Das Hamburger Wirkstoffforschungsunternehmen Evotec hat den Kapitalmarkt mit einer drastischen Senkung seiner Prognose für das Geschäftsjahr 2026 überrascht. Wie das Unternehmen per Pflichtmitteilung bekannt gab, erwartet der Vorstand nun ein bereinigtes Konzern-EBITDA in einer Spanne von minus 70 bis minus 105 Millionen Euro. Ursprünglich war die Konzernleitung von einem positiven Ergebnis zwischen 0 und 40 Millionen Euro ausgegangen. Auch die Umsatzerwartung wurde deutlich nach unten korrigiert: Statt der bisher anvisierten 700 bis 780 Millionen Euro kalkuliert Evotec nun lediglich noch mit Erlösen zwischen 570 und 610 Millionen Euro.
Verzögerte Meilensteinzahlungen belasten das Ergebnis
Hintergrund der massiven Anpassung sind laut Unternehmensangaben vor allem vorläufige Zahlen für das erste Halbjahr 2026. In den ersten sechs Monaten des Jahres erzielte Evotec einen Konzernumsatz von rund 300,1 Millionen Euro bei einem bereinigten EBITDA von circa minus 42,7 Millionen Euro. Als Hauptursachen für die schwache Entwicklung nennt Evotec zeitliche Verzögerungen bei Meilensteinzahlungen, die allein für rund 40 Prozent des negativen Effekts verantwortlich seien. Weitere 45 Prozent des Rückgangs entfallen laut Evotec IR auf verschobene Abschlüsse im Bereich strategischer Partnerschaften.
Die Marktreaktion auf diese Nachrichten war heftig. Medienberichten zufolge markierte die Aktie im Xetra-Handel am 22. Juli mit 3,41 Euro zeitweise ein neues Zehnjahrestief. Aktuell notiert das Papier bei 3,50 Euro und liegt damit immerhin 9,77 % über dem am 14. Juli markierten 52-Wochen-Tief von 3,19 Euro. Dennoch verzeichnet der Titel seit Jahresbeginn ein Minus von 35,71 %.
Analysten reagieren mit drastischen Kurszielsenkungen
Zahlreiche Analysehäuser haben ihre Einschätzungen infolge der Gewinnwarnung revidiert. Falko Friedrichs von der Deutschen Bank senkte das Kursziel am 16. Juli deutlich von zuvor 10,00 Euro auf 3,50 Euro und stufte den Wert auf „Hold“ herab. Am selben Tag reduzierte das Bankhaus Berenberg das Ziel auf 3,60 Euro bei einer unveränderten „Hold“-Einstufung und verwies dabei auf die mangelnde Visibilität bei künftigen Meilensteinzahlungen. Auch Stephan Wulf von ODDO BHF passte seine Bewertung am 15. Juli an und setzte das neue Kursziel auf 3,50 Euro (Einstufung: „Neutral“).
Etwas optimistischer bleibt Charles Weston von RBC Capital Markets. Er senkte das Kursziel am 14. Juli zwar von 12,00 Euro auf 10,00 Euro, behielt jedoch seine „Outperform“-Einstufung bei. Weston betonte dabei die weiterhin positive Dynamik im Basisgeschäft (D&PD). Im Gegensatz dazu bestätigte die Bank of America am 15. Juli ihre „Underperform“-Einstufung für die an der NASDAQ gehandelten Evotec-ADS mit einem Kursziel von 2,40 US-Dollar, während TD Cowen am 14. Juli ein Kursziel von 4,00 Euro ausgab.
Personelle Neuausrichtung und neue Kooperationen
Inmitten der operativen Turbulenzen vollzieht Evotec einen personellen Umbruch in den Führungsgremien. Bereits im Mai wurden Claire Hinshelwood zur neuen Finanzchefin (CFO) und Dr. Ingrid Müller zum Chief Operating Officer (COO) ernannt. Auf der Hauptversammlung im Juni folgte zudem ein Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrats: Dieter Weinand übernahm den Vorsitz von Prof. Dr. Iris Löw-Friedrich. Zusätzlich wurde Dr. Wolfgang Hofmann neu in das Kontrollgremium gewählt.
Zur Stärkung der Liquidität hatte das Unternehmen bereits im Mai eine Wandelschuldverschreibung über 125 Millionen Euro mit einer Laufzeit bis 2029 platziert. Auf operativer Ebene setzt Evotec zudem auf Effizienzsteigerungen. Am 23. Juli bestätigte das Unternehmen eine Partnerschaft mit dem US-Anbieter Navan, um die Verwaltung von Geschäftsreisen und Spesenabrechnungen künftig global zu konsolidieren und durch künstliche Intelligenz zu unterstützen. Den vollständigen Bericht zum ersten Halbjahr 2026 plant das Unternehmen am 13. August zu veröffentlichen.
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