Der DAX bleibt in Reichweite seines Rekordhochs, doch der Schwung fehlt derzeit. Vergangene Woche hatte der deutsche Leitindex bei knapp 26.574 Punkten eine neue Bestmarke gesetzt. Seither tritt er auf der Stelle – und dafür gibt es handfeste Gründe, die im Hintergrund wirken. Ein wichtiger Faktor ist der Anleihenmarkt, der derzeit an den großen Börsen der Welt für Unruhe sorgt.
Rückblick: Verhaltener Wochenauftakt
Der DAX verzeichnete zuletzt einen leichten Verlust von 0,38 Prozent. Der Markt fand keinen zwingenden Grund, den Höchststand vom vergangenen Mittwoch erneut anzugreifen. Zwei Faktoren bremsten besonders: die ungewisse Lage im Iran-Krieg sowie eine schwächere Tendenz bei den US-Standardwerten im Dow Jones.
Zur Einordnung: Seit dem Zwischentief von Mitte Juli hat der DAX dennoch um fast 7 Prozent zugelegt und sein Jahresplus damit auf 7,6 Prozent gesteigert – kein schwacher Markt, aber einer, der sichtbar eine Verschnaufpause einlegt. Der MDAX schloss um 0,33 Prozent leichter. Neben dem sommerbedingten Handelsvolumen liegt das auch daran, dass die Berichtssaison mittlerweile so gut wie abgeschlossen ist und damit als Kaufanreiz weitgehend wegfällt.
Bei den Einzelwerten standen vor allem Aktien mit KI-Bezug im Vordergrund: Siemens Energy legte 1,3 Prozent zu, Infineon 0,4 Prozent – Auslöser kam erneut von der anderen Seite des Atlantiks. Am unteren Ende des DAX tummelten sich dagegen eher konsumlastige Werte wie Henkel, Beiersdorf, Adidas und Zalando, nachdem zuletzt Verbraucherdaten für eine Eintrübung der Kauflaune gesorgt hatten. In dieser Woche berichten mit Walmart und Home Depot zwei der wichtigsten US-Konsumwerte. Größter DAX-Verlierer war Vonovia mit einem Minus von 1,8 Prozent, nachdem die französische Investmentbank Exane BNP die Bewertung mit „Underperform“ wieder aufgenommen hatte.
Über dem Atlantik schloss der Dow Jones knapp einen halben Prozentpunkt tiefer, der breite S&P 500 verlor 0,52 Prozent. Belastet wurde die Stimmung durch verdüsterte Aussichten auf Frieden im Nahen Osten. Präsident Trump erklärte Berichten zufolge, er habe es nicht eilig, den Krieg mit dem Iran zu beenden, und drohte zudem dem Oman. Höhere Ölpreise könnten sich für die USA – als Nettoölexporteur – zunächst positiv auswirken, spiegeln sich aber auch in steigenden Energiepreisen für die Verbraucher wider, was angesichts der anstehenden Midterms politisch heikel werden könnte.
Mitten in die trübe Stimmung platzte eine Meldung, die KI-Aktien gegen den Trend nach oben zog: Der Chatbot-Anbieter Anthropic stärkte mit starken Umsatzsignalen die Hoffnung, dass sich die massiven Investitionen in KI-Technologie am Ende auszahlen. Das trieb Werte wie Micron, Western Digital und Marvell deutlich an, mit Kursgewinnen zwischen 4 und knapp 9 Prozent.
Zum Wochenstart zeigte sich auch Asien schwach, allen voran der japanische Nikkei, der nach seiner jüngsten Erholung wieder deutlich nachgab. Der DAX startet dementsprechend mit einem leichten Minus in den Handelstag.
Der Anleihenmarkt als Unruheherd
Der Anleihenmarkt ist von seinem Volumen her deutlich größer als der Aktienmarkt und sendet Signale, die sich am Ende auch dort widerspiegeln. Aktuell macht er sich Sorgen – mit spürbaren Folgen.
