DAX unter 25.000 Punkten: Frankreich als neues Sorgenkind, Nike enttäuscht mit Ausblick, Anthropic plant Mega-Börsengang

Frankreichs steigende Finanzierungskosten belasten Europas Märkte, während Nike schwache Jahresziele nennt und Anthropic einen Börsengang erwägt.

Auf einen Blick:
  • DAX schließt bei 24.939 Punkten
  • Frankreichs Anleiherendite erreicht höchsten Stand seit 2002
  • Nike erwartet sinkenden Jahresumsatz
  • Anthropic erwägt Börsengang mit Billionenbewertung

Der DAX ist mit einem Verlust in das vierte Quartal gestartet. Am Donnerstag ging es um 1,03 Prozent nach unten, der Index schloss bei 24.939 Punkten und damit erstmals seit Längerem unter der Marke von 25.000 Zählern. Im Tagesverlauf rutschte der deutsche Leitindex zeitweise bis auf 24.831 Punkte ab – fast exakt auf seine 200-Tage-Linie. Genau dort griffen Käufer wieder zu, die Erholung war jedoch nur von kurzer Dauer. Steigende Ölpreise und anziehende Anleiherenditen drückten weiter auf die Stimmung.

Im Rüstungssektor gab es gegenläufige Bewegungen: Renk fiel bereits den vierten Handelstag in Folge, diesmal um 2,7 Prozent, nachdem die Bank of America ihre Kaufempfehlung gestrichen hatte. Hensoldt legte dagegen zu.

Wall Street dreht dank Fed-Signalen ins Plus

An der Wall Street verlief der Handel in umgekehrter Reihenfolge: Nach schwachem Start drehten die Indizes ins Plus. Der Dow Jones schloss praktisch unverändert, der S&P 500 gewann 0,19 Prozent. Am stärksten zeigte sich erneut der Nasdaq 100 mit einem Plus von 0,31 Prozent. Rückenwind kam von der US-Notenbank: Der Vize-Chef der Fed ließ durchblicken, dass es noch einige Zeit dauern könnte, bis sich beurteilen lässt, ob weitere Zinsschritte nötig sind – eine leichte Entspannung an der Zinsfront.

Micron Technology, dessen Rekordzahlen tags zuvor zunächst kaum Reaktion ausgelöst hatten, legte die Antwort am Donnerstag nach: Die Aktie startete im Minus, drehte dann mit dem Gesamtmarkt und schloss 3 Prozent höher. Käufer nutzten offenbar jeden Rücksetzer zur Neupositionierung – ein Zeichen für das anhaltend große Vertrauen in die Nachfrage nach KI-Speicherchips. Kritische Stimmen zu dem Thema gibt es zwar, sie konnten sich am Markt bislang aber nicht durchsetzen.

Anleihenmärkte: USA auf höchstem Niveau seit 2002

Dass die Wall Street überhaupt noch drehen konnte, lag maßgeblich daran, dass die Anleiherenditen im Tagesverlauf wieder etwas zurückkamen. Zuvor war die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen bis auf 5,34 Prozent gestiegen – der höchste Stand seit 2002. Die Schäden am Aktienmarkt lassen sich inzwischen messen: Nach Daten von Bloomberg liegt der S&P 500 weniger als 2 Prozent unter seinem Rekord, während die gleichgewichtete Variante des Index – in der jede der 500 Aktien dasselbe Gewicht hat – auf die siebte Verlustwoche in Folge zusteuert. Sollte es dabei bleiben, wäre dies erst die dritte derart lange Verlustserie nach 2002 und 2022.

Der Nebenwerteindex Russell 2000 hat seit seinem Rekord Mitte August gut 8 Prozent verloren. Die als defensiv geltenden Versorger büßten seit Februar sogar rund 17 Prozent ein – ein Effekt, der auch mit deren starker Fremdkapitalfinanzierung zusammenhängt. Im Ergebnis halten derzeit wenige KI-Schwergewichte die Indizes oben, während ein großer Teil des Marktes bereits korrigiert. Solange die Gewinne der Technologiekonzerne stimmen, kann der Gesamtmarkt damit leben – die Abhängigkeit von diesem einen Thema wächst allerdings.

Frankreich rückt als Risikofaktor in den Fokus

In Europa hat der Ausverkauf am Anleihenmarkt eine eigene Adresse: Frankreich. Die Rendite 10-jähriger französischer Staatsanleihen liegt bei rund 4,95 Prozent und damit auf dem höchsten Stand seit 2002, der Aufschlag gegenüber vergleichbaren Bundesanleihen liegt bei annähernd 130 Basispunkten. Dieser Spread hat sich deutlich ausgeweitet und erreicht damit ein Niveau wie zuletzt in der Euro-Krise 2012.

