Fed vor der Wende: Warum 5 Prozent bei US-Anleihen die Aktienmärkte neu sortieren

Die erwartete US-Zinserhöhung trifft auf steigende Anleiherenditen, während das Scheitern des Clarity Act den Kryptomarkt belastet.

Auf einen Blick:
  • US-Rendite erreicht höchsten Stand seit 2007
  • DAX stabilisiert sich nach frühem Rückgang
  • Short-Positionen bei US-Aktien nehmen zu
  • Clarity Act scheitert im US-Senat

Die amerikanische Notenbank steht heute Abend um 20 Uhr deutscher Zeit vor einer Entscheidung, auf die die Märkte seit Wochen zulaufen. Eine halbe Stunde später tritt Notenbankchef Kevin Warsh vor die Presse. Der Terminmarkt preist eine Erhöhung um 25 Basispunkte mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent ein – es wäre die erste Zinserhöhung in den USA seit Juli 2023.

Deutscher Markt stabilisiert sich nach schwachem Start

Der DAX fiel am Vortag im frühen Handel um mehr als ein Prozent auf das niedrigste Niveau seit über sieben Wochen, drehte im Handelsverlauf jedoch und schloss im Minus. Geholfen haben eine leichte Entspannung bei Öl und Renditen sowie die Ankündigung des Bundeskanzlers, angesichts hoher Spritpreise für Entlastungen zu sorgen. Charttechnisch bleibt die Lage angespannt: Der Index notiert unter seinem 50-Tage-Durchschnitt, behauptet sich aber noch über der 100-Tage-Linie, auch wenn er im Handelsverlauf kurz darunter gerutscht war.

An der Wall Street überwog die Vorsicht. Der Dow Jones schloss deutlich tiefer, der S&P 500 verlor 0,45 Prozent, der Nasdaq 100 gab ebenfalls nach. Der S&P 500 hat sich knapp unter seine 50-Tage-Linie geschoben, ein Rebound erscheint jedoch möglich. Halbleiterwerte, die zu Wochenbeginn wegen der Sicherheitsdebatte um künstliche Intelligenz unter Druck geraten waren, erholten sich: Qualcomm legte zu, AMD ebenfalls.

Drei Bewegungen ragten heraus: Rüstungswerte reagierten auf einen Bericht, wonach Japan seine Verteidigungsausgaben auf amerikanischen Druck hin von knapp 2 auf 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung anheben könnte. Im Chemiesektor lief die Bewegung gegenläufig: Lanxess verlor deutlich, nachdem JP Morgan das Kursziel wegen drohenden Gegenwinds bei den Energiekosten gesenkt hatte, Evonik wurde nach einer Kursziel-Anpassung von Morgan Stanley ebenfalls unter Druck gesetzt. Finanzwerte standen unter Druck nach einer vorsichtigen Einschätzung der Führungsspitze der Bank of America – die Deutsche Bank verlor im Handelsverlauf 2,4 Prozent.

Die Vorbörse deutete heute auf einen freundlicheren Handelstag hin, mit einem leichten Plus von 0,4 Prozent, womit der DAX weiterhin über der 100-Tage-Linie stünde. Terminlich stehen am Nachmittag die Einzelhandelsumsätze für August an, gefolgt vom Zinsentscheid um 20 Uhr und der Pressekonferenz um 20:30 Uhr. Die Fed legt zudem ihre neuen Wirtschafts- und Zinsprojektionen samt Dot-Plot vor – spannend dürfte sein, ob Kevin Warsh diesmal einen eigenen Punkt einträgt, nachdem er sich beim letzten Mal enthalten hatte.

Wenn 5 Prozent alles neu sortieren

Die aktuelle Zinsspanne der US-Notenbank liegt bei 3,5 bis 3,75 Prozent, heute Abend dürfte sie auf 3,75 bis 4 Prozent angehoben werden. Im Juli hatten bereits drei Mitglieder gegen eine Zinspause gestimmt und für eine Erhöhung votiert – so viele Gegenstimmen gab es zuletzt 2016. Im Juni lag die mittlere Projektion für den Leitzins zum Jahresende bei 3,8 Prozent. Die Terminmärkte preisen inzwischen drei weitere Zinsschritte von jeweils 25 Basispunkten für die kommenden zwölf Monate ein, mit einem Endpunkt bei etwa 4,6 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Zinsen um einen ganzen Prozentpunkt steigen, lag zuletzt bei 31 Prozent – vor einem Monat waren es lediglich 3 Prozent.

Nicht alle Marktteilnehmer halten den Kurs für richtig: Standard Chartered rät dazu, abzuwarten, bis sich das Rauschen aus Zöllen und Datenrevisionen gelegt hat. Goldman Sachs verweist darauf, dass die Wirtschaft nicht überhitzt sei, zudem gäben nachgebende 3- und 6-Monatsraten bei Kerninflation und Reallöhnen Gründe zum Abwarten. Hinzu kommt ein technisches Detail: Das amerikanische Statistikamt stellt zum 30. September seine Methodik um, was die ausgewiesene Inflation rechnerisch senken dürfte.

