Flaschenhals-Unternehmen Coherent unter Druck: Kommt jetzt der Rebound?
Die Aktie von Coherent hat in der zurückliegenden Woche gut 25% verloren, seit Anfang Oktober sind es rund 30%, und zum Hoch vom Juni bei 440 Dollar fehlen inzwischen fast 50%. Auslöser war kein Ereignis im Unternehmen selbst, sondern der Ausverkauf im gesamten KI-Sektor, nachdem die Konzernchefs von Broadcom und Intel Zweifel an der Finanzierung des KI-Ausbaus geäußert hatten. Optik-Werte wie Coherent traf es dabei besonders hart – auch wenn sich am Tagesgeschäft zunächst nichts ändern dürfte.
Licht statt Kupfer: Wie Coherent zum Bottleneck-Unternehmen wurde
Coherent aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania ist einer der weltweit größten Hersteller von Photonik – also von Lasern, optischen Transceivern (den Steckmodulen, die Daten per Licht statt per Kupferkabel übertragen) und den dazugehörigen Komponenten. In einem KI-Rechenzentrum müssen Zehntausende Grafikchips miteinander kommunizieren, und das schafft Kupfer bei den heutigen Datenmengen nicht mehr.
Jeder Chip braucht daher optische Verbindungen, und je größer die Rechencluster werden, desto mehr davon. Coherent sitzt mit seinen Lasern und Transceivern genau an dieser Engstelle. Wie knapp die Ware ist, zeigte der Wettbewerber Lumentum erst vor wenigen Tagen: Dessen Optik-Komponenten sind nach Angaben des Firmenchefs bis Anfang 2029 ausverkauft. Coherent ist der zweite große Anbieter, der diese Lücke füllt.
Nvidia kauft sich Liefermengen bis 2030
Den deutlichsten Beleg für die Nachfrage liefert der wichtigste Kunde. Nvidia hat vor rund sechs Monaten 2 Mrd. Dollar in Coherent investiert und sich per Mehrjahresvertrag Abnahmemengen in Milliardenhöhe sowie Kapazitätsrechte bis 2030 gesichert. Wenn der mächtigste Konzern der KI-Welt Geld in einen Zulieferer steckt, nur um sich Liefermengen zu reservieren, sagt das mehr über den Markt als jede Analystenstudie.
Das Geld fließt in neue Fertigungskapazitäten in den USA, unter anderem in die Texas-Fabrik, die Hochleistungslaser für die nächste Generation der Chip-Verbindung produziert – Co-Packaged Optics, bei der die Optik direkt auf den Chip wandert. Dieses Geschäft soll in den kommenden Quartalen spürbar Umsatz liefern.
Rekordjahr: Umsatz 7,1 Mrd. Dollar, Gewinn je Aktie +59%
Im Geschäftsjahr 2025/26 (Ende Juni) steigerte Coherent den Umsatz um 22,5% auf den Rekordwert von 7,12 Mrd. Dollar, das Rechenzentrums- und Kommunikationsgeschäft wuchs sogar um 40% auf 5,27 Mrd. Dollar. Die Bruttomarge legte um mehr als zwei Prozentpunkte auf 37,5% zu, der bereinigte Gewinn je Aktie stieg um 59% auf 5,61 Dollar. Das Schlussquartal brachte mit 2,05 Mrd. Dollar erstmals mehr als 2 Mrd. Dollar Umsatz, ein Plus von 34% zum Vorjahr – und das Management stellt bereits das erste Quartal mit über 3 Mrd. Dollar bis Ende des laufenden Geschäftsjahres in Aussicht.
Der Analystenkonsens rechnet für 2026/27 mit einem Umsatzsprung von 49% auf 10,6 Mrd. Dollar und einem Gewinn je Aktie von 9,42 Dollar. Beim aktuellen Kurs von rund 225 Dollar kostet die Aktie damit das 24-Fache des erwarteten Gewinns – für ein Unternehmen, das seinen Gewinn in diesem Jahr voraussichtlich um gut zwei Drittel steigert, ist das aus meiner Sicht ein ungewöhnlich niedriger Preis.
Das sehen auch die Analysten so: Das durchschnittliche Kursziel liegt bei rund 410 Dollar, das sind 74% über dem aktuellen Niveau. Selbst das niedrigste Kursziel liegt mit 280 Dollar noch 20% darüber. Ein Analyst hat sein Ziel in der vergangenen Woche zwar von 345 auf 297 Dollar gesenkt – begründet ausdrücklich mit dem Kursrutsch im Sektor, nicht mit dem Geschäft. 24 Analysten verfolgen die Aktie, keiner rät zum Verkauf.
Die Risiken: Negativer Cashflow und ein dominanter Kunde
Coherent investiert derzeit massiv in neue Werke, der freie Cashflow ist deshalb negativ. Das Unternehmen steckt das Nvidia-Geld und die laufenden Gewinne komplett in den Kapazitätsausbau. Sollte der KI-Ausbau frühzeitig ins Stocken geraten, weil Rechenzentrums-Betreiber ihre Finanzierung nicht stemmen können, träfe das einen Zulieferer mit hoher Kundenkonzentration hart.
Nvidia verleiht Coherent viel Stärke, macht das Unternehmen zugleich aber abhängig vom Chip-Hersteller. Für mich überwiegt der Segen: Eine Branchenabschwächung dürfte erst andere KI-Unternehmen treffen, bevor sie beim Marktführer Nvidia und seinen Vorzugslieferanten ankommt.
Ausblick: Quartalszahlen am 4. November
Am 4. November legt Coherent die Zahlen zum ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres vor. Das Management hat 2,2 bis 2,4 Mrd. Dollar Umsatz in Aussicht gestellt, die Mitte der Spanne liegt rund 12% über dem Vorquartal. Nachdem Coherent die Umsatzerwartungen zuletzt regelmäßig übertroffen hat, spricht wenig dafür, dass es dieses Mal anders läuft.
Die Aktie wurde vom Markt abgestraft, das Geschäft nicht – und wenn sich die Sektorstimmung im Zuge der Berichtssaison wieder aufhellt, hat ein Kurs, der sich vom Hoch halbiert hat, vermutlich deutlich mehr Spielraum nach oben als nach unten. Ein Blick auf die Ergebnisse am 04. November schafft mehr Klarheit.
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