Fed-Chef Warsh läutet neuen Zinszyklus ein – Gold trotzt der Zinserhöhung

Die US-Notenbank hebt den Leitzins auf bis zu 4 Prozent an und signalisiert weitere Schritte, während Gold seine Erholung fortsetzt.

Auf einen Blick:
  • Fed beschließt Zinsschritt einstimmig
  • Weitere Erhöhung bis Jahresende wahrscheinlich
  • DAX bleibt über 100-Tage-Linie
  • Gold erholt sich nach Rücksetzer

Einstimmiger Beschluss als Machtdemonstration

Die US-Notenbank hat die Zinsen erstmals seit über drei Jahren angehoben. Das Zielband für den Leitzins steigt um 25 Basispunkte auf eine Spanne zwischen 3,75 und 4 Prozent. Überraschend war weniger der Schritt selbst – die Wahrscheinlichkeit dafür war im Vorfeld mit 90 Prozent taxiert worden –, sondern das Abstimmungsergebnis: Der Beschluss fiel einstimmig mit 12 zu 0 Stimmen. Bei der Juli-Sitzung hatten noch drei Mitglieder gegen die damalige Entscheidung gestimmt, die Zinsen unverändert zu lassen, weil sie eine Erhöhung für nötig hielten. Binnen sieben Wochen ist aus einem gespaltenen Gremium ein geschlossenes geworden – ein Signal, das sich sowohl an den Anleihenmarkt als auch an das Weiße Haus richtet.

Fed-Chef Kevin Warsh hatte den Schritt bereits Ende August beim Symposium in Jackson Hole vorbereitet. Robuste Arbeitsmarktdaten und eine hartnäckige Kerninflation machten die Entscheidung im Vorfeld praktisch unausweichlich.

Dot-Plots zeigen klare Richtung nach oben

Der quartalsweise Zinsausblick der Fed-Mitglieder lässt wenig Zweifel an der weiteren Marschrichtung: Eine deutliche Mehrheit der Projektionen rechnet mit mindestens einer weiteren Zinserhöhung um 25 Basispunkte bis zum Jahresende, vier Mitglieder gehen sogar von zwei zusätzlichen Schritten aus. Der Medianwert für das Jahresende liegt jetzt bei 4,1 Prozent statt zuvor 3,8 Prozent. Auch für das kommende Jahr wurde der Medianwert auf 4,1 Prozent angehoben, wobei einige Mitglieder sogar einen höheren Leitzins erwarten. Ein für das kommende Jahr erwarteter Zinsschritt nach unten dürfte damit vom Tisch sein.

Bemerkenswert: Von den 19 Mitgliedern des Offenmarktausschusses lieferten nur 18 eine Projektion – Warsh selbst enthält sich wie schon bei seiner ersten Sitzung im Juni. Er hält das Dot-Plot-Instrument für wenig hilfreich und hat eine grundsätzliche Überprüfung der Fed-Kommunikation angekündigt, einschließlich Pressekonferenzen, Protokollen und Transkripten.

Auch die Konjunkturprognosen wurden angepasst: Das Wachstum für das Schlussquartal 2026 wird nun bei 2,3 statt 2,2 Prozent gesehen, die Arbeitslosenquote wird für Ende 2026 auf 4,1 Prozent gesenkt – nach zuvor 4,3 Prozent im Juni. Bei der Kerninflation wurde die Prognose von zuvor 3,3 Prozent auf 3,4 Prozent angehoben.

Die Pressekonferenz fiel deutlich kürzer aus als sonst üblich. Warsh betonte, die Inflation liege seit mehr als fünf Jahren über dem Zielwert, und rückte das Preisstabilitätsmandat in den Vordergrund. Zwei Formulierungen blieben hängen: Man habe eine „Dosis geldpolitischer Stimulanz“ aus dem System genommen – ein Wortlaut, der weitere Schritte andeutet – und die Entscheidung beginne zu zeigen, „dass man es ernst meine“.

