Markt zwischen Rekordhoffnung und Nahostrisiko
Der DAX bleibt in Schlagdistanz zu seinen bisherigen Bestmarken, traut sich aber weiterhin nicht über die Rekordschwelle. Am Montag beendete der deutsche Leitindex den Handelstag leicht im Minus, nachdem er im Tagesverlauf zeitweise nach einem neuen Hoch aussah, am Ende aber die Kraft dazu nicht fand. Dieses Muster – Herantasten ohne Durchbruch – wiederholt sich seit einiger Zeit und hat einen klaren Grund: Über den Märkten hängt weiterhin das Risiko im Nahen Osten. Im Zentrum steht die Straße von Hormus, jene Meerenge, über die ein Großteil des weltweiten Öltransports läuft. Der Iran verlangt nun von Handelsschiffen Gebühren für die Durchfahrt, was als einer der Auslöser der jüngsten Eskalation gilt. Ein diplomatischer Durchbruch ist nicht in Sicht, entsprechend zogen die Ölpreise am Montag wieder an. Die Volatilität bei den verschiedenen Ölsorten bleibt hoch, was die Märkte unter Dauerspannung hält – schließlich gilt der Ölpreis als erster Dominostein für die Inflationsentwicklung.
Zugleich sorgen die Arbeitsmarktdaten vom vergangenen Freitag für etwas Entspannung bei der Zinserwartung. Analysten sehen darin einen Grund, im Markt etwas durchzuatmen – auch wenn hier noch nichts endgültig geklärt ist.
Im DAX selbst zeigte sich am Montag deutliches Auf und Ab. Die Commerzbank legte um 0,05 Prozent zu, nachdem die Deutsche Bank eine positive Einschätzung zu der Aktie abgegeben hatte. Am anderen Ende der Kursliste stand die Deutsche Telekom mit einem Zuwachs von 0,5 Prozent.
Im deutschen Nebenwertesegment fiel vor allem Stabilus negativ auf. Die Aktie brach um gut 9 Prozent ein und war damit schwächster Wert im SDAX. Auslöser war die überraschende vorzeitige Vertragsauflösung des Finanzchefs aus persönlichen Gründen – nach rund neun Monaten im Amt. Die Marktreaktion fiel entsprechend kritisch aus, auch wenn es sich dabei um Spekulationen handelt und Stabilus zuletzt mit überzeugenden Quartalszahlen aufwarten konnte.
Nvidia schmiedet Finanzierungspaket über 500 Milliarden Dollar
Das dominierende Thema des Tages kam aus den USA: Nvidia hat gemeinsam mit sechs der größten Finanzhäuser der Wall Street ein Finanzierungspaket von über 500 Milliarden Dollar auf den Weg gebracht, das den Ausbau der globalen KI-Infrastruktur befeuern soll. Beteiligt sind Apollo, Blackstone, BlackRock, Brookfield, Goldman Sachs und KKR. Nachdem zunächst die Financial Times über die Gespräche berichtet hatte, gab die Nvidia-Aktie zwischenzeitlich um 2 Prozent nach.
Die genannten Finanzhäuser sollen die KI-Infrastruktur weitgehend eigenständig finanzieren und Kapital zu attraktiven Konditionen für Nvidia-Kunden bereitstellen. Das Geld stammt damit ausdrücklich von Dritten, nicht von Nvidia selbst – der Chipkonzern beziffert seinen eigenen möglichen Finanzierungsanteil auf bis zu 25 Prozent. Nvidia-Chef Jensen Huang beschrieb die Rolle des Unternehmens so, dass man einen großen Pool unabhängigen Kapitals freischalten wolle, ohne dabei das eigene Risiko zu erhöhen. Nvidia positioniert sich damit weniger als Kreditgeber, sondern als Vermittler zwischen Wall Street und den Bauherren von Rechenzentren.
Bemerkenswert ist der Finanzierungsmechanismus: Künftige Deals sollen Rechenleistung als Sicherheit nutzen – vergleichbar mit einer Hypothek, nur dass anstelle eines Hauses ein Lager voller KI-Chips als Pfand dient. Ein Teil läuft über private Platzierungen, ein Teil über Anleihen von Zweckgesellschaften, die Schulden im zweistelligen Milliardenbereich aufnehmen und die Rechenleistung an Nvidia-Kunden vermieten können. Goldman Sachs positioniert sich als führender Partner für die öffentlichen Anleihegeschäfte; die ersten Deals sollen in den kommenden Monaten an den Markt kommen.
