DAX vor neuem Rekord, Nvidia liefert Zahlen – doch Marvell könnte der eigentliche Gradmesser für die KI-Branche sein

DAX nähert sich Rekordhoch, während Nvidia und Marvell mit Quartalszahlen die Richtung der KI-Rally bestimmen könnten.

Auf einen Blick:
  • DAX erreicht fast Rekordhoch
  • Nvidia legt Quartalszahlen vor
  • Marvell als wichtiger KI-Indikator
  • Chip-Sektor treibt US-Märkte an

Der deutsche Aktienmarkt nähert sich seinem bisherigen Rekordhoch, während an der Wall Street der Blick fast ausschließlich auf einen einzigen Termin gerichtet ist: die Quartalszahlen von Nvidia, die am Abend des 26. August 2026 nach US-Börsenschluss veröffentlicht werden. Parallel dazu rückt ein zweites Unternehmen in den Fokus, das nach Einschätzung mancher Marktbeobachter für die KI-Erzählung inzwischen mindestens ebenso bedeutsam sein könnte: der Halbleiterkonzern Marvell Technology, der am morgigen Donnerstag seine Bücher öffnet.

DAX in Griffweite zum Rekord

Der DAX hat den Handel zuletzt mit einem Plus von 0,61 Prozent bei 26.266 Punkten beendet und damit sein bisheriges Rekordhoch wieder in Reichweite gebracht. Unterstützung kam aus der Konjunktur: Der IFO-Geschäftsklimaindex ist im August besser ausgefallen als von Ökonomen erwartet, und die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal etwas stärker gewachsen als in einer ersten Schätzung angenommen. Damit verzeichnet Europas größte Volkswirtschaft nun das dritte Wachstumsquartal in Folge. Ein Volkswirt der Commerzbank führte dies auf eine deutlich stärkere Auslandsnachfrage zurück und erwartet, dass der Rückenwind durch höhere Staatsausgaben in den kommenden Quartalen noch zunehmen dürfte – ein Effekt, der auch mit den diskutierten Investitionsprogrammen in Infrastruktur und Verteidigung zusammenhängt.

Auch die mittelgroßen Werte präsentierten sich robust: Der MDAX legte um 0,74 Prozent zu und übertraf damit den DAX leicht. Spitzenreiter war der Motorenhersteller Deutz mit einem Kursplus von 11 Prozent, ausgelöst durch deutlich angehobene Kursziele gleich zweier Analysehäuser. Deutz hat sich zuletzt verstärkt auch im Rüstungsgeschäft engagiert. Der SDAX verbesserte sich um 0,57 Prozent. Unter den Einzelwerten stach Siemens Energy mit einem Kursgewinn von rund 2,7 Prozent hervor, nachdem die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet hatte, der Konzern habe eine große Investmentbank mit der Vorbereitung des Verkaufs einer Mehrheitsbeteiligung am Dampfturbinen-Geschäft beauftragt. Im Raum stehen Wertindikationen von über 10 Milliarden Euro.

US-Märkte mit Rückenwind vom Chip-Sektor

An der Wall Street ging es ebenfalls aufwärts: Der S&P 500 gewann 0,32 Prozent, der Dow Jones legte um 0,3 Prozent zu, und der Nasdaq 100 verbesserte sich um 0,64 Prozent. Getragen wurde die Erholung ausgerechnet vom Chip-Sektor, der zu Wochenbeginn noch deutlich schwächelte. Zusätzlichen Rückenwind lieferten fallende Ölpreise, nachdem eine mit Spannung erwartete Rede des US-Finanzministers keine konkreten neuen Sanktionen gegen den Iran hervorgebracht hatte – der Markt wertete dies als Entwarnung. Im Fokus steht zudem der bevorstehende PCE-Deflator, der wichtigste Preisindikator für die Zinspolitik der US-Notenbank, sowie das morgen beginnende Notenbankertreffen in Jackson Hole, bei dem Äußerungen des neuen Fed-Chefs Kevin Walsh mit Spannung erwartet werden.

Nvidia: Rekord als Pflichtübung

Die Nvidia-Aktie legte zuletzt um 2,2 Prozent zu und beendete damit eine Verlustserie von sieben Handelstagen in Folge, in denen das Papier rund 6 Prozent verloren hatte – nach Einschätzung von Marktbeobachtern die längste Durststrecke seit einem Jahr. Bemerkenswert ist dies für ein Unternehmen mit einem Börsenwert von über 5 Billionen Dollar. Auffällig ist zudem, dass der Nvidia-Kurs nach den vergangenen vier Quartalsberichten jeweils nachgegeben hat – die jüngste Schwäche lässt sich also auch als Vorwegnahme dieses Musters lesen.