Anleihenmarkt reagiert geordnet, Trump fordert erneut niedrigere Zinsen

Am Anleihenmarkt bewegte sich vor allem das kurze Ende: Die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen stieg um sieben Basispunkte auf 4,74 Prozent, den höchsten Stand seit Juli 2024. Die Renditen der 10- und 30-jährigen Papiere zogen ebenfalls an.

Von Präsident Trump kam die erwartete Reaktion: Er forderte erneut einen Leitzins von 1 Prozent oder darunter, verzichtete aber auf persönliche Angriffe gegen Warsh. Am Markt wird die Einstimmigkeit des Fed-Beschlusses als Beleg dafür gewertet, dass Warsh das Gremium fest im Griff hat. Im Terminhandel wird derzeit eine Wahrscheinlichkeit von rund 90 Prozent für einen weiteren Zinsschritt bis Jahresende eingepreist.

Die Frage der Zinsentwicklung ist damit nicht beendet: Am heutigen Tag steht die Entscheidung der Bank of England an, am morgigen Tag folgt die Bank of Japan. Fällt dort das Votum knapp aus oder klingt der Ausblick härter als erwartet, könnte es ab Freitag zu erneuter Volatilität an den Rentenmärkten kommen.

DAX hält sich über wichtiger Marke, KI-Infrastruktur treibt Kurse

Der deutsche Aktienmarkt bekam bereits vor der Zinsentscheidung Rückenwind. Der DAX schloss fester und behauptet sich damit über seiner 100-Tage-Linie, die aktuell bei rund 25.259 Punkten verläuft. Die 50-Tage-Linie bei rund 25.749 Punkten bleibt hingegen Widerstand. Der mittelfristige Aufwärtsimpuls ist damit zwar gebremst, der übergeordnete Trend aber intakt.

Getragen wurde der Handelstag vor allem von Profiteuren des KI-Ausbaus in bemerkenswerter Breite: Hochtief und Siemens Energy legten zu. Im MDAX zählten Aixtron, Siltronic, Jenoptik und SÜSS MicroTec zu den Gewinnern. Die Zusammensetzung dieser Gruppe – Chip-Unternehmen neben Elektrotechnik, Energietechnik und einem Baukonzern – deutet darauf hin, dass der Markt den KI-Boom zunehmend als Infrastrukturthema handelt: Rechenzentren benötigen Stahl und Beton, Stromnetze und Kühlung, bevor der erste Chip überhaupt rechnen kann.

Der Stimmungsumschwung fällt dabei auf, denn erst am Montag hatten Berichte über eigenständige Hacking-Angriffe durch KI-Systeme für Sicherheitsbedenken gesorgt, verstärkt durch eine Warnung des Anthropic-Chefs, unterstützt unter anderem vom OpenAI-Chef, Elon Musk und dem Intel-Chef. Dem gegenüber stehen positive Branchensignale: Die Bank of America hat ihre Prognose für das weltweite Halbleiter-Marktvolumen bis 2030 auf 3,2 Billionen Dollar angehoben, mit Verweis auf stärkeres Wachstum bei Speicherchips und Rechenzentren. Die Citigroup wiederum argumentiert, dass die Absicherung von KI-Systemen selbst rechenintensiv sei und Sicherheitsbedenken die Nachfrage nach Rechenleistung zusätzlich erhöhen dürften.

