Ein einziger Satz eines hochrangigen Vertreters der US-Notenbank hat gestern Abend die Richtung an den Börsen gedreht. Fed-Gouverneur Christopher Waller signalisierte in einem Vortrag und in einem Gespräch mit Reuters, dass er dafür wäre, die Zinsen im September unverändert zu lassen, sofern der Preisdruck weiter nachlässt. Er gebe der Desinflation eine Chance, so seine Formulierung. Die Wall Street reagierte umgehend: Der S&P 500 legte den stärksten Tag seit einem Monat hin, die Anleiherenditen kamen von ihren Hochs zurück und der Dollar rutschte auf den tiefsten Stand seit Monaten.
Zinsentscheid bleibt Münzwurf
Die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung am 16. September, die Anfang der Woche noch bei rund 70 Prozent lag, ist auf etwa 50-50 gefallen. Waller hat sich damit allerdings keine Festlegung, sondern lediglich eine Hintertür offen gelassen – für den Fall, dass die Inflation heißer ausfällt als erwartet. Das entscheidende Preisbarometer lag im Juli bei 3,7 Prozent, nach 4,1 Prozent im Mai. Die Richtung stimmt, doch von ihrem 2-Prozent-Ziel ist die Fed noch ein gutes Stück entfernt.
Heute stehen die US-Arbeitsmarktzahlen für August im Fokus. Erwartet wird ein Zuwachs von rund 56.000 Stellen, die Arbeitslosenquote soll bei 4,1 Prozent verharren. Ein schwacher Wert könnte die Notenbank eher zu einer Pause bewegen, ein starker Wert könnte als Rechtfertigung für eine Anhebung dienen. Die eigentliche Weichenstellung dürfte aber erst nächste Woche mit den Inflationsdaten fallen. Der Ölpreis notiert derzeit fest um die 95 Dollar, getrieben auch durch eine Neuentspannung zwischen den USA und dem Iran.
Volkswagen beschließt historischen Konzernumbau
Im deutschen Heimatmarkt sorgt vor allem Volkswagen für Schlagzeilen. Der Aufsichtsrat hat nach wochenlangem Ringen ein Sanierungspaket beschlossen, das der Konzern selbst als historisch bezeichnet. Konzernweit sollen 50.000 zusätzliche Arbeitsplätze wegfallen, inklusive Managementjobs – rund 8 Prozent der weltweiten Belegschaft. Damit verdoppelt VW die Zahl der geplanten Stellenstreichungen, die seit Ende 2024 angelaufen sind.
Der Umbau ist tiefgreifend: Die Modellpalette soll bis 2030 um die Hälfte schrumpfen, die Komplexität in der Fertigung um 75 Prozent sinken. Bei den Investitionen wird ebenfalls gekürzt: Geplant sind 135 Milliarden Euro für die Jahre 2027 bis 2031, das sind 30 Milliarden weniger als in der vorherigen Planung. Ziel ist eine operative Rendite von 9 Prozent bis 2030 bei einem Absatz von etwa 9 Millionen Fahrzeugen. Im ersten Halbjahr lag die Rendite bei mageren 3,8 Prozent.
Der strittigste Punkt war nicht der Stellenabbau, sondern ein Plan des Vorstands, die Kernmarke Volkswagen aus dem Konzern herauszulösen – von Arbeitnehmervertretern als Angriff auf das VW-Gesetz und die Mitbestimmung gewertet. Herausgekommen ist ein Kompromiss: Die Ausgliederung ist vom Tisch, im Gegenzug akzeptieren die Arbeitnehmer weitere Sparmaßnahmen. IG Metall und Betriebsrat sprechen davon, eine gefährliche Eskalation verhindert zu haben.
Der Haken: Werksschließungen sind ausdrücklich vom Tisch, obwohl VW selbst eine Überkapazität von rund einer halben Million Fahrzeugen pro Jahr in Europa einräumt. Für die Standorte Emden, Hannover, Neckarsulm und Zwickau gibt es nach Auslaufen der aktuellen Modelle zwischen 2031 und 2034 bislang keine konkurrenzfähigen Anschlusspläne – Alternativen sollen erst geprüft werden. Die harten Entscheidungen sind damit eher vertagt als getroffen worden.
VW verbindet den Sparkurs zugleich mit einer Wachstumserzählung: In Nordamerika soll das Geschäft ausgebaut werden, unter anderem mit einem Pickup und einem SUV aus dem US-Werk Chattanooga. Das schwächelnde China-Geschäft soll angepasst werden, indem in China gebaute Fahrzeuge künftig auch in andere Weltregionen exportiert werden. Die Börse honorierte den Kurswechsel zunächst mit einem Kurssprung, doch die Bewährungsproben – Standortfrage und Renditeziel – liegen noch vor dem Unternehmen.
