DAX erholt sich, IFO-Index überrascht positiv
Der deutsche Leitindex hat zum Wochenstart Boden gutgemacht und legte zu. Rückenwind kam vom IFO-Geschäftsklimaindex, der im Oktober zum sechsten Mal in Folge gestiegen ist und nun das höchste Niveau seit dem Frühjahr 2023 erreicht hat. Bemerkenswert ist der Zeitpunkt, denn gerade der für die Industrie wichtige Gaspreis ist zuletzt deutlich gestiegen. Offenbar rechnen die Unternehmen damit, dass sich die Energiepreise mittelfristig wieder entspannen – ihre Erwartungen für die kommenden sechs Monate haben sich entsprechend verbessert. Die Commerzbank rechnet angesichts von Reformen und der US-Zölle mit einer weiteren Erholung in gemäßigtem Tempo.
Unter den Einzelwerten führte Bayer das Feld an. Händler verwiesen auf neue Daten aus einer Phase-3-Studie zum Prostatakrebsmittel Nubeka, das das Risiko von Metastasen und die Sterblichkeit deutlich verringern soll. Im MDAX konnten die Aktionäre von FlatexDEGIRO aufatmen: Nach einer wochenlangen Talfahrt bis auf den tiefsten Stand seit Langem ging es wieder deutlich nach oben. Die Analysten von Barclays halten die Wachstumsrisiken auf dem aktuellen Kursniveau für mehr als eingepreist und sehen den Online-Broker als einen der Favoriten unter den europäischen Anbietern.
Charttechnisch blieb der DAX trotz eines zeitweisen Anstiegs unter seiner 100-Tage-Linie. Die 50-Tage-Linie bei rund 25.590 Zählern zeigt nach unten, was die Erholung erschwert. Als Unterstützung gilt weiterhin die 200-Tage-Linie bei knapp 24.900 Punkten, wo im Oktober bereits zweimal Käufer zugriffen. In den Dienstag ist der Index mit leichten Abschlägen gestartet – die Zurückhaltung erklärt sich aus dem Kalender: Am Mittwoch entscheidet die US-Notenbank über die Zinsen, am Donnerstag folgt die EZB. An den Terminmärkten gilt eine Zinspause der Fed derzeit als wahrscheinlicher, für Dezember rechnen viele Marktteilnehmer jedoch weiterhin mit einem weiteren Schritt nach oben.
Wall Street: Technologiewerte im Aufwind, Tesla sticht heraus
An der Wall Street gab der Börsennotierungsantrag von Anthropic den Technologiewerten Auftrieb. Der Nasdaq 100 stieg deutlich, der S&P 500 legte ebenfalls zu, der Dow Jones legte ebenfalls leicht zu. Besonders gefragt waren Chipwerte: Nvidia gewann 2,4 Prozent, auch Intel, Broadcom und Micron legten deutlich zu. Die Erholung kam nicht von ungefähr: Vor drei Wochen hatte der Nasdaq 100 noch bei einem Rekord von über 31.000 Punkten notiert, inzwischen liegt er spürbar darunter. Der KI-getriebene Handel ist zuletzt holpriger geworden, was auch mit der Zinsentwicklung zusammenhängt. Nach Berechnungen der Societe Generale reagieren US-Aktien derzeit so empfindlich auf steigende Anleiherenditen wie seit rund 30 Jahren nicht mehr. Zuletzt sind die Renditen wieder deutlich zurückgekommen, bei den zehnjährigen US-Staatsanleihen unter die Marke von 5 Prozent – ein möglicher Entspannungsfaktor. Im weiteren Wochenverlauf stehen mit Microsoft, Alphabet und Amazon gleich drei Quartalsberichte an, die auch im Zusammenhang mit Anthropic eine Rolle spielen.
