz um das Anlegerkapital: Ein großer japanischer Technologie-Investor hat in dieser Woche eine Rekordsumme bei hochverzinslichen Anleihen eingesammelt und dafür 9,75 Prozent für siebeneinhalb Jahre Laufzeit geboten. Hinzu kommen Anleihen großer Technologiekonzerne, die ihre Milliardeninvestitionen in Künstliche Intelligenz über den Kapitalmarkt finanzieren – Kapital, das dem US-Finanzministerium bei künftigen Auktionen fehlt.

Nicht alle Marktbeobachter sehen darin ein Alarmsignal. Franklin Templeton erklärte, das aktuelle Renditeniveau gefährde das Wirtschaftswachstum nicht, da es sich um eine Rückkehr zum langfristigen Durchschnitt handele – die Phase von der Finanzkrise bis zur Pandemie sei die eigentliche Ausnahme gewesen, in der Renditen künstlich niedrig gehalten wurden. Vanguard sprach dagegen von einem neuen Regime. Für die Aktienbewertung ändert das wenig: Wer 5 Prozent ohne Unternehmensrisiko bekommt, verlangt von einer Aktie einen entsprechenden Aufschlag.

DAX unter Druck trotz guter Konjunkturdaten

Der deutsche Markt erhielt gute Konjunkturnachrichten, konnte sie aber nicht in Kursgewinne umsetzen. Zeitweise fiel der DAX unter seine 100-Tage-Linie. Der IFO-Geschäftsklimaindex für September legte um 1,1 Punkte auf 89,9 Zähler zu, deutlich mehr als erwartet. Gleichzeitig hoben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Wachstumsprognose von 0,6 auf 1,3 Prozent an. Aus der Commerzbank kam der Kommentar, die deutsche Wirtschaft sei widerstandsfähiger als bislang gedacht. Am Markt setzte sich das jedoch nicht durch: Der DAX verlor 0,57 Prozent, notiert am Morgen aber wieder über der 100-Tage-Linie. Als nächstes Auffangnetz nach unten gilt die 200-Tage-Linie.

In New York verlor der Dow Jones 0,31 Prozent, der S&P 500 schloss nahezu unverändert, der S&P 100 leicht im Plus. Auffällig: Der US-Markt lag während des europäischen Handels noch klar im Minus und holte die Verluste erst am späten Abend auf, als Berichte über Gespräche zwischen Washington und Teheran den Ölpreis dämpften. Der S&P 500 hält sich gut 1 Prozent unter seinem Rekordhoch von Mitte August und bleibt über seiner 50-Tage-Linie – charttechnisch in besserer Verfassung als der DAX.

Zwei Einzelwerte veranschaulichen die aktuelle Marktdynamik: BlackBerry, einst bekannt für das gleichnamige Mobiltelefon, hat sich zu einem Softwareanbieter für die Automobilbranche gewandelt. Im zweiten Geschäftsquartal standen 7 Cent Gewinn je Aktie und gut 163 Millionen Dollar Umsatz zu Buche – beides über den Erwartungen, der Umsatz wuchs um 26 Prozent. Das Betriebssystem QNX steckt inzwischen in rund 275 Millionen Fahrzeugen, dieser Bereich legte im letzten Quartal um 27 Prozent zu. Nach einer deutlichen Korrektur scheint die Aktie einen Boden gefunden zu haben.

Weniger glimpflich verlief es für Spieleentwickler: Meta stellte auf seiner Entwicklerkonferenz zwei Werkzeuge vor, mit denen sich Handyspiele durch Texteingabe erzeugen lassen. Unity Software verlor daraufhin deutlich an Wert, auch Roblox und AppLovin gerieten unter Druck – aus Sorge, Künstliche Intelligenz könnte den technischen Vorsprung etablierter Anbieter schmälern. Ein ähnliches Muster war bereits von Autodesk und Adobe bekannt, deren Aktien nach anfänglichen Verlusten wieder deutlich zulegten. Unity wäre als Anbieter von Entwicklungssoftware besonders betroffen, während reine Spieleentwickler wie Take-Two, das im November Grand Theft Auto 6 veröffentlicht, den Aufwand für Erzählung, Welt und Spielmechanik kaum durch Texteingaben ersetzen dürften.

Zollpause zwischen USA und China nur kurzfristig verlängert

Der politische Termin des Tages war der Besuch des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping im Weißen Haus. Bereits vor dem ersten Gespräch teilte US-Finanzminister Scott Bessent mit, dass beide Seiten ihre Zollpause um zwei Monate verlängern würden. Die Waffenruhe im Handelsstreit läuft nun am 10. November aus. Peking hatte auf eine längere Verlängerung gehofft, der Markt war von rund sechs Monaten ausgegangen – zwei Monate gelten als Verlegenheitslösung. Aus dem Umfeld amerikanischer China-Fachleute hieß es, beide Seiten hätten sich in den Vorverhandlungen nicht einigen können.

Der Markt reagierte entsprechend: Chinesische Aktien gaben in Hongkong nach, da nichts gelöst, sondern nur aufgeschoben wurde. Relevanz hat das auch für deutsche Anleger, da die Pause Chinas Beschränkungen beim Zugang zu seltenen Erden betrifft – ein Hebel, an dem in Deutschland Autozulieferer, Chip-Industrie und Maschinenbau hängen. Acht Wochen weiterer Waffenstillstand reichen für eine neue Lieferkettenentscheidung nicht aus.