Bayer: Zwischen juristischer Entlastung und Zerschlagungsfantasie
Auch bei Bayer bewegt sich viel. Nach Jahren des Frusts sorgt der Wert inzwischen für Großfantasie. Auslöser ist eine Entscheidung des US-Supreme-Court im sogenannten Durnell-Fall: Das Gericht urteilte mit 7 zu 2 Stimmen zugunsten von Bayer. Die Kläger hatten argumentiert, Monsanto habe vor Krebsrisiken warnen müssen – das Gericht entschied, dass dies nicht möglich gewesen sei, da die US-Umweltbehörde EPA eine entsprechende Warnung nie zur Auflage gemacht hatte. Bundesrecht schlägt damit Bundesstaatenrecht, tausende Klagen verlieren ihre juristische Grundlage. Die Aktie reagierte mit ihrem stärksten Tagesanstieg seit über zwei Jahrzehnten.
Die Entlastung ist real, aber noch nicht vollständig. Parallel läuft ein Sammelvergleich über 7,25 Milliarden Dollar, mit dem Bayer den Großteil der noch offenen Roundup-Klagen beilegen will. Über die endgültige gerichtliche Genehmigung entscheidet ein Gericht in Missouri – die zunächst für Mitte August angesetzte Anhörung wurde auf den 14. September verschoben, nachdem ein Berufungsgericht im August einen Versuch der Kläger, das Verfahren zu verlagern, zurückgewiesen hatte.
Der zweite Baustein: Bayer hat Anfang Juli sein komplettes US-Glyphosatgeschäft in einer eigenen Gesellschaft namens Ruveon mit Sitz in St. Louis gebündelt. Ruveon bleibt offiziell Teil des Konzerns, verantwortet aber Preisgestaltung, Produktion und Vertrieb eigenständig. Der Markt liest diese Struktur als mögliche Vorstufe zu einem Verkauf, einer Abspaltung oder einem Börsengang – daraus speist sich die Fantasie einer Aufspaltung des Gesamtkonzerns in Pharma und Agrar nach dem Prinzip „Sum of the Parts“.
Vorstandschef Bill Anderson hat eine Aufspaltung des Konzerns zuletzt jedoch ausdrücklich abgelehnt. Er will den Konzernwert über Wachstum, Schuldenabbau und Fortschritte in der Pharma-Pipeline heben, unter anderem über den Wirkstoff Asundexian zur Schlaganfallprävention, der in einer späten Studie Wirksamkeit gezeigt hat. Die Aufspaltung bleibt damit vor allem eine Erwartung der Börse, keine Ankündigung des Unternehmens.
Der Kurs hat sich binnen eines Jahres teilweise mehr als verdoppelt und notiert deutlich über seinen langfristigen Durchschnittslinien, die Schwankungsbreite bleibt hoch. Der freie Cashflow bleibt durch die anstehende Vergleichszahlung belastet, allerdings hat die Agrarsparte im zweiten Quartal beim bereinigten Ergebnis zugelegt, und eine Kapitalbeteiligung von Apollo verschafft zusätzlichen Spielraum. Die Nettoverschuldung soll zum Jahresende spürbar niedriger liegen als bisher geplant. Bei Bayer bleiben damit zwei offene Fragen bestehen: die juristische Entlastung, die sich am 14. September weiter festzurren könnte, und die strategische Aufspaltungsfrage, die gegen die klare Ansage des Managements steht.
Notenbanken holen ihr Gold zurück
Zum Abschluss ein Blick auf eine Nachricht aus der Notenbankwelt, die mehr über die Stimmung im Finanzsystem verrät als es zunächst scheint. Die niederländische Zentralbank hat rund 86 Tonnen Gold im Wert von etwa 12 Milliarden Dollar aus New York und dem kanadischen Ottawa nach London verlagert – über die vergangenen sechs Monate schrittweise abgewickelt.
Als Begründung nennen die Niederländer Krisenvorsorge angesichts zunehmender geopolitischer Instabilität. Gold bei der Bank of England gelte als das am leichtesten handelbare Gold der Welt und sei im Krisenfall am schnellsten verfügbar. Vor der Aktion lagen rund 31 Prozent des niederländischen Goldes in New York, jetzt sind es nur noch rund 18 Prozent. Eine Befürchtung möglicher Beschlagnahmung durch die USA weist die Bank dabei ausdrücklich zurück – es gehe um Handelbarkeit und Verfügbarkeit im Ernstfall.
Die Niederlande stehen damit nicht allein: Frankreich hat Anfang des Jahres Gold aus New York abgezogen, Deutschland hatte bereits 2017 hunderte Tonnen aus den USA nach Frankfurt zurückgeholt. Der Trend, Goldreserven näher an heimische oder als krisenfester geltende Standorte zu verlagern, setzt sich damit fort – vor dem Hintergrund von Kriegen, gestiegenen Anleiherenditen und einem schwelenden Handelsstreit zwischen Washington und dem Rest der Welt.
Der Goldpreis spiegelt diese Entwicklung wider: Seit Mitte Juli ist die Feinunze um rund 12 Prozent gestiegen, in der Spitze auf fast 4.750 Dollar, aktuell etwas zurückgekommen. Sorgen um amerikanische Staatsfinanzen, die Aussicht auf einen schwächeren Dollar, anhaltende Notenbank-Nachfrage und geopolitische Unsicherheit bleiben als Preistreiber bestehen.
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