Die Ruhe an den Börsen bekommt Risse. Nachdem der DAX in der vergangenen Woche noch ein Rekordhoch markiert hatte, geht es in dieser Woche mehrheitlich abwärts. Der deutsche Leitindex musste zuletzt 0,8 % einbüßen und fiel auf rund 26.100 Punkte – damit hat er sich weiter von seiner bisherigen Bestmarke entfernt. Noch deutlicher traf es die mittelgroßen Werte im MDAX, die mit einem Minus von 1,6 % auf den tiefsten Stand seit über drei Wochen fielen.
Steigende Renditen, teurer Ölpreis, Gewinnmitnahmen bei KI-Werten
Hinter der Schwäche stecken mehrere Faktoren. Anleihen werden als Konkurrenz zu Aktien wieder attraktiver, weil die Renditen langlaufender Staatsanleihen kräftig gestiegen sind, teilweise auf Mehrjahreshochs. Das zieht auch die Renditen von Unternehmensanleihen mit nach oben. Treiber sind hartnäckige Inflationssorgen – obwohl die jüngsten Inflationsdaten leicht unter den Erwartungen lagen –, dazu eine hohe staatliche Verschuldung und der enorme Kapitalbedarf rund um den KI-Investitionsboom.
Auch der Ölpreis spielt eine Rolle: Im Irankrieg zeichnet sich keine diplomatische Lösung ab, weshalb die Nordseesorte Brent wieder deutlich über 90 Dollar je Barrel geklettert ist. Steigende Energiepreise befeuern die Inflationssorgen zusätzlich.
Besonders auffällig war die Bewegung bei KI- und Chipwerten, bei denen zuletzt in zunehmendem Maße Kasse gemacht wurde. In Deutschland traf es Infineon sowie Branchenausrüster wie Aixtron und SÜSS MicroTec. Auch in den USA ging es deutlich abwärts: S&P 500, Nasdaq und Dow Jones verzeichneten spürbare Abschläge. Nvidia gab über 2 % ab, die Speicherchip-Aktie Micron verlor sogar 7 %. Der Philadelphia Semiconductor Index, ein Gradmesser für die gesamte Chip-Branche, sackte an einem einzigen Tag um 5 % ab.
Dahinter steht ein bekanntes Muster: Wenige große Technologiewerte haben den Markt zuletzt nach oben getragen. Steigen nun die Renditen, geraten ausgerechnet diese Werte als erste unter Druck, da sie zinssensitiv sind – ihre hohen, oft fremdfinanzierten Investitionen werden bei anziehenden Zinsen teurer. Für den weiteren Handelsverlauf deuten die Futures ebenfalls auf Minuszeichen hin, auch an der Wall Street dürften die Chipwerte im Fokus bleiben.
Die Commerzbank hält den Aufwärtstrend am US-Aktienmarkt dennoch grundsätzlich für intakt, vorausgesetzt Gewinnwachstum, KI-Investitionswelle und eine Stabilisierung der Renditen bleiben bestehen, während die US-Notenbank stillhält. Die größten Risiken sehen die Analysten aktuell nicht in einer Rezession, sondern in steigenden Marktzinsen, einer weiteren geopolitischen Eskalation der Energiepreise sowie einer möglichen Enttäuschung bei den großen KI-Werten.
Von einer Korrektur kann bei den bisherigen Verlusten noch keine Rede sein – dafür sind die Rückgänge in den Indizes zu überschaubar. Dennoch zeigen sich erste Risse genau an der Stelle, die den Markt zuletzt getragen hat, bei insgesamt hohen Kursen und niedriger Nervosität.
Der Herbst als Prüfstein fürs Depot
Die Konstellation passt saisonal zum bevorstehenden Herbst: Der September genießt an den Börsen traditionell keinen guten Ruf, wofür Gewinnmitnahmen nach dem Sommer, die Rückkehr institutioneller Investoren aus dem Urlaub und Window-Dressing zum Quartalsende als Erklärungen dienen. Eine verlässliche Prognose lässt sich daraus jedoch nicht ableiten – wer allein wegen des Kalenders verkauft, betreibt Market Timing und riskiert, den Wiedereinstieg zu verpassen. Hinzu kommt in diesem Jahr, dass ein US-Zwischenwahljahr läuft, in dem die Wochen von Mitte August bis Mitte Oktober historisch schwankungsanfällig waren.