Die Einordnung fällt zwiespältig aus. Auf der positiven Seite steht das Signal, dass der Kapitalmarkt in großem Umfang bereit ist, den KI-Ausbau zu finanzieren. BlackRock verweist auf eine mögliche hohe Kreditqualität künftiger Deals und attraktive Anleiherenditen für Investoren, Goldman Sachs spricht von einem gewaltigen Infrastrukturaufbau. Die weltweiten KI-Infrastrukturinvestitionen allein in diesem Jahr dürften die Marke von einer Billion Dollar überschreiten.
Kritischer zu bewerten ist, dass Nvidia bereits Geschäfte über hunderte Milliarden Dollar quer durch das gesamte KI-Ökosystem abgeschlossen hat. Das nährt die Sorge, dass der Konzern Nachfrage und Bewertung der Branche künstlich aufbläht, weil viele dieser Deals im Kreis laufen – die Grenze zwischen echter und finanzierter Nachfrage verschwimmt zunehmend. Hinzu kommt ein Risiko am Sicherheitenmodell selbst: Da KI-Chips als Pfand dienen, hängt viel vom Werterhalt dieser Halbleiter ab, die technologisch schnell veralten können.
Konkret steht Nvidia offenbar in Gesprächen, bis zu 250 Milliarden Dollar abzusichern, damit der KI-Entwickler OpenAI Rechenleistung aus einem Rechenzentrumsprojekt mit einer Kapazität von 10 Gigawatt anbieten kann, das eine Tochter des japanischen Technologiekonzerns Softbank errichten soll. Zusätzlich soll Nvidia in Verhandlungen stehen, Chipkäufe von OpenAI in Höhe von 350 Milliarden Dollar für dasselbe Projekt zu finanzieren. Diese Einzelvorhaben zeigen, dass ein erheblicher Teil des Gesamtvolumens auf einen einzigen Kunden entfällt.
Die Logik hinter dem Modell: Bislang mussten Cloud-Anbieter und KI-Start-ups die teuren Chips oft aus eigener Tasche bezahlen, was den Ausbau bremste, sobald die Mittel knapp wurden. Die Ratingagentur Moody’s hatte bereits gewarnt, dass das aktuelle Ausgabenniveau den freien Cashflow der Konzerne belastet. Können Nvidia-Kunden nun gegen ihre Hardware Kredite aufnehmen, statt im Voraus zu zahlen, können sie weiterbauen, ohne ihre Bilanzen übermäßig zu strapazieren – für Nvidia bedeutet das einen anhaltenden Absatzmotor. Der Konzern wandelt sich damit vom reinen Technologielieferanten zunehmend zum zentralen Finanzarchitekten der KI-Wirtschaft, was das Risikoprofil deutlich verschiebt: Solange Nachfrage und Chipwerte stabil bleiben, wirkt das Modell wachstumsbeschleunigend – kippt die Euphorie, könnte dieselbe Verschachtelung eine Abwärtsbewegung verstärken.
Berichtssaison bei Weltraumaktien: Licht und Schatten
Auch im Raumfahrtsektor stand ein ereignisreicher Handelstag an. Rocket Lab legte am Montagabend Zahlen zum zweiten Quartal vor. Der Umsatz kletterte um 62 Prozent gegenüber dem Vorjahr und lag über den Erwartungen, während unterm Strich ein Verlust von 8 Cent je Aktie ausgewiesen wurde – der Markt hatte lediglich mit 3 Cent Verlust gerechnet. Die Kursreaktion fiel entsprechend sprunghaft aus: Zunächst verlor die Aktie im nachbörslichen Handel über 6 Prozent, bevor sich eine Gegenbewegung einstellte und das Minus auf rund 2 Prozent verkürzt wurde.
Operative Kennzahlen fielen positiv aus: Der Auftragsbestand wuchs auf 2,36 Milliarden Dollar, erwartet worden waren 2,29 Milliarden. Die Bruttomarge lag bei 41,5 Prozent gegenüber einer Prognose von 38 Prozent. Für das dritte Quartal stellt Rocket Lab einen Umsatz zwischen 250 und 265 Millionen Dollar in Aussicht, ebenfalls über den Konsensschätzungen. In den vergangenen zwölf Monaten hat die Aktie fast 80 Prozent an Wert gewonnen, getragen von neuen Regierungsaufträgen – erst vergangene Woche kam ein Auftrag der US Space Force über fast 400 Millionen Dollar hinzu. Zudem strebt das Unternehmen über die geplante Übernahme des Satellitenbetreibers Iridium den Einstieg ins Geschäft mit wiederkehrenden Anwendungsumsätzen an. Analysten bleiben angesichts der neuen Trägerrakete „Neutron“, deren Erststart noch ausständig ist, vorsichtig.
