Der Spezialchemiekonzern Evonik navigiert derzeit durch ein Umfeld aus operativer Erholung und logistischen Herausforderungen. Nachdem das Unternehmen seine Prognose für das Gesamtjahr bereits angehoben hatte, bestätigen die finalen Zahlen für das zweite Quartal den positiven Trend.
Parallel dazu markiert die erste Einspeisung von grünem Wasserstoff im Chemiepark Marl einen strategischen Fortschritt bei der Umstellung auf nachhaltige Energiequellen.
Operative Erholung stützt angehobene Jahresziele
Die am 4. August vorgelegten endgültigen Geschäftszahlen für das zweite Quartal 2026 unterstreichen die wirtschaftliche Stabilisierung des Essener Konzerns. Evonik steigerte den Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 11 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro. Das bereinigte EBITDA erreichte 630 Millionen Euro und lag damit deutlich über dem Vorjahreswert von 509 Millionen Euro.
Diese Entwicklung bildete die Grundlage für die Anhebung der Jahresprognose: Der Vorstand erwartet nun ein bereinigtes EBITDA zwischen 2,0 und 2,2 Milliarden Euro, nachdem zuvor lediglich 1,7 bis 2,0 Milliarden Euro in Aussicht gestellt worden waren.
Ein wesentlicher Aspekt der finanziellen Erholung zeigt sich in der Liquidität des Konzerns. Der Free Cashflow verbesserte sich im zweiten Quartal auf plus 49 Millionen Euro, nachdem im Vorjahresquartal noch ein Minus von 211 Millionen Euro zu Buche gestanden hatte.
Trotz der operativen Zuwächse ging der Konzerngewinn nach Steuern auf 84 Millionen Euro zurück, was einem Rückgang von rund 30 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert von 120 Millionen Euro entspricht. Das Unternehmen hält jedoch an seinem Ziel einer Cash Conversion Rate von rund 40 Prozent fest.
Grüner Wasserstoff erreicht den Chemiepark Marl
Flankiert wird die wirtschaftliche Erholung durch Fortschritte in der Nachhaltigkeitsstrategie. Wie dpa-AFX und der Fernleitungsnetzbetreiber Nowega berichteten, floss am 4. August erstmals zertifizierter grüner Wasserstoff über eine 120 Kilometer lange Fernleitung von Lingen in den Chemiepark Marl.
Der Energielieferant RWE nutzt dafür Elektrolysekapazitäten, die bis Ende 2026 auf 200 Megawatt und ab 2027 auf 300 Megawatt ausgebaut werden sollen. Für Evonik ist die Anbindung an dieses Netz ein zentraler Baustein, um die CO2-Emissionen in der energieintensiven Chemieproduktion langfristig zu senken.
Zusätzlich investiert der Konzern in den Ausbau seiner spezialisierten Kapazitäten. Am Standort Lafayette in den USA fließen rund 100 Millionen US-Dollar in die Auftragsfertigung moderner pharmazeutischer Wirkstoffe. Diese über fünf Jahre angelegte Modernisierung von Reaktoren und Ausrüstung soll die Position von Evonik als Partner der Pharmaindustrie stärken und die Abhängigkeit von zyklischen Basis-Chemikalien weiter verringern.
Logistische Herausforderungen durch Niedrigwasser
Trotz der positiven operativen Impulse bereiten die aktuellen Wetterbedingungen Sorgen. Medienberichten zufolge erschwert das anhaltende Niedrigwasser auf dem Rhein zunehmend die Gütertransporte per Binnenschiff zum und vom zentralen Standort in Marl.
Evonik prüft derzeit intensiv die Verlagerung von Transportmengen auf Schiene, Straße und Pipelines, um die Versorgung sicherzustellen. Während Standorte wie Hanau, Essen-Goldschmidt oder Wesseling bislang nur begrenzt betroffen sind, läuft die Produktion insgesamt noch planmäßig.
Die gesamte Branche blickt jedoch mit Sorge auf die Pegelstände. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) warnte am vergangenen Donnerstag bereits vor möglichen Produktionskürzungen, sollte sich die Lage nicht entspannen. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft schätzt den potenziellen Wertschöpfungsverlust für die Industrie im dritten Quartal auf bis zu zwei Milliarden Euro.
An der Börse wird die Entwicklung des Konzerns derzeit positiv gewürdigt. Im heutigen Handel notiert das Papier bei 17,88 Euro, was einem leichten Tagesminus von 0,45 Prozent entspricht. Seit Jahresbeginn konnte die Aktie jedoch deutlich zulegen und verzeichnet ein Plus von 33,83 Prozent.
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