Die US-Notenbank hat ihre Geldpolitik zunächst nicht verändert, doch die Reaktion an den Märkten fiel deutlich unruhiger aus als erwartet. Der S&P 500 schloss zuletzt 1,5 Prozent schwächer, der technologielastige Nasdaq 100 verlor sogar rund 2,1 Prozent und liegt damit von seinem Hoch Anfang Juni bereits mehr als 10 Prozent entfernt. Rein rechnerisch befindet sich der Index damit in einer Korrektur. Besonders unter Druck standen erneut Halbleiterwerte, nachdem eine Reihe von Quartalsberichten aus dem Sektor durchwachsen aufgenommen worden war.
Fed-Entscheidung sorgt für Verwerfungen am Anleihenmarkt
Der Handelstag verlief in zwei Phasen: Zunächst reagierten die Börsen freundlich auf die Entscheidung der Notenbank, die vor allem als Erleichterung darüber gewertet wurde, dass keine Zinserhöhung beschlossen wurde. Während der anschließenden Pressekonferenz drehte die Stimmung jedoch, und in der letzten Handelsstunde rutschten die Indizes ins Minus. Als plausible Erklärung gelten größere Bewegungen am Anleihenmarkt, insbesondere am langen Ende der Zinskurve.
Der neue Fed-Chef Kevin Warsh setzte beim Zinsentscheid zunächst auf Kontinuität: Das Zielband für den Leitzins bleibt bei 3,5 bis 3,75 Prozent – seit der letzten Senkung im Dezember 2025 sind damit siebeneinhalb Monate vergangen. Bemerkenswert war jedoch das Abstimmungsverhalten: Drei der zwölf stimmberechtigten Mitglieder des Offenmarktausschusses – die Präsidentin der Notenbank Cleveland sowie die Chefs der Notenbanken aus Minneapolis und Dallas – votierten für eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte. Das ist das erste Mal seit 2016, dass sich drei Ausschussmitglieder für eine straffere Geldpolitik aussprachen – ein Hinweis darauf, dass innerhalb der Fed der Druck zum Handeln wächst.
Warsh bekräftigte auf der Pressekonferenz seine Absicht, die Inflation zu dämpfen. Die Kernrate der US-Konsumentenpreise liegt seit rund fünf Jahren über dem Zwei-Prozent-Ziel. Der leichten Abkühlung im Juni maß er wenig Bedeutung bei. Wichtiger seien ihm zufolge zwei Entwicklungen: Erstens seien die Marktzinsen seit der Sitzung Mitte Juni deutlich gestiegen, die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen um rund 25 Basispunkte auf zeitweise mehr als 4,7 Prozent. Zweitens verwies er auf den boomenden Infrastrukturausbau im Bereich künstliche Intelligenz. Seine Argumentation: Die höheren Marktzinsen würden der Notenbank bereits einen Teil der Arbeit abnehmen, da die Märkte die Botschaft zur Preisstabilität selbst umsetzten. Eine Forward Guidance zum künftigen geldpolitischen Kurs gibt es derzeit nicht – die Aufmerksamkeit solle sich stattdessen wieder auf realwirtschaftliche Daten richten.
Die Anleger nahmen Warsh diese Erklärung offenbar nicht ab. Investoren trennten sich vor allem von 30-jährigen US-Staatsanleihen, deren Rendite in der Spitze um bis zu 14 Basispunkte auf fast 5,23 Prozent stieg – der höchste Stand seit 19 Jahren. Bei zehnjährigen Papieren lag die Rendite bei 4,67 Prozent. Die Zinskurve wird damit steiler, ein Signal dafür, dass Anleger für langfristige Papiere höhere Renditen zur Absicherung gegen Inflationsrisiken verlangen. Der Anleihenmarkt scheint also daran zu zweifeln, dass die Notenbank die Inflation tatsächlich in den Griff bekommt.
Die nächste Zinsentscheidung fällt am 16. September. Bis dahin stehen zwei weitere Arbeitsmarktberichte sowie neue Inflationsdaten an. Die Terminmärkte preisen aktuell eine Wahrscheinlichkeit von etwas mehr als 40 Prozent ein, dass der Leitzins im September unverändert bleibt – zuvor waren es knapp 25 Prozent. Ein wichtiger Termin zuvor ist das Wirtschaftssymposium in Jackson Hole im August, wo Warsh möglicherweise mehr über seine geldpolitischen Pläne verraten könnte. Bislang hielt er sich dazu bedeckt.
