Nachdem Bomben die iranische Führung nicht in die Knie zwangen, setzt Trump nun auf eine wirtschaftliche Isolation.
US-Finanzminister Scott Bessent präsentierte am Montag auf einer Pressekonferenz die seit Tagen angekündigte „größte finanzielle Offensive, die jemals gegen einen Gegner mobilisiert wurde“, die intern den Namen „Operation Economic Outcast“ trägt.
Fünf neue Bereiche sollen künftig von Sekundärsanktionen erfasst werden: digitale Vermögenswerte, Technologie, Gold, Luftfahrt und Schifffahrt. „Unser Ziel ist es, jede wirtschaftliche Lebensader zu kappen, die dieses tyrannische Regime am Leben hält, bis Teheran völlig isoliert dasteht“, erklärte Bessent.
Patt-Situation treibt Ölpreis
Teheran zeigte sich unbeeindruckt: Finanzminister Ali Madanizadeh erklärte, man sei „vollständig vorbereitet“ und verfüge über einen Zwei-Jahres-Plan, um die Sanktionen zu umgehen. Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf warnte die USA vor einem Bumerang-Effekt, der Sicherheitsrat-Chef Mohsen Rezaei bezeichnete eine Kooperation mit den US-Sanktionen sogar als „Kriegsakt“.
Nachdem am 17. August die von Washington gesetzte 60-Tage-Frist für eine Verhandlungslösung ergebnislos verstrichen war, ist eine diplomatische Lösung damit weiter entfernt denn je – die Straße von Hormus bleibt für den Handel faktisch blockiert, Teheran drohte zuletzt sogar mit der Beschlagnahmung von Schiffen, die gegen die dortigen Transitregeln verstoßen sowie mit Angriffen auf US-Unternehmen, die in der Region operieren.
Der Ölpreis reagiert entsprechend: Kostete die Nordsee-Sorte Brent vor wenigen Wochen noch weniger als 80 Dollar, kletterte er am Freitag auf über 94 Dollar.
Norwegische Equinor als potenzieller „Tankstellen-Hedge“
Das ist schlecht für Autofahrer – aber gut für die Aktionäre der norwegischen Equinor. Der Konzern aus Stavanger, zu 67% im Besitz des norwegischen Staates, fördert Öl und Gas vor allem auf dem norwegischen Kontinentalschelf und verantwortet dort zwei Drittel der gesamten Produktion. Über das weltweit größte Offshore-Pipelinesystem fließen die Mengen direkt nach Europa.
Equinor ist inzwischen der wichtigste Gaslieferant des Kontinents und versorgt über 170 Millionen Menschen mit Energie. Da die Ölnachfrage wenig elastisch reagiert (sie können keinen Holzscheit in den Tank stecken), laufen die Geschäfte der Norweger auch bei steigenden Preisen rund.
Im zweiten Quartal erzielte Equinor ein bereinigtes operatives Ergebnis von 11,5 Mrd. USD (+76%) und einen Nettogewinn von 4,8 Mrd. USD (+267%) – und das noch zu niedrigeren Durchschnittspreisen als aktuell.
Equinor ASA Aktie Chart
Europas Gas-Füllstände als zusätzlicher Geschäftstreiber
Neben dem offensichtlichen Geschäftsschub durch den höheren Ölpreis gibt es weitere Chancen, die der Markt womöglich noch nicht voll eingepreist hat. Eine davon ist die europäische Gasversorgung: Die deutschen Gasspeicher sind Mitte August nur zu 50% gefüllt, nach 67% im Vorjahr.
Europaweit liegt der Füllstand bei gut 61%. Die Fachverbände warnen bereits, dass die Einspeisevorgabe zum 1. November kaum mehr erreichbar ist. Nicht wenige Versorger und Händler hatten im Frühjahr mit dem Einspeichern abgewartet, weil sie auf fallende Preise nach einem schnellen Kriegsende spekulierten.
Diese Wette ist nicht aufgegangen – jetzt müssen sie zu deutlich höheren Preisen nachkaufen. Der Gaspreis ist zuletzt auf 64,60 Euro je Megawattstunde geklettert, den höchsten Stand seit Mitte März und rund 40% über Vorkriegsniveau.
Zum Jahreswechsel kommt zusätzlicher Druck hinzu: Ab dem 1. Januar 2027 gilt ein EU-weites Importverbot für russisches LNG, womit eine der bisher größten Flüssiggasquellen Europas wegfällt. Equinor kann diese Lücke über seine Pipeline-Anbindung europaweit füllen.
Zweites Standbein: CO2-Speicherung statt nur Förderung
Equinor ist dabei mehr als eine reine Wette auf hohe Öl- und Gaspreise. Die Norweger bauen konsequent ein zweites Standbein unter dem Meeresboden auf – diesmal nicht für die Förderung, sondern für die Speicherung.
Gemeinsam mit zwei europäischen Branchenkollegen betreibt Equinor mit „Northern Lights“ die weltweit erste grenzüberschreitende CO2-Transport- und Speicheranlage: Industrieemissionen aus ganz Europa werden verflüssigt, per Schiff nach Norwegen gebracht und in einem Reservoir 2.600 Meter unter dem Meeresboden dauerhaft eingelagert.
Die erste Ausbaustufe mit 1,5 Mio. Tonnen Jahreskapazität ist bereits ausgebucht, die zweite Phase soll die Kapazität bis 2028 auf mindestens 5 Mio. Tonnen erhöhen. Auf dem Sleipner-Feld speichert Equinor schon seit über 25 Jahren CO2 unter der Nordsee.
Dazu kommen Offshore-Windparks, unter anderem in der deutschen Ostsee, und erste Wasserstoffprojekte. Während viele Ölkonzerne ihre Klimaziele kassiert haben, verdient Equinor an beiden Enden der Energiewende: heute am knappen Gas, morgen an der Dekarbonisierung der europäischen Industrie.
Equinor ASA Aktie Chart
Günstige Bewertung trotz Rally
Und der Preis für all das? Erstaunlich niedrig. Trotz eines Kursplus von rund 57% seit Jahresbeginn wird die Equinor-Aktie auf Basis der Gewinnschätzungen für 2026 mit einem KGV von unter 10 bewertet. Die Dividendenrendite liegt inklusive der Sonderausschüttungen bei über 5%, gezahlt wird quartalsweise, und parallel läuft ein Aktienrückkaufprogramm, dessen dritte Tranche allein bis zu 1,1 Mrd. USD umfasst.
Sollte sich der Iran-Konflikt weiter verhärten und der Winter kalt werden, dürfte das ohnehin schon gute Setup einen weiteren Boost bekommen, was gemäß bisheriger Unternehmenspolitik weitere Rückkäufe und höhere Dividenden zur Folge haben dürfte. Das Risiko liegt spiegelbildlich in einer überraschenden Friedenslösung, die Öl- und Gaspreise schlagartig drücken würde.
Experten gehen zwar davon aus, dass der Iran den Wirtschaftskrieg deutlich länger aushalten könnte als Trump glaubt, doch eine friedliche Einigung ist für beide Seiten die bessere Option. Es könnte sich lohnen, Equinor auf der Watchlist zu haben und bei einer Verschlechterung der Lage im Nahen Osten einzusteigen. Dann wird die Fahrt zur Tankstelle auch nicht mehr ganz so schmerzhaft.
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