Ein Satz zur Marge des hauseigenen KI-Suchtools reichte aus, um die Doximity-Aktie am Freitag explodieren zu lassen. Vorbörslich verdoppelte sich der Kurs zeitweise mehr als, obwohl die Quartalszahlen der Ärzte-Plattform beim Gewinn eigentlich enttäuscht hatten. Ausgelöst hat die Rally ein einziger Kommentar von Firmenchef Jeffrey Tangney zur Telefonkonferenz am Donnerstagabend.
Die Zahlen selbst waren gemischt
Doximity meldete für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 einen Umsatz von 156,6 Millionen Dollar – ein Plus von 7 Prozent zum Vorjahr und über der Konsensschätzung von 151,8 Millionen Dollar. Das bereinigte EBITDA lag mit 74,8 Millionen Dollar ebenfalls über den Erwartungen der Wall Street. Beim bereinigten Gewinn je Aktie verfehlte das Unternehmen mit 0,29 Dollar jedoch knapp die erwartete Marke von 0,30 Dollar.
Für das laufende Quartal stellte Doximity einen Umsatz zwischen 170 und 171 Millionen Dollar in Aussicht, was ebenfalls leicht unter den Analystenschätzungen liegt. Die Jahresprognose hob das Unternehmen dagegen um 6 Millionen Dollar beziehungsweise 5 Prozent an, auf eine Spanne von 671 bis 681 Millionen Dollar. Bis zum Beginn der Telefonkonferenz bewegte sich an der Aktie kaum etwas.
Der Satz, der alles änderte
Dann sprach Tangney über die Wirtschaftlichkeit des KI-Suchprodukts. Der Dienst bringe mehr als das Zehnfache dessen ein, was sein Betrieb koste, sagte der CEO – und fügte hinzu, dass die Kosten mit effizienteren Modellen tendenziell weiter sinken dürften. Zusätzlich verwies er auf ein deutlich größeres adressierbares Marktvolumen in Gesundheitswesen und Pharma, das sich durch die KI-Suche eröffne.
Rückenwind lieferte eine Stanford-Harvard-Studie, in der das firmeneigene Modell Doximity Ask besser abschnitt als US-Konkurrenzprodukte, darunter ein Modell von Anthropic. Bei der Diktierfunktion Scribe stieg die Zahl der aktiven Nutzer im Juli im Jahresvergleich auf das Zehnfache.
Die Aktie schoss vorbörslich zeitweise um mehr als 200 Prozent nach oben und markierte im regulären NYSE-Handel einen Kurs von 33,25 US-Dollar, ein Plus von rund 61 Prozent. Zum Handelsende pendelte sich das Tagesplus bei etwa 35 Prozent ein. Vor dem Kurssprung hatte das Unternehmen einen Marktwert von 3,7 Milliarden Dollar und lag seit Jahresbeginn rund 50 Prozent im Minus – die Bewegung fällt also in eine ausgeprägte Verlustserie.
Short-Seller unter Druck
Ein zusätzlicher Verstärker: Etwa 17 Prozent der handelbaren Aktien waren vor den Quartalszahlen leerverkauft. Mussten Short-Seller ihre Positionen angesichts der Kursexplosion eindecken, dürfte das den Anstieg zusätzlich befeuert haben.
Nicht alle Analysten sind bereits überzeugt, dass die neue KI-Fantasie fundamental gerechtfertigt ist. Piper Sandler-Analystin Jessica Tassan schrieb in einer Kundennotiz, die angehobene Jahresprognose spiegele im Wesentlichen den Ausrutscher des ersten Quartals wider und enthalte kaum Beitrag aus der wachsenden KI-Pipeline – das Management gehe beim Umsatz aus der KI-Suche einen bewusst konservativen Weg. Michael Cherney von Leerink Partners sieht dagegen in den KI-Investitionen die Grundlage für attraktive langfristige Margen.
Ob sich die Kursreaktion hält, dürfte sich zeigen, sobald mehr Marktteilnehmer die eigentlich verfehlten Erwartungen bei Gewinn und Ausblick gegen die neue KI-Erzählung abwägen. Entscheidend wird sein, ob Doximity die im Juli beobachtete Beschleunigung bei Scribe und der KI-Suche in den kommenden Quartalen tatsächlich in Umsatz und Marge übersetzt.
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