In dieser Lage hat die Regierung in Paris ihren Haushalt für 2027 vorgelegt, mit einem Sparpaket von 43 Milliarden Euro an neuen Einsparungen, insgesamt 54 Milliarden Euro inklusive bereits 2026 auf den Weg gebrachter Maßnahmen. Das Defizit soll von 5,4 auf 5 Prozent sinken. Die Zinslast steigt dagegen deutlich und übersteigt damit die Etats für Verteidigung und Bildung. Die französische Schuldenagentur will 2027 die Rekordsumme von 340 Milliarden Euro am Markt aufnehmen.

Immer mehr Marktteilnehmer stellen sich die Frage, ob Frankreich zur größten Gefahr für Europas Börsen geworden ist. Als zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone hat das Land eine Regierung ohne eigene Mehrheit im Parlament, zudem steht im Mai eine Präsidentschaftswahl an. Ein Sparhaushalt muss somit durch ein Parlament, in dem vor der Wahl kaum jemand mit Kürzungen in Verbindung gebracht werden möchte. Zwei Punkte sprechen allerdings gegen ein Krisenszenario wie 2012: Frankreich kann seine Anleihen nach Regierungsangaben weiterhin problemlos platzieren, wenn auch zu höheren Kosten. Zudem hat Marine Le Pen angedeutet, die Regierung diesmal womöglich nicht zu stürzen – mit Verweis auf die Gefahr einer Krise am Anleihenmarkt. Die niederländische Großbank ING sieht vorerst keinen Auslöser, der die Risikoaufschläge dauerhaft senken könnte, wobei es auch Stimmen gibt, die von einer Stabilisierung auf dem aktuellen Niveau ausgehen. Bis Ende Dezember muss der Haushalt verabschiedet sein.

Nike: Solider Ausblick fehlt, Aktie bleibt unter Druck

Nike hat nach Börsenschluss seine Zahlen für das erste Fiskalquartal vorgelegt. Nachbörslich verlor die Aktie deutlich – ein Rückgang, der angesichts des seit Monaten anhaltenden Abwärtstrends kaum noch ins Gewicht fällt. Im laufenden Jahr steht bereits ein Minus von gut 45 Prozent zu Buche, vom Pandemie-Hoch hat die Aktie fast 80 Prozent verloren.

Das Quartal selbst lieferte keine böse Überraschung: Der Umsatz sank um 4 Prozent auf 11,21 Milliarden Dollar und lag damit knapp unter den Schätzungen, beim Gewinn je Aktie gab es keine Enttäuschung. Regional zeigte sich ein gemischtes Bild: Nordamerika wuchs um 2 Prozent, Europa ging um 5 Prozent zurück, China sogar um 22 Prozent.

Die negative Reaktion der Börse war vor allem dem Ausblick geschuldet. Für das Gesamtjahr stellt Nike nun einen Gewinn je Aktie von 1,15 bis 1,35 Dollar in Aussicht, während die Wall-Street-Schätzungen bislang bei 1,67 Dollar lagen. Der Umsatz soll im hohen einstelligen Prozentbereich schrumpfen – eingepreist war bislang nur ein Rückgang von etwa 2 Prozent. Positiv fallen die leicht gestiegene Bruttomarge, schneller sinkende Kosten als der Umsatzrückgang sowie eine Stabilisierung im Heimatmarkt auf. Auffällig ist jedoch, dass Nike die Marketingausgaben um 5 Prozent erhöht hat und der Umsatz trotzdem zurückging – ein Indiz für den harten Wettbewerb durch lokale Marken in China und Aufsteiger wie On.

Trotz des Kursverfalls ist die Aktie nicht günstig: Auf Basis der Mitte der neuen Gewinnprognose ergibt sich weiterhin ein hohes KGV – viel für ein Unternehmen mit schrumpfendem Umsatz und nur minimalen Gewinnsteigerungen. Nach aktuellen Daten wird Nike aufs Jahr gerechnet 1,64 Dollar ausschütten, mehr als der Konzern im Gesamtjahr verdienen will. Daraus ergäbe sich eine hohe Dividendenrendite – finanziert jedoch aus der Substanz.

Nvidia: Günstigere Bewertung trotz Rekordnähe

Nvidia konnte Boden gutmachen und notiert nur noch gut 2 Prozent unter seinem Rekordschlusskurs. Für einen möglichen Ausbruch über die alte Bestmarke sprechen mehrere Faktoren: Zum einen die für Mitte bis Ende November erwarteten Quartalszahlen, nachdem Nvidia zuletzt für das Geschäftsjahr 2025 ein Umsatzwachstum von rund 70 Prozent in Aussicht gestellt hatte – gestützt auch durch die jüngsten Micron-Zahlen. Zum anderen der geplante Börsengang von Anthropic, in das Nvidia Ende vergangenen Jahres eine Investition von bis zu 10 Milliarden Dollar zugesagt hatte. Gelingt der Börsengang, wäre dies ein Beleg dafür, dass große KI-Entwickler weiterhin Kapital für Rechenleistung einsammeln können.