Ölpreis über 90 Dollar – geopolitische Risiken bleiben im Blick
Neben der Zinsentscheidung prägte auch der Ölmarkt den Handel. Vor dem Hintergrund der angespannten Lage im Nahen Osten verteuerte sich die Nordseesorte Brent deutlich und notierte in der Spitze wieder oberhalb von 90 Dollar je Fass. Das ist auch für die Notenbank relevant, da hohe Energiepreise Einfluss auf die Inflationsentwicklung haben.
Software-Aktien: Comeback nach schwerem Jahresauftakt
Während Halbleiterwerte im Korrekturmodus mit zeitweise Sell-off-Charakter verharren, konnten Software-Aktien zuletzt deutlich Boden gutmachen. Titel wie Salesforce, ServiceNow oder Workday legten zum Wochenbeginn zwischen 7 und 10 Prozent zu, die Bewegung setzte sich bis Mittwoch fort. Auch Adobe zeigte einen scharfen Rebound.
Ausgangspunkt der vorangegangenen Schwäche war ein Ereignis vom 14. Juli: Der Technologiekonzern IBM hatte vor einer Verschiebung von Kundenbudgets weg von Software hin zu Hardware wie Servern und Speicherchips gewarnt, um den Ausbau der KI-Infrastruktur zu finanzieren. Diese Warnung löschte einen Großteil der Kursgewinne aus, die der Sektor zwischen Mai und Juli aufgebaut hatte.
Die Gegenthese lautet nun, dass der Markt die Softwarehäuser voreilig abgeschrieben habe. Wenn künstliche Intelligenz zu einer Explosion an digitalen Inhalten und automatisierten Prozessen führt, steigt demnach auch die Nachfrage nach Werkzeugen, mit denen sich diese Inhalte erstellen, verwalten und absichern lassen.
Bei Adobe, dem Platzhirsch bei kreativer Software, wuchs der Umsatz im zweiten Quartal um 13 Prozent, der Abo-Umsatz um 14 Prozent. Der jährlich wiederkehrende Umsatz erreichte 27,1 Milliarden Dollar, der Free Cashflow im ersten Halbjahr lag bei rund fünf Milliarden Dollar. Trotz dieser Zahlen geriet die Aktie zeitweise stark unter Druck, was gemessen an der eigenen Gewinnprognose für das laufende Jahr zu einer vergleichsweise niedrigen Bewertung führte.
Autodesk, Anbieter von Software für Architekten, Ingenieure und Bauunternehmen, verzeichnete ein Umsatzplus von 16 Prozent sowie eine um 2 Prozentpunkte gestiegene operative Marge. Der Konzern tätigte zudem eine milliardenschwere Übernahme, um sich im Bereich Betrieb und Wartung breiter aufzustellen.
Bei Workday, bekannt als Anbieter von Personalabteilungs-Software und inzwischen auch für Finanzplanung und Lohnabrechnung, sorgte die Prognose eines Abo-Wachstums von nur noch 12 bis 13 Prozent für das laufende Geschäftsjahr für Verunsicherung. Der Gewinn wuchs jedoch schneller als der Umsatz, die bereinigte operative Marge stieg im ersten Quartal, und der Free Cashflow legte deutlich zu. Zudem kaufte das Unternehmen in großem Stil eigene Aktien zurück.
ServiceNow, das Schwergewicht unter den vier Beispielen, bietet eine Plattform zur Automatisierung von Arbeitsabläufen und positioniert sich als Steuerungszentrale für den Einsatz von KI in Unternehmen. Der jährliche Vertragswert im KI-Geschäft erreichte zuletzt die Marke von einer Milliarde Dollar, mit beschleunigtem Zuwachs. Das Geschäft rund um Sicherheit und Risiko wächst laut Unternehmensangaben rasant, die Kundenbindung liegt bei einer Verlängerungsrate von 98 Prozent. Die Aktie hatte zuvor einen deutlichen Kursrückgang hinter sich, scheint aber einen Boden gefunden zu haben.
Allen vier Unternehmen gemeinsam ist, dass sie über den Verkauf reiner Software hinaus eine Steuerungs- und Kontrollebene anbieten, die im Zeitalter der künstlichen Intelligenz an Bedeutung gewinnt. Einschränkend gilt jedoch: Bislang ist bei keinem der Unternehmen genau beziffert, wie viel Umsatz KI-Angebote konkret beisteuern. Zudem setzen viele dieser Firmen erhebliche Aktienpakete als Vergütung ein, was Gewinne schmälern und durch Verwässerung die Aktienzahl erhöhen kann. Die weitere Kursentwicklung dürfte zudem stark von der allgemeinen Stimmung im Technologiesektor abhängen.
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