Bei AST SpaceMobile, das Mobilfunk direkt vom Satelliten auf Handys bringen will, verfehlten die Zahlen die Erwartungen klar. Der Umsatz lag bei 31,5 Millionen Dollar unter den Prognosen, auch wenn er sich gegenüber dem Vorquartal mehr als verdoppelte. Der Verlust je Aktie fiel mit 77 Cent höher aus als erwartet. Trotzdem reagierte die Aktie nachbörslich mit einem Plus von gut 3 Prozent – das Management bestätigte seine Umsatzprognose von 150 bis 200 Millionen Dollar für das Gesamtjahr und peilt bis Anfang 2027 rund 45 Bluebird-Satelliten im Orbit an, aktuell sind es 13. Für Aufsehen sorgte zudem die vorläufige Auswahl für ein japanisches Regierungsprogramm mit einem Volumen von bis zu einer Milliarde Dollar an staatlichem Kapital, das gemeinsam mit dem Partner Rakuten umgesetzt werden soll und die Aktionäre nicht verwässern würde. Kapitalseitig hat sich das Unternehmen im Juli über eine Wandelanleihe 1,15 Milliarden Dollar gesichert und sitzt auf mehr als 3,7 Milliarden Dollar Cash.
Beim Börsen-Neuling SpaceX von Elon Musk setzte sich der seit vergangenem Freitag laufende Kursanstieg fort. Die Aktie überwand den einstigen IPO-Preis von 135 Dollar und schloss zuletzt bei fast 139 Dollar. Aus dem Analystenlager kommen inzwischen konstruktivere Einschätzungen, die die jüngste Bewegung als mögliche Bodenbildung einordnen.
SPACs: Comeback einer umstrittenen Anlageform
Ein weiteres Thema, das viele Anleger nicht auf dem Schirm haben dürften, ist die Wiederbelebung sogenannter SPACs – börsennotierte Firmenhüllen ohne eigenes Geschäft, die mit dem Zweck an die Börse gehen, ein echtes Unternehmen zu übernehmen und schnell aufs Parkett zu bringen. Im vergangenen Jahr gingen mehr als 140 solcher Mantelgesellschaften an die Börse, so viel wie seit 2021 nicht mehr. Allein im ersten Quartal dieses Jahres kamen 62 hinzu. Zum Vergleich: Anfang 2021 schnellte die Zahl auf fast 300 in einem einzigen Quartal, bevor der Markt danach über Jahre einbrach. Seit 2025 zeigt die Kurve wieder klar nach oben, zuletzt deutlich über die Marke von 50 SPACs pro Quartal – weit entfernt vom Rausch des Jahres 2021, aber mit klarer Richtung nach oben.
Als Beispiel dient die Fintech-App Dave, die 2022 über einen SPAC an die Börse ging – zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Der Kurs verlor in den folgenden zwölf Monaten 97 Prozent seines Werts, auch weil SPAC-Titel insgesamt bei Investoren in Ungnade fielen. Ein Jahr nach dem Börsengang musste Dave eine Aktienzusammenlegung im Verhältnis 1 zu 32 durchführen, um nicht von der Nasdaq zu fliegen. Danach gelang die Wende: Das Unternehmen wurde profitabel, steigerte den Umsatz um 40 Prozent und kletterte in diesem Jahr wieder über den ursprünglichen Ausgabepreis. Trotz eines Kursrückgangs nach den jüngsten Zahlen steht die Aktie im laufenden Jahr noch mit rund 65 Prozent im Plus, viele Analysten stufen sie als Kauf ein.
Dennoch bleibt die Geschichte eher eine Warnung: Selbst nach der Erholung hinkt die Dave-Aktie dem S&P 500 seit dem ersten Handelstag hinterher. Ursache ist die Konstruktion des SPAC-Deals: Ursprünglich waren 254 Millionen Dollar an Kapital vorgesehen, doch da Investoren der Mantelgesellschaft ihre Anteile vor dem Zusammenschluss zurückgeben dürfen, zogen im Fall von Dave 88 Prozent der Anleger ihr Geld ab. Übrig blieben weniger als 10 Millionen Dollar – dem frisch notierten Unternehmen fehlte von Anfang an das erwartete Kapital und eine breite institutionelle Basis.
Die Zahlen für das gesamte Segment sind ernüchternd: Rund 300 Unternehmen, die 2021 und 2022 über SPACs an die Börse gingen, verloren im Schnitt 64 Prozent im ersten Jahr und rund 70 Prozent über drei Jahre. Kritiker bemängeln, dass solche Vehikel oft darauf angelegt seien, frühe Investoren auf Kosten der breiten Öffentlichkeit zu bereichern. Der Fall Dave zeigt zwar, dass ein Unternehmen mit soliden Fundamentaldaten auch aus einer schwierigen SPAC-Konstruktion herausfinden kann – die Struktur allein trägt jedoch keine Aktie, entscheidend bleibt das zugrunde liegende Geschäft.
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