Für das abgelaufene Quartal hat Nvidia selbst einen Umsatz von rund 91 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt, mit einer möglichen Abweichung von plus/minus 2 Prozent, bei einer Bruttomarge von etwa 75 Prozent. Der Analystenkonsens liegt bei 92 Milliarden Dollar, während einzelne Häuser in sogenannten Flüsterschätzungen sogar 94 bis 95 Milliarden Dollar veranschlagen. Da die Markterwartungen bereits über der eigenen Prognose des Unternehmens liegen, dürfte ein bloßes Übertreffen kaum noch ausreichen. Entscheidender als das abgelaufene Quartal gilt ohnehin der Ausblick auf das laufende dritte Quartal: Hier liegt der Konsens bei rund 104 Milliarden Dollar Umsatz. Aus dem Analystenlager ist zu hören, dass erst eine Prognose deutlich über 105 Milliarden Dollar die Aktie beflügeln könnte, während ein Ausblick auf Konsensniveau lediglich als angemessen gewertet würde. Die Gefahr besteht darin, dass Nvidia beim Ausblick zu vorsichtig kalkuliert und dafür vom Markt abgestraft wird.

Marvell: Der heimliche zweite Taktgeber

Eine These aus dem Umfeld des US-Wirtschaftsmagazins Barron’s stellt die gewohnte Hackordnung der KI-Branche infrage: Möglicherweise ist es in diesem Zyklus nicht mehr Nvidia, sondern Marvell Technology, dessen Zahlen den entscheidenden Impuls für den KI-Handel liefern könnten. Nvidias eigener Firmenchef hatte bereits Anfang des Jahres angedeutet, Marvell könne das nächste Chip-Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Billion Dollar werden – bei einem aktuellen Börsenwert von rund 200 Milliarden Dollar ein weiter Weg, der aber zeigt, welches Potenzial dem Unternehmen zugetraut wird.

Während Nvidia die eigentlichen Rechenchips für künstliche Intelligenz liefert, stellt Marvell die Infrastruktur bereit, die diese Chips zu großen Rechenzentren verbindet: optische Verbindungen und Netzwerktechnik. Hinzu kommt ein zweites Standbein im Geschäft mit kundenspezifischen Halbleitern. Vor rund einer Woche wurde eine kommerzielle Vereinbarung mit Google bekannt, im Zuge derer Marvell dem Technologiekonzern ein Optionsrecht auf Aktien eingeräumt hat – der Wert dieses Optionsrechts liegt im zweistelligen Milliardenbereich. Google entwickelt eigene KI-Chips, während Marvell die umliegende Siliziumschicht liefert, etwa für Speicher, Netzwerkanbindung und Kommunikation. Entscheidend dabei: Dieses Geschäft wächst mit jedem verbauten KI-Chip, unabhängig davon, welcher Anbieter den zentralen Rechenchip entworfen hat. Damit verfügt Marvell über zwei Standbeine im Wachstumsmarkt der Rechenzentren – Netzwerktechnik und kundenspezifische Chips –, die unabhängig davon profitieren, ob sich am Ende Grafikprozessoren von Nvidia oder maßgeschneiderte Chips von Google, Amazon oder anderen Anbietern durchsetzen.

Für das anstehende Quartal liegt der Analystenkonsens bei einem Umsatz von rund 2,71 Milliarden Dollar, nach etwa 2 Milliarden Dollar im Vorjahresquartal – ein Wachstum von rund 35 Prozent. Das Management selbst hatte 2,7 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt, mit einer Spanne von plus/minus 5 Prozent. Beim Gewinn je Aktie wird ein deutlicher Sprung gegenüber dem Vorjahr erwartet. Marvell hatte seinen Jahresausblick zuletzt zweimal innerhalb weniger Monate angehoben, was das Risiko birgt, dass eine bloße Bestätigung der Prognosen als Enttäuschung gewertet werden könnte – zumal die Aktie mit dem rund 58-fachen der für das kommende Jahr erwarteten Gewinne deutlich über dem Branchendurchschnitt von etwa dem 23-fachen bewertet ist.

Zwei Termine, ein Thema

Mit den Zahlen von Nvidia am Abend und jenen von Marvell am folgenden Tag stehen binnen 24 Stunden zwei Berichte an, die die weitere Richtung der KI-Rally an den Börsen mitbestimmen dürften. Während Nvidia als etabliertester Name der Branche unter besonders hohem Erwartungsdruck steht, gilt Marvell wegen seiner operativ durchweg positiven Nachrichten – zwei Anhebungen des Ausblicks und der Großauftrag von Google – inzwischen manchen Beobachtern als mindestens ebenso aufschlussreicher Indikator für die Verfassung des gesamten KI-Sektors.

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