Der DAX hat am Donnerstag die Marke von 25.000 Punkten gleich zum Handelsstart wieder verloren. Nach drei Gewinntagen in Folge ging es um 1,18 Prozent nach unten auf 24.807 Punkte, am frühen Nachmittag lag der Index teilweise sogar unter 24.800 Zählern – der tiefste Stand seit Ende Juli. Die 200-Tage-Linie, die bei rund 24.850 Punkten verläuft, wurde damit unterschritten, der Schlusskurs lag knapp darunter. Ein einzelner Handelstag begründet noch keinen Trendbruch, doch die charttechnische Lage bleibt angespannt.
Als Belastungsfaktoren gelten weiterhin hohe Anleiherenditen, Sorgen um Frankreichs Staatshaushalt und ein hoher Ölpreis. Hinzu kam ein Medienbericht über mögliche neue US-Angriffe auf den Iran. Bei den Einzelwerten traf es erneut Halbleiterwerte: Infineon gab deutlich nach. Die starken Zahlen von Samsung konnten daran nichts ändern.
An der Wall Street zeigte sich ein ungewohntes Bild: Der Nasdaq 100 verlor 1,4 Prozent, der S&P 500 knapp einen halben Prozentpunkt, während der Dow Jones 0,1 Prozent höher schloss – eine Umkehr der Kräfteverhältnisse der vergangenen Wochen. Ölwerte waren gefragt: Chevron gewann 3,1 Prozent, ExxonMobil 2,7 Prozent. Zum Wochenschluss deutete sich eine Stabilisierung an. Am Nachmittag steht aus den USA das Verbrauchervertrauen der University of Michigan an, bei dem mit einer leichten Eintrübung gerechnet wird.
SpaceX greift US-Telekomkonzerne an
Am Donnerstag rückte bei SpaceX unter anderem der Streit um Indien in den Fokus: Das Satelliteninternet-Angebot Starlink wartet dort weiter auf die Zuteilung von Funkfrequenzen, Elon Musk hat sich öffentlich darüber beschwert. Die Geschäftszahlen zeigen jedoch, dass Starlink auch ohne Indien kräftig wächst.
Nachbörslich folgte die eigentlich marktbewegende Nachricht: SpaceX hat vom Investor Grain Management ein landesweites Paket an Mobilfunkfrequenzen im 800-Megahertz-Bereich gekauft. Solche niedrigen Frequenzen reichen weit und dringen gut in Gebäude ein. Das Unternehmen erklärte, damit werde eine der letzten technischen Lücken geschlossen, um Starlink Mobile zu einem großen Mobilfunkanbieter in den USA zu machen – geplant ist ein Netz aus Satelliten und bodengestützten Funkmasten.
Die Marktreaktion fiel deutlich aus: AT&T verlor nachbörslich rund 7 Prozent, Verizon und T-Mobile jeweils etwa 6,6 Prozent. Die Funkturmbetreiber Crown Castle und American Tower legten dagegen deutlich zu. Für deutsche Anleger ist die Entwicklung auch wegen der Deutschen Telekom relevant, deren wichtigster Gewinnbringer die Mehrheitsbeteiligung an T-Mobile US ist.
OpenAI-Zahl verunsichert KI-Sektor
Am KI-Markt wurde zuletzt breit verkauft. Gegen den Trend legte Palantir 2,4 Prozent zu, nachdem Goldman Sachs die Aktie von neutral auf kaufen hochgestuft hatte. Damit notiert der Titel wieder in Reichweite seiner Hochs vom November. Goldman begründet die Einschätzung mit zwei Wachstumstreibern: zum einen der sogenannten souveränen KI, bei der Regierungen und Unternehmen ihre Daten unter eigener Kontrolle behalten wollen, zum anderen maßgeschneiderter Software für Unternehmen, für die Standard-Chatbots nicht ausreichen.
Zur Bewertung: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Palantir lag vor einem Jahr bei über 200, aktuell liegt es deutlich niedriger – der S&P 500 kommt im Vergleich auf gut 19. Analysten erwarten für dieses Jahr einen Gewinn von 1,60 Dollar je Aktie, für 2030 werden 14,38 Dollar je Aktie prognostiziert. Die Mehrheit der Analysten rät zum Kauf der Aktie.
Unterdessen sorgte eine Zahl aus dem Umfeld von OpenAI für Unruhe im gesamten Sektor. Die Financial Times berichtete, der annualisierte Umsatz habe Ende September bei knapp 50 Milliarden Dollar gelegen, während im September noch von fast 70 Milliarden Dollar die Rede gewesen sei – eine Lücke von 20 Milliarden Dollar. Hintergrund dürfte eine Umstellung der Berechnungsmethode sein, mit der die Zahlen besser mit denen von Anthropic vergleichbar werden sollen, insbesondere bei der Verbuchung von Umsätzen über Cloud-Anbieter. Testierte Abschlüsse liegen ohnehin noch nicht vor. Dennoch reichte die Diskrepanz aus, um Werte wie Nvidia und ARM deutlich unter Druck zu setzen – ein Zeichen dafür, wie nervös der Markt auf Nachrichten rund um die Finanzierung des KI-Ausbaus reagiert. Parallel verhandelt OpenAI über eine Finanzierungsrunde von 30 Milliarden Dollar, die eine sehr hohe Bewertung bedeuten würde.