Am Anleihenmarkt selbst stieg die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen zeitweise auf über 5 Prozent – der höchste Stand seit 2007. Die 2-jährige Rendite erreichte den höchsten Stand seit Jahren, die 30-jährige lag bei gut 5,3 Prozent, dem höchsten Wert seit 19 Jahren. Auch in Deutschland und Großbritannien wurden Rekordhöhen erreicht. Eine Aufstockung einer 20-jährigen US-Anleihe brachte die höchste Rendite seit Wiedereinführung dieser Laufzeit im Jahr 2020, wobei die Nachfrage hinter den Erwartungen zurückblieb.

Bei der Positionierung fällt auf: Nach Kundenumfragen von JP Morgan sprangen die Short-Positionen in der Woche bis zum 14. September um 10 Prozent. Die Citibank bezeichnet die Positionierung als taktisch extrem – so viele Anleger wie seit langem nicht mehr wetten auf sinkende Kurse.

Für Aktionäre ist die Zinsentwicklung besonders relevant, weil sich der Kurs einer Aktie aus der Summe aller künftigen Gewinne ergibt, abgezinst auf heute. Steigt der risikofreie Zins, verliert jeder künftige Gewinn an Gegenwartswert – am stärksten trifft es Unternehmen, deren Gewinne weit in der Zukunft liegen. Aussagekräftig ist hier der Realzins: Inflationsgeschützte 10-jährige US-Staatsanleihen rentieren derzeit mit 2,6 Prozent, die 30-jährigen mit 3,1 Prozent – beides die höchsten Werte seit 2008. Vor fünf Jahren lag diese Messlatte bei null oder darunter.

Zugleich gibt es Argumente, die den Aktienmarkt stützen: Der S&P 500 steuert auf das dritte Quartal in Folge mit mehr als 20 Prozent Gewinnwachstum zu. Der Technologiesektor ist derzeit mit dem gut 20-fachen der erwarteten 12-Monatsgewinne bewertet, im Juni war es noch das 26-fache. Historisch zeigte sich in der Spätphase des Zinszyklus 1999/2000, dass gerade Technologiewerte im Nasdaq 100 deutlich zulegten, während Value- und Finanzwerte schwächelten. Eine Untersuchung der Deutschen Bank zu den vergangenen zwölf Zinserhöhungszyklen seit den 60er Jahren zeigt, dass die 10-Jahres-Rendite im Jahr nach Beginn eines Zyklus im Durchschnitt um rund 114 Basispunkte stieg.

Für die praktische Umsetzung werden drei Bausteine genannt: Erstens ein defensives Vorgehen mit sehr kurzen Laufzeiten, etwa über ETFs wie den iShares US Dollar Ultra Short Bond. Zweitens inflationsgeschützte Anleihen, beispielhaft der iShares Euro Inflation Linked Government Bond. Drittens auf der Aktienseite Value- oder Dividenden-ETFs wie der Amundi MSCI EMU Value Factor ETF, da Unternehmen mit aktuellen Erträgen von steigenden Zinsen weniger stark betroffen sind. Rohstoffe als Inflationsschutz erscheinen dagegen weniger attraktiv, da Öl und Energiederivate aktuell nahe Höchstniveau notieren.

Clarity Act krachend gescheitert

Der als „Clarity Act“ bezeichnete Regulierungsvorschlag für Kryptowerte ist im US-Senat gescheitert. Es gab nur 49 Ja-Stimmen gegenüber 50 Nein-Stimmen, benötigt worden wären 60. Neben allen Demokraten stimmten auch mehrere Republikaner dagegen, die Kryptowerten skeptisch gegenüberstehen.

Der Kryptomarkt reagierte negativ: Coinbase verlor deutlich, der Stablecoin-Emittent Circle gab ebenfalls deutlich nach, MicroStrategy verlor über 5 Prozent. Auf der Plattform Polymarket sank die Wahrscheinlichkeit für eine Verabschiedung des Gesetzes von 31 auf 19 Prozent. Für dieses Jahr rechnen die Märkte kaum noch mit Fortschritten, Beobachter richten den Blick nun auf mögliche Verschiebungen der Mehrheitsverhältnisse bei den Midterms.

Unabhängig vom gescheiterten Gesetz bleibt die Notwendigkeit einer Regulierung bestehen. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC hat große Verfahren gegen Krypto-Unternehmen fallen gelassen und arbeitet nun selbst an Regeln, auch die Terminmarktaufsicht prüft eigene Vorgaben. Behördenregeln lassen sich jedoch bei einer neuen Regierung leichter wieder ändern als ein Gesetz, weshalb die Unsicherheit für den Kryptomarkt vorerst bestehen bleiben dürfte.

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