Equinor meldet Rekordquartal: Hoher Ölpreis treibt das Geschäft an
Der Krieg am Persischen Golf verteuert das Benzin an der Zapfsäule – und beschert den Ölkonzernen außerhalb der Krisenregion Rekordergebnisse. Equinor, der norwegische Öl- und Gaskonzern mit Förder-Schwerpunkt in der Nordsee, hat vergangene Woche seine Zahlen für das dritte Quartal vorgelegt, die genau das zeigten.
Die Aktie, dessen Kurs sich seit Jahresbeginn ohnehin verdoppelt hat, kletterte auf ein Mehrjahreshoch. Dies führt zwangsläufig zu der Frage, ob man als Investor den Gewinn mitnehmen sollte, oder ob die Aktie noch Luft hat.
Wenn Sie Equinor bislang nicht auf dem Zettel hatten: Der Konzern ist mehrheitlich im Besitz des norwegischen Staates und fördert Öl und Gas vor allem auf dem norwegischen Festlandsockel, dazu in Brasilien und vor Kanada. Equinor ist zudem der größte Gaslieferant Europas, seit russisches Pipelinegas weitgehend weggefallen ist. Hinzu kommen ein Raffineriegeschäft und ein Zukunftsgeschäft rund um die CO2-Speicherung unter dem Meeresboden. Equinor ist also ein breit aufgestellter norwegischer Energie-Konzern.
Umsatzplus fast ausschließlich wegen des Ölpreises
Der Umsatz stieg im dritten Quartal auf 33,2 Mrd. Dollar, nach rund 26 Mrd. Dollar im Vorjahresquartal – ein Plus von etwa 28%. Das Wachstum kommt fast vollständig über den Preisanstieg: Equinor erlöste im Quartal durchschnittlich 92,30 Dollar je Barrel Öl, vor einem Jahr waren es 64,90 Dollar.
Noch deutlicher fällt der Sprung beim Gas aus: 20,00 Dollar je Million British Thermal Units (die gängige Maßeinheit im Gashandel) nach 11,40 Dollar im Vorjahr. Equinor profitiert also von beiden Preisanstiegen, vom Öl und vom Gas – ein Punkt, der in der Diskussion um den Ölpreis ein wenig untergeht.
Beim operativen Ergebnis schlägt der Preiseffekt voll durch, denn die Kosten blieben stabil. Es erreichte 12,35 Mrd. Dollar nach 6,21 Mrd. Dollar im Vorjahr – eine Verdoppelung innerhalb eines Jahres. Unter dem Strich stehen 2,54 Mrd. Dollar Nettogewinn, nachdem Equinor vor einem Jahr wegen Abschreibungen noch einen kleinen Verlust ausgewiesen hatte. Das Ergebnis je Aktie sprang von 0,37 auf 1,20 Dollar.
Der große Abstand zwischen operativem Ergebnis und Nettogewinn erklärt sich mit der norwegischen Ölsteuer von 78%: Allein im dritten Quartal überwies Equinor 6,2 Mrd. Dollar an den Fiskus.
Trotzdem bleibt genug in der Kasse. Der operative Cashflow nach Steuern lag im Quartal bei 8,1 Mrd. Dollar, seit Jahresbeginn flossen 21,8 Mrd. Dollar herein. Die Nettoverschuldung im Verhältnis zum eingesetzten Kapital sank dadurch von 10,4% auf nur noch 3,8%, der Konzern ist praktisch schuldenfrei.
Erwartungen dennoch leicht verfehlt
Trotz der sehr starken Ergebnisse lagen Umsatz und Gewinn leicht unter den Erwartungen des Marktes. Das hat zwei Gründe. Im internationalen Geschäft wurden im Quartal weniger Ladungen verschifft, als Equinor anteilig produziert hat. Der Konzern will das in den Folgequartalen nachholen. Wenn überhaupt, dann handelt es sich also nur um ein kurzfristiges Timing-„Problem“.
Der zweite Grund sind negative Währungseffekte, die das Finanzergebnis belasteten; dafür kann man dem Management jedoch kaum etwas vorwerfen. Die Aktionäre sahen das offenbar genauso, die Equinor-Aktie legte nach den Zahlen zu.
Nach der Kursverdoppelung seit Jahresbeginn sind einige Analysten vorsichtiger geworden, doch das durchschnittliche Kursziel klettert weiter. Seit gestern läuft zudem die vierte und letzte Tranche des Aktienrückkaufs über bis zu 1,125 Mrd. Dollar. Insgesamt kauft Equinor in diesem Jahr für 3 Mrd. Dollar eigene Aktien zurück, doppelt so viel wie ursprünglich geplant – ein Hinweis, dass das Management den aktuellen Börsenkurs für keine Übertreibung hält.
Prognose angehoben, Dividende soll jährlich steigen
Weil es operativ so gut läuft und der Ölpreis hoch ist, hob das Management die Prognose für das Produktionswachstum 2026 von 3% auf rund 4% an. Hervorzuheben ist auch das Raffineriegeschäft, denn dort sind die Gewinnspannen so groß wie selten.
Autofahrer merken das an den Dieselpreisen, Equinor merkt es in der Kasse.Die Aktionäre erhalten in Kürze die Quartalsdividende von 0,39 Dollar je Aktie. Die Jahresdividende liegt aktuell bei 1,58 Dollar, das entspricht beim aktuellen Kurs einer Rendite von gut 3%. Künftig soll sie um mehr als 5% jährlich steigen.
Lage am Golf bestimmt den Ölpreis….
Die Nordsee-Sorte Brent kostet weiterhin über 100 Dollar je Fass und fast doppelt so viel wie zu Jahresbeginn. Die US-Regierung hat Medienberichten zufolge mehrere Golfstaaten aufgefordert, sich auf einen neuen Militäreinsatz gegen den Iran nach den gestrigen US-Zwischenwahlen vorzubereiten.
Trump soll zu einem umfangreichen Angriff neigen, die endgültige Entscheidung steht aus. Das Weiße Haus hat zwar klargestellt, dass vor den Wahlen nichts passiert, doch danach ist alles offen. Für den Ölmarkt bedeutet das: Die Risikoprämien auf die Zukunftskontrakte bleiben hoch, die Versicherungen für die Reedereien teuer.
Kommt es wirklich zu einer Eskalation, bei der der Iran die Ölinfrastruktur der Anrainerstaaten angreift, wird der Ölpreis längere Zeit hoch bleiben. Selbst wenn die Kämpfe später enden, dürfte der Wiederaufbau zerstörter Förder- und Raffineriekapazitäten im Nahen Osten Jahre dauern. Equinor dagegen fördert in politisch ruhigen Regionen.
…und damit auch den Equinor-Aktienkurs
Im Falle eines US-Militärschlags, steigt der Ölpreis und mit ihm aller Voraussicht nach die Equinor-Aktie. Kommt er nicht, bleibt ein schuldenfreier Konzern mit gut 3% Dividendenrendite plus Rückkäufen, mit einem Gasgeschäft, das Europa auf Jahre braucht, mit einem gut laufenden Ölgeschäft und einem spannenden Zukunftsgeschäft in der CO2-Speicherung.
Eine Entspannung im Nahen Osten dürfte die Aktie allerdings belasten, kurzfristige Rücksetzer bei Entspannungssignalen sind nach der Kursverdoppelung einzukalkulieren. Das Rekordquartal und die steigenden Analystenschätzungen zeigen jedoch, dass der Kursanstieg fundamental gut begründet ist. Unter dem Strich ist Equinor nahe Mehrjahreshoch damit eine gepufferte Wette auf anhaltend hohe Ölpreise.
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