Zwischen operativer Realität und Übernahmefantasie klafft bei Evonik derzeit eine deutliche Lücke. Das Papier schloss am Freitag bei 20,66 € und verharrt damit knapp unter dem 52-Wochen-Hoch von 20,74 €. Marktbeobachter sind sich über die weitere Entwicklung jedoch uneins. Vor allem die Frage nach der operativen Tragfähigkeit der jüngsten Kursgewinne spaltet die Analystengilde.
Während der Essener Spezialchemiekonzern an seiner Neuausrichtung arbeitet, bestimmen vor allem externe Faktoren das Geschehen. Die Aussicht auf eine mögliche Branchenkonsolidierung trieb die Notierung in den vergangenen Wochen spürbar an. Gleichzeitig mehren sich die Stimmen, die vor einer Überhitzung ohne fundamentale Bestätigung durch das laufende Geschäft warnen.
Geteilte Einschätzungen bei den Banken
Am Donnerstag stufte Deutsche Bank Research das Papier auf „Hold“ mit einem Kursziel von 18 € ein. Analystin Virginie Boucher-Ferte rechnet im dritten Quartal mit einem EBITDA von 640 Millionen Euro. Sie sieht den Kurs vorerst primär von Übernahmespekulationen und weniger von der operativen Entwicklung getragen.
Zuversichtlicher äußerte sich die DZ BANK am 29. September. Analyst Peter Spengler bestätigte seine Kaufempfehlung und hob den fairen Wert auf 22 € an, da die Übernahmefantasie zusätzliches Potenzial biete.
Trotz des höheren Kursziels verweist auch die DZ BANK auf beträchtliche Unwägbarkeiten. Fragen zur Finanzierung eines solchen Zusammenschlusses, zu Synergien und zur Position der RAG-Stiftung sind weiterhin ungelöst.
Laut der Nachrichtenagentur Reuters wies Evonik ein erstes Übernahmeangebot von BASF als zu niedrig zurück. Das Handelsblatt berichtete anschließend, BASF halte dennoch an Plänen für eine Übernahme fest. Evonik stellte klar, dass keine Gespräche zwischen den beiden Chemiekonzernen stattfinden.
Eigene Strategie und Blick auf die Quartalszahlen
Ungeachtet der Avancen aus Ludwigshafen treibt Evonik den Umbau aus eigener Kraft voran. Im Rahmen des Sparprogramms „Evonik Tailor Made“ kündigte das Unternehmen vor rund zwei Wochen an, weltweit 3.200 Stellen abzubauen. Rund 2.150 Arbeitsplätze davon sollen an den deutschen Standorten wegfallen.
Mit dem Stellenabbau verbindet das Management eine strategische Schärfung der Wachstumsziele. Die Produktionsstandorte in Deutschland sollen künftig klarer definierte Aufgaben im Portfolio übernehmen. Dieser Prozess soll die operative Leistungsfähigkeit verbessern und das Unternehmen widerstandsfähiger gegen konjunkturelle Schwankungen aufstellen.
Die zweite Umsetzungsphase der Neuausrichtung soll ab 2027 greifen und bis 2029 laufen. Kurzfristig richtet sich die Aufmerksamkeit der Anleger jedoch auf den nächsten Meilenstein im Finanzkalender. Am 3. November 2026 veröffentlicht Evonik die Geschäftsergebnisse für das dritte Quartal 2026. Erst dieser Zwischenbericht wird zeigen, ob die operative Ertragskraft mit den jüngsten Kursgewinnen Schritt halten kann.
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