Die Renditen für 30-jährige US-Staatsanleihen steigen unaufhörlich und kletterten auf rund 5,32 Prozent – der höchste Stand seit 2007. Die 10-jährigen US-Renditen liegen bei knapp 4,73 Prozent. In Deutschland sind die Renditen 10-jähriger und 30-jähriger Bundesanleihen zuletzt auf ein neues 15-Jahres-Hoch geklettert, in Frankreich haben sich die Kosten für 30-jähriges Geld auf den höchsten Stand seit 2008 erhöht.
Mehrere Kräfte laufen hier zusammen. Erstens die Sorge um die Staatsfinanzen: In den USA summieren sich die jährlichen Defizite auf annähernd 2 Billionen Dollar, die Zinslast selbst ist zu einem der größten Treiber des wachsenden Haushaltsdefizits geworden.
Zweitens hängt die Entwicklung direkt mit dem KI-Boom zusammen. Die großen Technologiekonzerne saugen gewaltige Mengen an Kapital aus dem Anleihenmarkt. Alphabet, Amazon und Meta haben in diesem Jahr bereits fast 220 Milliarden Dollar am Anleihenmarkt begeben – mehr als das Doppelte dessen, was sie im gesamten Jahr 2025 aufgenommen hatten. Grund sind Investitionen in Rechenzentren, Chips und Energieversorgung. Ein Stratege von BlackRock sprach von einem Wettbewerb um Kapital, der in jüngerer Zeit beispiellos sei – Staaten und KI-Konzerne konkurrieren um dasselbe Anlegergeld. Alphabet zapft dafür inzwischen sogar ausländische Bond-Märkte an, mit einer erstmaligen Anleihe in australischen Dollar über umgerechnet 3,6 Milliarden Dollar.
Drittens verschiebt sich die Käuferbasis am Anleihenmarkt strukturell: Früher kauften vor allem Pensionsfonds Anleihen, um langfristige Verpflichtungen abzudecken. Heute wandern viele Anbieter ab, Regulierungen ermuntern Fonds stärker zu Aktieninvestments. Nach einer Analyse ist dieser Wechsel von preisunempfindlichen Haltern hin zu renditeorientierten privaten Investoren für rund 90 Prozent der sogenannten Laufzeitprämie auf 30-jährige US-Staatsanleihen verantwortlich.
Auffällig ist zudem: Nicht in erster Linie die Inflationserwartung treibt die Renditen – die Break-Even-Raten sind vergleichsweise stabil geblieben. Der Anstieg der Finanzierungskosten geht auf die Realrenditen zurück, also auf die Entschädigung, die Anleger über die Inflation hinaus verlangen. Das deutet auf eine strukturelle Neubewertung von Kapital hin, nicht auf einen klassischen Inflationsschock.
Für Aktienanleger hat das zwei Konsequenzen: Erstens erhöhen steigende Renditen den Zins, mit dem künftige Unternehmensgewinne abgezinst werden, was teure Wachstumswerte schwerer zu rechtfertigen macht, falls die Gewinndynamik nachlässt. Zweitens verteuern höhere Renditen die Refinanzierung für Staaten, Unternehmen und private Haushalte gleichermaßen. Bislang hat die Wall Street das dank starker Unternehmensgewinne gut weggesteckt.
KI-Konzerne rüsten sich für die Börse
Gleich drei Schwergewichte laufen sich derzeit für mögliche Börsengänge warm. Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Modell Claude, ist auf dem besten Weg zu einer hochgerechneten Umsatzrate von mehr als 65 Milliarden Dollar – dieser Wert lag Ende Juli bereits bei 65 Milliarden Dollar, mehr als das Siebenfache des Vorjahreswertes. Nach einer Finanzierungsrunde im Mai wurde Anthropic mit 965 Milliarden Dollar bewertet und hat damit OpenAI bei der Bewertung überholt.