Unter den großen Technologiewerten stach Tesla mit einem deutlichen Plus heraus, getrieben von der Fantasie um einen möglichen Zusammenschluss mit SpaceX sowie einer Hochstufung auf „Übergewichten“ durch Barclays. Am Markt wird erwartet, dass eine entsprechende Position unter dem Dach von SpaceX stattfinden könnte, wofür ein deutlicher Aufschlag zum aktuellen Kurs notwendig wäre – dieser wird zunehmend eingepreist. Offen bleiben Bewertung und künftiger Einfluss der Tesla-Aktionäre. Wie stark das Thema SpaceX inzwischen ganze Branchen beschäftigt, zeigte sich an Verizon: Die Aktie verlor trotz angehobener Jahresziele deutlich, weil die Telekom-Branche Konkurrenz aus dem All fürchtet – auch wenn Analysten hier von einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren sprechen.
Anthropic: Der möglicherweise größte Börsengang aller Zeiten
Seit Montagabend liegt der Börsenprospekt von Anthropic vor, dem Unternehmen hinter dem KI-Assistenten Claude. Auf zahlreichen Seiten finden sich Zahlen, wie man sie bei einem Börsenkandidaten bislang nicht gesehen hat. Das Unternehmen hat seine endgültigen Unterlagen bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht, die erste Notiz an der Nasdaq ist für November geplant. Angeführt wird die Emission von Goldman Sachs und Morgan Stanley. Wie viele Aktien zu welchem Preis angeboten werden, will Anthropic erst kurz vor dem Start bekanntgeben.
An der Wall Street wird damit gerechnet, dass Anthropic mehr Geld einsammeln könnte als SpaceX im Juni. Bei der letzten privaten Finanzierungsrunde wurde Anthropic mit 965 Milliarden Dollar bewertet – gut ein Jahr zuvor waren es 183 Milliarden Dollar, nahezu eine Versiebenfachung. Für den Börsengang werden Bewertungen zwischen 1,5 und 2 Billionen Dollar gehandelt. Damit wäre Anthropic an der Börse mehr wert als Berkshire Hathaway – und das nur fünf Jahre nach der Gründung durch sieben ehemalige OpenAI-Mitarbeiter im Jahr 2021.
Das Wachstum ist beeindruckend: Im ersten Halbjahr lag der Umsatz bei 16,3 Milliarden Dollar, im Vorjahreszeitraum waren es nur 1,2 Milliarden Dollar. Getragen wird das Geschäft vor allem von Claude, das unter anderem beim Programmieren und bei der Fehlersuche hilft. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hat errechnet, dass der Umsatz des ersten Halbjahres fast 400-mal so hoch ist wie der des gesamten Jahres 2023. Allerdings flacht die Wachstumskurve ab: Zwischen dem zweiten und dritten Quartal hat sich das Tempo von rund 140 Prozent auf etwa 45 Prozent verlangsamt – ein Detail, das Anleger bei einer Bewertung im Billionenbereich genau beobachten dürften.
Die Kehrseite sind hohe Verluste: Im ersten Halbjahr standen 80,7 Milliarden Dollar in den Büchern, ein Jahr zuvor war der Verlust deutlich geringer. Für das vergangene Jahr wird mit Blick auf ein Minus von rund 42 Milliarden Dollar vor allem auf Wandelanleihen verwiesen, deren Wert in der Bilanz mit der steigenden Unternehmensbewertung nach oben geschrieben werden musste – ein Buchungseffekt ohne tatsächlichen Geldabfluss. Teuer ist vor allem die Rechenleistung: Im ersten Halbjahr gab Anthropic 8,9 Milliarden Dollar für Rechenkapazität und Infrastruktur aus, fast das Vierfache des Vorjahreswerts. Seit Ende 2025 hat das Unternehmen Verträge mit hohen Mindestverpflichtungen geschlossen, mit Laufzeiten von einem bis zu 20 Jahren – zum Vergleich: SpaceX kam Ende September auf weniger als 40 Milliarden Dollar solcher Verpflichtungen. Firmenchef Dario Amodei hatte bereits Anfang des Jahres darauf hingewiesen, wie schmal der Grat ist: Wer sich beim Wachstum verschätzt, dem drohe bei solchen Investitionssummen möglicherweise das Aus.