Hinzu kommt die Bewertung: Aktuell weist Nvidia ein vergleichsweise niedriges KGV auf – für einen Wachstumswert als günstig einzustufen, zumal die Gewinnschätzungen derzeit schneller steigen als die Aktienbewertung. Das Risiko bleibt jedoch bestehen, da Nvidia stark vom Investitionsbudget weniger Großkunden abhängt. Sollte die Stimmung kippen oder der Anthropic-Börsengang scheitern, würde dies den gesamten Sektor belasten.

Tesla vor Auslieferungszahlen, Roadster-Präsentation verschoben

Tesla wird inzwischen ebenfalls als KI-Wette gehandelt und kostet aktuell das 170-fache des für die kommenden zwölf Monate erwarteten Gewinns. Heute veröffentlicht der Konzern seine Auslieferungszahlen für das dritte Quartal. Die Erwartungen liegen je nach Quelle zwischen 451.000 und 460.000 Fahrzeugen – bis zu 9 Prozent weniger als im Vorjahresquartal, was allerdings durch den Wegfall der US-Kaufprämie von 7.500 Dollar im Vorjahr verzerrt wird.

Tesla gilt als schwer kalkulierbar, was Kursreaktionen auf Geschäftszahlen angeht. Im zweiten Quartal hatte der Konzern rund 480.000 Auslieferungen gemeldet, erwartet worden waren 406.000 – die Aktie fiel dennoch um 7,5 Prozent, da sie zuvor bereits kräftig gestiegen war. Seit Jahresanfang liegt die Aktie rund 21 Prozent im Minus. Das Kerngeschäft mit Fahrzeugen bleibt entscheidend, da es die Mittel für Investitionen in Robotaxis und humanoide Roboter liefert – allein in diesem Jahr sollen rund 25 Milliarden Dollar investiert werden.

Die für diese Woche geplante Vorstellung des neuen Roadsters wurde wegen einer Unwetterlage in Texas auf den 15. Oktober verschoben. Der Sportwagen soll mehr als 200.000 Dollar kosten und Technik der Raumfahrtfirma SpaceX enthalten.

Anthropic strebt Rekord-Börsengang an

SpaceX hält bislang den Rekord für die größte Emission weltweit beim Börsengang. Diesen Rekord könnte der KI-Entwickler Anthropic nun einstellen oder übertreffen. Berichten zufolge könnte der Börsengang Mitte November erfolgen, die Vermarktung der Aktien soll in der Woche ab dem 9. November beginnen, der Handelsstart noch vor Thanksgiving am 26. November.

Aktuellen Schätzungen zufolge wird dem Unternehmen eine Bewertung von 1,8 bis 2 Billionen Dollar zugetraut – damit wäre Anthropic vom ersten Handelstag an deutlich mehr wert als etwa Micron. Den hohen Erwartungen stehen Zahlen gegenüber, die viel Zukunft in der Bewertung erkennen lassen: Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei einem hohen Milliardenbetrag, dem ein deutlicher operativer Verlust sowie ein noch größerer Nettoverlust gegenüberstanden.

Bemerkenswert ist der Zeitpunkt, da der Markt für Neuemissionen in den USA derzeit angeschlagen ist. Der Ringhersteller Oura hat seinen Börsengang wenige Stunden vor der Preisfestsetzung verschoben – bereits das dritte Unternehmen binnen weniger Wochen, das unter Verweis auf unsichere Marktbedingungen zurückzog. Rechnet man SpaceX und SK Hynix heraus, verbuchten die mehr als 100 US-Börsenneulinge in diesem Jahr im gewichteten Schnitt ein Minus von 4 Prozent, während der S&P 500 im gleichen Zeitraum 12 Prozent gewann. Auch der Anthropic-Rivale OpenAI hatte seine Börsenpläne vor diesem Hintergrund aufgeschoben.

Der Anthropic-Börsengang gilt damit als wichtiger Stimmungstest: Gelingt er, würde das den KI-Handel bestätigen, der derzeit die Indizes trägt, wovon auch Nvidia, Micron und die gesamte Lieferkette profitieren könnten. Zugleich müssen Investoren für eine Emission dieser Größenordnung erhebliches Kapital bereitstellen, was in den Wochen davor auf andere Technologiewerte drücken könnte.

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