Ein Netzwerk auf Höchstleistung, ein Kurs im freien Fall — bei Ethereum klaffen Fundamentaldaten und Marktstimmung derzeit so weit auseinander wie selten zuvor. Während die Blockchain im ersten Quartal 2026 mit 200,4 Millionen Transaktionen einen Allzeitrekord aufstellte, verbucht ETH gleichzeitig die schlechteste Quartalsserie seiner Geschichte. Kein Wunder, dass Anleger nervös reagieren.
Drei rote Quartale und ein historischer Stellenabbau
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Q4 2025 schloss mit minus 28 Prozent, Q1 2026 mit minus 29 Prozent, Q2 2026 mit minus 25 Prozent. Seit Beginn der Handelsdaten im Jahr 2016 gab es diese Serie von drei aufeinanderfolgenden Verlustquartalen noch nie. ETH notiert aktuell bei rund 1.570 Dollar und damit deutlich unter dem Januar-Hoch von 3.400 Dollar sowie unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 2.317 Dollar.
Parallel zur Kursschwäche hat die Ethereum Foundation Ende Juni ihren bislang tiefsten Einschnitt vollzogen: 54 Mitarbeiter verloren ihre Stelle, das entspricht etwa 20 Prozent der Belegschaft. Das Jahresbudget wurde um 40 Prozent gekürzt, das ZK-Forschungslabor Privacy and Scaling Explorations geschlossen, die Organisation auf fünf Domänen-Cluster umstrukturiert. Betroffene Mitarbeiter erhalten eine Abfindung von mindestens einem Monatsgehalt pro Dienstjahr.
Vitalik Buterin ordnete die Kürzungen als bewussten Übergang ein: Die Foundation reduziert ihre Ausgabenrate von derzeit 15 Prozent der verbleibenden Treasury-Mittel schrittweise auf ein langfristiges Ziel von 5 Prozent pro Jahr ab 2030. Seit Januar 2026 haben zudem neun hochrangige Führungskräfte die EF verlassen, darunter beide Co-Geschäftsführer. Als Reaktion auf den Aderlass gründeten fünf ehemalige EF-Forscher mit Unterstützung von Mitgründer Joseph Lubin das neue Projekt Ethlabs. Zum 1. Juli startete außerdem Ethereum Institutional als unabhängige Non-Profit-Organisation für institutionelle Anleger.
Wale kaufen, während der Index Angst signalisiert
Der Angst-und-Gier-Index steht bei etwa 12 — tiefe extreme Angst. Aus den Spot-Ether-ETFs flossen über fünf aufeinanderfolgende Handelstage insgesamt 274 Millionen Dollar ab, ohne einen einzigen positiven Tag. Citi reagierte mit einer Senkung des 12-Monats-Kursziels auf 2.240 Dollar und verwies auf die schwache ETF-Nachfrage.
Auffällig ist jedoch, dass große Wallets mit Beständen zwischen 1.000 und 10.000 ETH in dieser Phase spürbar zugelegt haben. Das deutet darauf hin, dass erfahrene Adressen die Schwäche zum Einsammeln nutzen, während Kleinanleger eher zurückhaltend bleiben. Historisch drehte ETH nach zwei roten Quartalen bereits mehrfach nach oben — im dritten Quartal 2022 etwa mit einem Plus von 24 Prozent.
Der RSI im Tageschart liegt bei 29 und damit im überverkauften Bereich, was technisch für eine Gegenbewegung sprechen könnte. Für eine nachhaltige Erholung muss ETH die Zone zwischen 1.500 und 1.708 Dollar verteidigen. Ein Bruch unter die 1.500-Dollar-Marke würde den Weg bis in den Bereich um 1.450 Dollar öffnen, während eine Rückeroberung der 1.670-Dollar-Marke das technische Bild deutlich verbessern würde. Ob die Zuflüsse institutioneller Investoren im dritten Quartal das Muster früherer Erholungen wiederholen, dürfte sich in den kommenden Wochen zeigen.
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