Auch bei Börsengängen im KI-Umfeld zeigt sich Zurückhaltung: Der australische Rechenzentrumsbetreiber Firmus hat seinen geplanten Börsengang, der 5 Milliarden Dollar einbringen sollte, abgesagt und verwies auf schwankende Märkte und verhaltene Nachfrage. Zu den Geldgebern des Unternehmens gehört Nvidia.
BASF und Evonik: Entscheidung weiter offen
In Deutschland richtet sich der Blick auf eine mögliche Übernahme von Evonik durch BASF. Das Kuratorium der RAG-Stiftung, die 44 Prozent der Evonik-Anteile hält, berät über das Angebot. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat laut Handelsblatt erklärt, die eigenständige Entwicklung von Evonik dürfe nicht gefährdet werden – in Hessen wird dies als vorläufige Absage gewertet. Die Gewerkschaft IG BCE verlangt verbindliche Zusagen zur Zukunft der Beschäftigten. Evonik selbst wirbt weiter für Eigenständigkeit und plant, in den kommenden Wochen eine größere Investition in NRW anzukündigen. Das Management verspricht zudem, die Rendite auf das eingesetzte Kapital bis 2030 von 6 auf 11 Prozent zu steigern. Die Evonik-Aktie war mit den Übernahmeberichten zuletzt gestiegen, die Aufwärtsdynamik wurde durch den politischen Gegenwind jedoch gebremst.
Royal Caribbean mit Sandals-Resorts-Deal
Royal Caribbean hat angekündigt, für rund 3 Milliarden Dollar die Hälfte von Sandals and Beaches Resorts übernehmen zu wollen. Nach zunächst verhaltener Reaktion der Börse hat sich die Aktie seit der Ankündigung um 22 Prozent erhöht. Mehrere Banken stellten sich hinter den Deal: JP Morgan bezeichnete ihn als Erweiterung des Angebots, die Bank of America stufte die Aktie hoch und traut der Beteiligung bis 2030 einen zusätzlichen operativen Gewinn von 900 Millionen Dollar zu. Jefferies folgte mit einer Kaufempfehlung und bezeichnete Royal Caribbean als besten Kauf vor den für den 27. Oktober erwarteten Quartalszahlen.
Die zuverlässigsten Gewinner der Berichtssaison
Mit Blick auf die anlaufende Berichtssaison wurde untersucht, welche Nasdaq-100-Unternehmen in den vergangenen zehn Quartalen am häufigsten die Gewinnschätzungen übertroffen haben und direkt danach im Kurs gestiegen sind. 47 der 100 Unternehmen haben die Gewinnschätzung jedes Mal übertroffen, aber bei keinem einzigen stieg der Kurs danach ausnahmslos – Schätzungen zu schlagen ist an der Wall Street die Norm und wird nicht automatisch belohnt.
Die fünf Titel, die der perfekten Serie am nächsten kommen:
Auf Platz 1 liegt Ross Stores mit 9 Treffern in 10 Quartalen und einer durchschnittlichen Kursreaktion von plus 3,4 Prozent. Der Off-Price-Händler verkauft Überbestände und profitiert von sparsamen Verbrauchern. Im zweiten Quartal stieg der Umsatz um 13 Prozent, die Gewinnprognose wurde zuletzt angehoben. Die Aktie ist seit ihrem Hoch im August gut 10 Prozent gefallen, die nächsten Zahlen werden für den 19. November erwartet.
Platz 2 belegt AppLovin mit 8 Treffern und einer durchschnittlichen Kursreaktion von plus 9,1 Prozent. Die Werbeplattform für mobile Apps steigerte den Umsatz im zweiten Quartal um 53 Prozent bei einer bereinigten operativen Marge von über 80 Prozent. Weil der Umsatz beim letzten Quartal die Erwartungen knapp verfehlte, brach die Aktie deutlich ein, seit Jahresbeginn hat der Kurs spürbar nachgegeben.
Auf Platz 3 folgt Seagate mit 8 Treffern und einer durchschnittlichen Kursreaktion von plus 6,3 Prozent. Der Festplattenhersteller profitiert vom Datenbedarf der KI-Rechenzentren: Im abgelaufenen Geschäftsjahr stieg der Umsatz um 34 Prozent, der freie Cashflow lag bei 3,1 Milliarden Dollar. Die Aktie bewegt sich im Bereich von 75 Dollar, Zahlen werden Ende Oktober erwartet.
Platz 4 geht an ADP (Automatic Data Processing), das Lohn- und Gehaltsabrechnungen für Unternehmen erledigt. Mit 8 Treffern in 10 Quartalen hat sich die Aktie qualifiziert, die durchschnittliche Kursreaktion fällt mit 1,2 Prozent moderat aus. Im vergangenen Geschäftsjahr wuchs der Umsatz um 7 Prozent, Zahlen werden für den 28. Oktober erwartet.
Platz 5 belegt Lumentum mit 7 Treffern und einer durchschnittlichen Kursreaktion von plus 5,8 Prozent. Der Hersteller von Lasern und optischen Bauteilen für Rechenzentren steigerte den Umsatz im letzten Quartal auf 1,01 Milliarden Dollar und mehr als verdoppelte ihn damit. Die Aktie notiert aktuell bei 1.048 Dollar, nach rund 300 Dollar vor einem Jahr. Zahlen werden für den 5. November erwartet.
Garantien gibt es bei solchen historischen Mustern naturgemäß nicht, sie zeigen aber, welche Unternehmen ihre Prognosen vorsichtig formulieren und zuverlässig übertreffen.
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