Wer sein Risiko reduzieren möchte, muss nicht zwingend Aktien verkaufen und auf Liquidität setzen. Eine Alternative besteht darin, die Zusammensetzung des Depots defensiver auszurichten – hin zu Titeln, die weniger stark schwanken oder von Unruhe profitieren könnten.
Drei deutsche Aktien für einen stürmischen Börsenherbst
Henkel gilt als „Fels in der Brandung“: Mit Marken wie Persil und Schwarzkopf sowie dem weltweit führenden Klebstoffgeschäft rund um Loctite steht der Konzern für klassischen Basiskonsum ergänzt um ein solides Industriegeschäft. Gewaschen und geklebt wird auch in schwächeren Konjunkturphasen. Die Vorzugsaktie notierte zuletzt bei rund 75 Euro.
Die Deutsche Börse profitiert von den Handelsvolumina über Xetra und Eurex. Steigt die Nervosität und schwanken die Kurse stärker, wirkt sich das positiv auf das Geschäftsmodell aus. Die Aktie gilt als vergleichsweise schwankungsarm und notiert derzeit in der Nähe ihres Jahreshochs.
SAP wird als „Chance im Rücksetzer“ eingestuft. Als wertvollster deutscher Konzern läuft das Geschäft mit Unternehmenssoftware gut, der Umbau in die Cloud kommt voran. Die Aktie hat allerdings eine volatile Phase hinter sich, von einem Hoch abwärts bis zu einem Tief im Sommer, mit einer Erholung in den Bereich von 182 Euro. Da Nervosität zuerst teure Technologiewerte trifft, könnte sich für langfristig orientierte Anleger hier eine Gelegenheit zu einem günstigeren Einstiegskurs ergeben.
Es geht dabei nicht um Panik, sondern um eine bewusste Prüfung des Depots – insbesondere, ob der Technologieanteil durch die Kursgewinne der vergangenen Zeit stillschweigend zu groß geworden ist.
Die Wandelanleihen-Falle
Ein weiteres Thema, das viele Anleger unterschätzen, sind Wandelanleihen. Diese Papiere verbinden eine klassische Anleihe mit einer Option, sie unter bestimmten Bedingungen – meist bei einem Kursanstieg der zugrunde liegenden Aktie um 20 bis 30 % – in Aktien umzuwandeln. Läuft die Aktie schlecht, erhalten Anleger am Ende ihr Geld plus Zinsen zurück.
Der KI-Boom stellt dieses Marktsegment derzeit auf den Kopf: Im zweiten Quartal wurden weltweit fast 90 Milliarden Dollar an Wandelanleihen begeben, ein Plus von 80 % gegenüber dem Vorjahr. Für Unternehmen ist das attraktiv, weil sie sich über die Wandeloption günstiger verschulden können – oft zu 2 bis 3 % Zinsen, während klassische Anleihen etwa das Doppelte kosten.
Nach einer Auswertung der Bank of America sind inzwischen rund 30 % aller Wandelanleihen weltweit mit dem Thema KI verknüpft. Ein bekannter Wandelanleihen-ETF hat in diesem Jahr 22 % zugelegt, wobei über 44 % seiner Bestände im Technologiesektor liegen, unter anderem in Titeln wie Western Digital oder Alibaba. Wer solche Produkte als ruhigen, anleiheähnlichen Baustein im Depot verstanden hat, trägt in Wahrheit ein konzentriertes KI-Risiko. Die laufende Verzinsung dieses ETFs liegt bei mageren 1,4 % – die Rendite stammt also fast ausschließlich aus Kursgewinnen, nicht aus Zinserträgen. Der Zinspuffer, der bei fallenden Kursen normalerweise abfedern soll, fehlt damit weitgehend.
Anlegern wird empfohlen, die tatsächliche Zusammensetzung ihrer Wandelanleihen-Fonds oder -ETFs zu prüfen, diese Produkte nicht mit einem defensiven Baustein zu verwechseln und sich bewusst zu machen, dass das größte Risiko im aktuellen Markt oft dort versteckt sitzt, wo wenige große Technologiewerte dominieren.
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