Ölpreis fällt zurück, EZB-Personalpaket wird geschnürt

Beim Ölpreis zeichnet sich eine Atempause ab: Washington und Teheran erwägen einen schrittweisen Plan, bei dem die Straße von Hormus wieder geöffnet und im Gegenzug die Wirtschaftsblockade aufgehoben werden könnte. Brent fiel daraufhin wieder Richtung 106 Dollar, nachdem der Preis binnen zwei Tagen um 7 Prozent gestiegen war.

Bei der Europäischen Zentralbank kommt es zu einem personellen Umbruch: Isabel Schnabel, deutsche Vertreterin im Direktorium, verlässt die EZB vorzeitig und wechselt Anfang kommenden Jahres zum Internationalen Währungsfonds – ein Jahr früher als ursprünglich vorgesehen. Schnabel galt monatelang als deutlichste Befürworterin für Zinsanhebungen im Direktorium. Nach der jüngsten Anhebung auf 2,5 Prozent hatte sie sich besorgt über steigende Energiepreise geäußert, was Marktteilnehmer als Signal für weitere Schritte werteten. Zusammen mit starken Konjunkturdaten und hohen Öl- und Gaspreisen setzen Investoren nun darauf, dass die EZB bereits im Oktober nachlegt.

Es entsteht ein größeres Personalpaket: Christine Lagarde will die Notenbank im kommenden Jahr verlassen, im Juni 2027 endet zudem die Amtszeit des Chefvolkswirts – drei zentrale Posten werden frei. Als Favorit für die EZB-Spitze gilt der Niederländer Klaas Knot, als Vertreter einer straffen Linie der Spanier Pablo Hernández de Cos. Die Bundesregierung hält sich zurück, Bundesbankpräsident Joachim Nagel gilt als weitgehend aus dem Rennen.

Für Anleger ergeben sich daraus drei Punkte: der künftige Zinspfad in Europa, der über Bundesanleihen-Renditen und die Bewertung europäischer Aktien mitentscheidet; der Euro, der gegenüber dem Dollar binnen zweieinhalb Wochen um gut zweieinhalb Cent nachgegeben hat, was Exporteuren hilft, aber in Dollar bezahlte Güter wie Öl verteuert; sowie die EZB als Institution, die im Krisenfall über Anleihenkäufe entscheiden würde.

Fünf deutsche Dividendenwerte für den Börsenherbst

In einem Markt, der seit dem Rekordhoch von Ende August seitwärts bis abwärts tendiert, gewinnt die Dividende an Bedeutung: Sie wird unabhängig davon ausgezahlt, ob der DAX über oder unter seiner 100-Tage-Linie notiert. Fünf deutsche Werte, deren Ausschüttungen aus dem laufenden Geschäft und nicht aus der Substanz stammen, kommen zusammen auf eine durchschnittliche Bruttorendite von rund 5,6 Prozent – mehr als amerikanische Staatsanleihen aktuell bieten und deutlich mehr, als sich derzeit im Euro-Raum auf der Zinsseite ohne Währungsrisiko erzielen lässt.

Hannover Rück kommt auf eine Dividendenrendite von rund 4,85 Prozent. Der Rückversicherer verdient an Prämien, während die Kapitalanlagen vom Zinsanstieg profitieren, da fällig werdende Anleihen zu besseren Konditionen neu angelegt werden können. Risiken bestehen durch Großschäden wie schwere Hurricanes, doch neben einer auskömmligen Grunddividende zahlt das Unternehmen in guten Jahren zusätzlich eine Sonderdividende.

Allianz, mit fast 160 Milliarden Euro Börsenwert einer der Schwergewichte, bietet aktuell eine Dividendenrendite von 4,09 Prozent. Der Konzern stützt sich auf drei Standbeine – Schaden- und Unfallversicherung, Lebensversicherung und Vermögensverwaltung – was für Stabilität sorgt. Hinzu kommen Aktienrückkäufe und ein Zinsumfeld, das das Versicherungsgeschäft begünstigt.

DWS liefert eine Dividendenrendite von 4,21 Prozent bei einem Börsenwert von gut 14 Milliarden Euro. Das Geschäftsmodell skaliert: Steigende verwaltete Vermögen führen zu höheren Gebühreneinnahmen, die Ausschüttungspolitik gilt als großzügig.

Freenet bietet die höchste Ausschüttung in der Auswahl. Der Reiz liegt in der Planbarkeit, da das Unternehmen kein eigenes Mobilfunknetz betreibt und so milliardenschwere Netzinvestitionen vermeidet. Das TV-Geschäft rund um WaipuTV entwickelt sich zu einer wachsenden Ertragssäule.

Qiagen liefert eine Dividendenrendite über dem Marktdurchschnitt. Der Konzern verdient an Laborgeräten und Verbrauchsmaterialien, was wiederkehrende Umsätze sichert – die Nachfrage nach Diagnostik hängt kaum am Konjunkturzyklus. Die Ausschüttungshistorie ist allerdings noch jung, da Qiagen eher als Wachstumsunternehmen gilt.

In der Gesamtbetrachtung bilden Hannover Rück und Allianz das Fundament mit der höchsten Verlässlichkeit, DWS liefert einen Hebel bei steigenden Märkten, Freenet den höchsten laufenden Ertrag und Qiagen Wachstum aus einem konjunkturunabhängigen Sektor. Bei der steuerlichen Gestaltung von Ausschüttungen sollten Anleger die individuellen Rahmenbedingungen beachten.

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