Hauptprofiteur der Ausgaben ist Broadcom mit über 161 Milliarden Dollar an zugesagten Aufträgen, gefolgt von SpaceX, Google und Amazon. Auch Microsoft, N-Scale und Lambda sind involviert. Im Mittelpunkt der Verflechtungen stehen Alphabet und Amazon, die zugleich Abnehmer und Anteilseigner sind. Alphabet hat zugesagte Ausgaben von 114 Milliarden Dollar, Amazon von 110 Milliarden Dollar. Alphabet hat direkt investiert, ein weiterer Betrag hängt an Umsatzzielen; den Wert der Beteiligung bezifferte der Konzern Ende Juni auf 124,3 Milliarden Dollar, der Anteil ist gedeckelt. Amazon hat 5 Milliarden Dollar direkt investiert, weitere 15 Milliarden Dollar sind an den Ausbau der Rechenkapazität gebunden, die Obergrenze der Beteiligung liegt bei 12 Prozent.
Für die Machtverhältnisse ist eine Besonderheit relevant: Die sieben Gründer halten jeweils gut 240 Millionen Aktien, gemessen an den 300 Milliarden genehmigten Aktien der Klasse A ist das zusammen nur ein kleiner Teil. Über eine neue Aktiengattung, die Klasse F, sichern sie sich jedoch 50,1 Prozent der Stimmrechte, gebündelt in einer Gesellschaft, in der die Sieben per Mehrheit entscheiden. Derartige Konstrukte sind im Silicon Valley verbreitet, etwa bei Meta oder SpaceX. Hinzu kommt die Rechtsform: Anthropic ist als „Public Benefit Corporation“ organisiert, die Gewinnstreben und gesellschaftlichen Nutzen gegeneinander abwägen muss – das bringt steuerliche Vorteile, könnte aber laut Beobachtern aus der Wissenschaft auch zu einem Abschlag beim Ausgabepreis führen. Einen erheblichen Teil des Prospekts – 94 Seiten – widmet Anthropic den Risiken, bis hin zur Warnung vor möglicherweise katastrophalen Folgen leistungsfähiger KI-Systeme für die Menschheit.
Die fünf größten Kunden standen in den ersten neun Monaten für rund ein Viertel des Umsatzes, fast die Hälfte der Erlöse im ersten Halbjahr lief über Cloud-Plattformen großer Technologiekonzerne, die zugleich eigene KI-Modelle entwickeln. Der Wettbewerb reicht von OpenAI über Google und Meta bis zu günstigen offenen Modellen aus China, etwa Moonshot mit dem Modell Kimi K3. Eine Bewertung von 1,5 Billionen Dollar entspräche etwa dem 45-fachen des auf das Jahr hochgerechneten Umsatzes. Die erste Quartalsbilanz als börsennotiertes Unternehmen dürfte mehr Aufschluss geben als der Prospekt selbst – zumal beim Börsengang von SpaceX zunächst eine exzessive Rallye und anschließend ein Fall unter den Erstausgabepreis zu beobachten war.
Brasilien: Ausverkauf nach Wahlüberraschung
Luiz Inácio Lula da Silva hat am Sonntag die Stichwahl in Brasilien gewonnen – mit 51,7 Prozent der Stimmen und einem Vorsprung von 4,4 Millionen Stimmen. Er ist der einzige Politiker, der in Brasilien vier Präsidentschaftswahlen gewonnen hat, und ist inzwischen 81 Jahre alt. Da seit der Rückkehr Brasiliens zur Demokratie noch kein Kandidat die Stichwahl gewonnen hatte, der nach der ersten Runde zurücklag, kam der Sieg überraschend. Die Märkte hatten sich auf Jair Bolsonaro festgelegt, die Quittung kam prompt: Der Bovespa lag kurz nach Handelsbeginn 10 Prozent im Minus, der Handel wurde für 30 Minuten ausgesetzt – erstmals seit sechs Jahren. Am Ende stand ein Tagesverlust von fast 14 Prozent. Der brasilianische Real verlor gegenüber dem Dollar so stark wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr, der größte Brasilien-ETF brach in New York zeitweise um 26 Prozent ein – der stärkste Einbruch seit Auflage im Jahr 2000. Besonders betroffen waren Banken: Bradesco verlor 21 Prozent, Unibanco fast 14 Prozent.