Gemischtes Bild in New York

In den USA fiel die Reaktion gemischter aus. Der Dow Jones verlor 1,2 Prozent und war damit der schwächste der großen Indizes. Der S&P 500 gab nach und notiert weiterhin unter seiner 50-Tage-Linie, hat die 100-Tage-Linie aber noch nicht unterschritten. Der Nasdaq 100 rettete dagegen ein kleines Plus von 0,02 Prozent über die Ziellinie. Diese Spreizung gilt als eigentliche Botschaft des Handelstages: Die Technologiewerte, die den laufenden Bullenmarkt tragen, reagierten auf die Aussicht höherer Zinsen kaum. Intel, Marvell Technology, AMD und Nvidia standen mehrheitlich auf der Gewinnerseite – Nvidia mit einem Plus von 0,8 Prozent, Intel ebenfalls im Plus. Bei Intel spielte dabei eine mögliche Kooperation mit dem südkoreanischen Hersteller SK Hynix beim Chipbau in den USA eine Rolle.

Entlastung kam zudem von der Ölseite: Die zuletzt gestiegenen Notierungen gaben deutlich nach, nachdem der amerikanische Energieminister eine schnelle Wiederinbetriebnahme einer wichtigen Pipeline in Saudi-Arabien in Aussicht gestellt hatte. Niedrigere Ölpreise gelten als Argument dafür, dass ein möglicher neuer Zinserhöhungszyklus moderater ausfallen könnte als zuvor befürchtet.

Gold behauptet sich trotz steigender Zinsen

Normalerweise gelten steigende Zinsen als Belastung für Gold, da das Edelmetall keine laufenden Erträge abwirft. Tatsächlich geriet der Goldpreis nach der Zinsentscheidung kurzzeitig unter Druck, konnte sich am Folgetag aber wieder deutlich erholen. Charttechnisch hat die 50-Tage-Linie dabei möglicherweise als Unterstützung gehalten.

Im vergangenen Jahr legte Gold um rund zwei Drittel zu und erreichte Anfang des Jahres ein Rekordhoch. Mit Beginn des Konflikts zwischen den USA/Israel und dem Iran stieg der Ölpreis kräftig, während Gold in eine Korrekturphase geriet – verstärkt durch Gewinnmitnahmen, Goldverkäufe der türkischen Notenbank und zusätzliche Zölle auf Importe in Indien. Bis Mitte Juli fiel der Goldpreis zeitweise unter die Marke von 4000 Dollar.

Aktuell wird die Preisbildung stärker von fundamentalen Faktoren bestimmt. Zwar sprechen steigende Zinsen weltweit grundsätzlich gegen Gold, doch hoch verschuldete Staatshaushalte – wie jener der USA – geraten dadurch zunehmend unter Druck, ebenso Cloud-Konzerne, die gewaltige Summen zur Finanzierung von Rechenzentren aufnehmen. Das US-Finanzministerium versucht zudem, durch Rückkäufe langlaufender Staatsanleihen den Anstieg der Langfristzinsen zu bremsen. Dieser Zustand wird als „fiskalische Dominanz“ bezeichnet: Die Notenbank muss die Zinsen niedriger halten, als es die Inflation eigentlich erfordern würde, um die staatliche Zinslast beherrschbar zu halten – ein Umfeld, das Gold tendenziell stützt.

Ein zweiter Treiber sind die Notenbanken selbst. Nach dem Einfrieren russischer Zentralbankreserven ist in Schwellenländern das Bewusstsein für Risiken bei westlichen Staatsanleihen gewachsen. Gold trägt kein Gegenparteirisiko. Zentralbanken kauften zuletzt weltweit netto mehr als 1000 Tonnen pro Jahr – bei einer jährlichen Minenförderung von rund 3700 Tonnen ein signifikanter Anteil. Laut World Gold Council plant fast die Hälfte der befragten Zentralbanken, ihre Goldbestände in diesem Jahr weiter aufzustocken.

Als Risiken gelten eine deutliche Abkühlung des Wachstums oder ein Einbruch an den Aktienmärkten mit deflationärem Druck, was die Realzinsen rasch steigen lassen würde. Auch eine glaubwürdige Sanierung der Staatshaushalte würde Anleiheinvestoren beruhigen und Gold belasten – ein Szenario, das derzeit jedoch als wenig wahrscheinlich gilt.

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