OpenAI selbst steuert auf eine hochgerechnete Umsatzrate von mehr als 40 Milliarden Dollar zu, was einer Verdopplung gegenüber dem Jahresende 2025 entspräche. Getrieben wird das Wachstum von KI-gestützter Programmiersoftware, Abo-Verkäufen und einem jungen Werbegeschäft. Beide Unternehmen haben bereits vertrauliche Unterlagen für einen Börsengang eingereicht.
Der dritte Kandidat ist der chinesische KI-Pionier DeepSeek, der ebenfalls einen Börsengang vorbereitet und noch in diesem Jahr entsprechende Unterlagen einreichen könnte. DeepSeek strebt eine Bewertung von mindestens 480 Milliarden Yuan an, umgerechnet rund 71 Milliarden Dollar. Das Unternehmen hatte im vergangenen Jahr mit einem besonders effizienten Modell die Branche aufgeschreckt und gezeigt, dass chinesische Entwickler auch mit weniger Rechenleistung mit der Spitze aus dem Silicon Valley mithalten können.
Insgesamt ergibt sich ein Bild aus explodierenden Umsätzen und Bewertungen einerseits und hohen Kapitalverbrennungsraten andererseits. Der KI-Boom gilt zudem als einer der Treiber für die steigenden Anleiherenditen, während aus China zusätzlicher Wettbewerbsdruck durch deutlich günstigere Modelle kommt.
Asien im Fokus: Fünf Namen im Umbruch der Zukunftstechnologien
Die asiatischen Börsen wurden zuletzt kräftiger durchgeschüttelt, sowohl der Nikkei als auch der Kospi in Südkorea gaben nach. Dennoch vollzieht sich in der Region ein bemerkenswerter Umbruch: China verfolgt bei KI einen anderen Ansatz als die USA, mit offenen Modellen (Open Source) und einer breiten Verankerung von KI in Industrie, Handel und Logistik. Chinesische generative KI-Modelle kamen im November 2025 bereits auf einen weltweiten Marktanteil von rund 15 Prozent, nachdem sie ein Jahr zuvor nur bei einem Prozent gelegen hatten.
Fünf Unternehmen stehen im Zentrum dieses Umbruchs:
Alibaba zählt zu den führenden Anbietern offener KI-Modelle. Die Modellfamilie „Qwen“ kam bis Mitte August auf mehr als 3 Milliarden Downloads und gilt damit als weltweit am häufigsten heruntergeladene Open-Source-KI-Modellfamilie.
Tencent gehört zu den prominentesten Geldgebern von DeepSeek und zählt zu den großen chinesischen Cloud-Anbietern, die in Südostasien, im Nahen Osten und in Afrika um Kunden werben.
CATL, der weltweit führende Batteriehersteller, ist ebenfalls unter den Geldgebern von DeepSeek und gilt als Bindeglied zwischen Elektromobilität und KI, da beide Bereiche große Mengen Strom benötigen.
BYD hat KI direkt in seine Fertigung integriert und dokumentiert einen Rückgang der Batteriefehler um 40 Prozent sowie eine um 20 Prozent verbesserte Batterielebensdauer.
Foxconn (Hon Hai) hat eine KI-gestützte Bilderkennung eingeführt, um Defekte zu erkennen und den Energieverbrauch zu optimieren.
Der Kostenvorteil chinesischer Anbieter liegt vor allem in der Effizienz: Da der Zugang zu den modernsten Chips aus den USA beschränkt ist, haben chinesische Entwickler ihre Software schlanker gebaut. Sie setzen auf Techniken, bei denen Modelle nicht ihr gesamtes Netzwerk aktivieren, sondern nur spezialisierte Teilbereiche nutzen – mit dem Effekt geringeren Rechenaufwands, niedrigeren Energieverbrauchs und günstigerer Preise.
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