Das Haushaltsdefizit Brasiliens liegt bei 10 Prozent der Wirtschaftsleistung, die Staatsschulden bei mehr als 80 Prozent. Lula hatte sich bis zum Ende seiner Amtszeit ein Plus vor Zinszahlungen von 1 Prozent der Wirtschaftsleistung vorgenommen, was Investoren als zu wenig ansehen – zumal kurz vor der Wahl die Sozialleistungen um 15 Prozent erhöht worden waren.
Dennoch gibt es Argumente, die für Chancen sprechen. Ende September, als Umfragen Lula bereits vorne sahen, stand der Bovespa bei rund 186.340 Punkten – inzwischen liegt er rund 5 Prozent darunter. Der gesamte Aufschlag, den die Börse für einen Wahlsieg Bolsonaros eingepreist hatte, ist damit verschwunden. Charttechnisch ist der Index unter alle wichtigen Durchschnittslinien gefallen, es gab aber bereits Käufer. Historisch war Lula für die Börse kein Unglück: In seinen ersten beiden Amtszeiten von 2003 bis 2010 stieg der Bovespa um rund 515 Prozent, seit Beginn seiner dritten Amtszeit bis Ende September waren es knapp 70 Prozent. Zudem hat sich die Machtverteilung verschoben: Bolsonaros Partei hat bei den Kongresswahlen zugelegt, der Senat rückt nach rechts, sodass Lula mit Parteien der Mitte und des rechten Lagers zusammenarbeiten muss. Der Chef seiner Arbeiterpartei kündigte an, dass Lula sich mit Wirtschaftsvertretern treffen und finanzpolitisch verantwortungsvoll handeln wolle. Als mögliche Finanzminister werden Geraldo Alckmin und Raphael von Thales gehandelt, beide mit gutem Ruf.
Auch die Währungsentwicklung spielt eine Rolle: Ein starker Real belastet normalerweise die Marge von Bergbaukonzernen wie Vale, die in Dollar verkaufen und Löhne in Real zahlen – nun dreht sich dieser Effekt um. Vale gehörte zu den Gewinnern des Tages und stieg um 4 Prozent, ähnliches gilt für Bradespar. Bei Petrobras ist die Lage komplizierter: Die Vorzugsaktie verlor 8 Prozent, die Konzernführung sprach von einer Bewegung ohne fundamentalen Hintergrund. Allerdings steigt das Risiko, dass der Staat als Hauptaktionär stärker in die Geschäftspolitik eingreift.
Für die Risikoabwägung gilt: Bleibt Lula bei kleinen Schritten in der Haushaltspolitik, dürften die Zinsen in Brasilien länger hoch bleiben. Die privaten Haushalte sind zudem so verschuldet wie nie, was den Konsum bremsen dürfte.
Ausblick Humanoide Roboter
Goldman Sachs hat seine Prognose für humanoide Roboter deutlich angehoben und rechnet mit 6,5 Millionen Einheiten bis 2035 sowie einem Marktpotenzial von 138 Milliarden Dollar. Morgan Stanley geht sogar von einem Marktpotenzial von 5 Billionen Dollar bis 2050 aus. Tesla hat unterdessen die Serienfertigung seines Roboters Optimus gestartet – ein Hinweis darauf, dass das Thema über reine Zukunftsvisionen hinaus bereits in konkrete Produktionsschritte mündet.
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