Rekordjagd am Aktienmarkt hält an
Der deutsche Leitindex hat am Mittwoch zum dritten Mal in Folge auf Intraday-Basis ein neues Allzeithoch erreicht. In der Spitze stieg der DAX auf knapp 26.574 Punkte, ehe er den Handelstag mit einem leichten Minus von 0,23 Prozent beendete. Von einer Ermüdung der Käufer ist trotz dieses kleinen Rücksetzers kaum auszugehen – eher handelt es sich um eine Verschnaufpause nach der jüngsten Rekordserie. Am Morgen präsentierte sich der Index wieder in freundlicher Verfassung und notierte klar über seiner 200-Tage-Linie, die bei rund 24.477 Punkten verläuft. Auch die relative Stärke bleibt im positiven Bereich, sodass das technische Gesamtbild weiterhin für einen intakten Bullenmarkt spricht. Ähnlich robust zeigten sich die US-Indizes, deren Futures am Morgen ebenfalls positiv tendierten.
Getrieben wurde die Stimmung von den am Vortag veröffentlichten US-Inflationsdaten. Die Teuerung legte im Juli um 3,4 Prozent zu und lag damit zwar weiterhin deutlich über dem Zielwert der US-Notenbank von 2 Prozent, fiel aber gegenüber dem Vormonat mit 3,5 Prozent leicht zurück. Die Kernrate kam bei 2,5 Prozent heraus und traf damit exakt die Erwartungen der Ökonomen. Die Kombination aus einer sich leicht abkühlenden Wirtschaft und nachlassendem Preisdruck lässt der US-Notenbank mehr Spielraum, die Zinsen vorerst nicht anzuheben. An den Terminmärkten sank die eingepreiste Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung im September auf rund 35 Prozent, nachdem sie vor wenigen Wochen noch bei etwa 50 Prozent gelegen hatte.
KI-Werte und Rüstungsaktien im Fokus
Kräftigen Rückenwind erhielt der Markt zudem vom KI-Thema, das nach Wochen kritischer Betrachtung wieder in den Vordergrund rückte. Mehrere Unternehmen aus diesem Bereich legten überzeugende Zahlen vor. Der Rechenzentrumsbetreiber CoreWeave und der Serverhersteller Supermicro sprangen jeweils um fast 20 Prozent nach oben, Nebius verzeichnete sogar ein Plus von 34 Prozent. Auffällig ist, dass die Gewinne diesmal vor allem bei Zulieferern und Infrastrukturanbietern anfielen – also bei Chip-, Server- und Rechenzentrumsherstellern. Die Fantasie strahlte auch auf Europa aus: Halbleiterwerte aus der zweiten Reihe wie Süss MicroTec und Siltronic legten jeweils über 5 Prozent zu, auch Siemens Energy setzte seine Erholung fort.
Auch die Rüstungsbranche stand im Rampenlicht. Der Marineschiffbauer TKMS aus dem MDAX gewann 8,5 Prozent, nachdem das Unternehmen seine Umsatzprognose deutlich angehoben hatte. Analysten halten es für möglich, dass demnächst auch die mittelfristigen Ziele nach oben korrigiert werden. Im Windkraftbereich zog der dänische Anlagenbauer Vestas mit einer angehobenen Jahresprognose den Konkurrenten Nordex mit nach oben. Auf der Verliererseite standen unter anderem E.ON sowie TUI, die ein Minus von rund einem Prozent verbuchte. Das Iran-Thema spielte an den Märkten aktuell keine akute Rolle mehr – Investoren reagieren offenbar zunehmend gelassener auf wiederkehrende geopolitische Schlagzeilen, solange keine konkreten Fakten vorliegen.
RWE gegen E.ON: Der Vergleich der Energieriesen
Im Zentrum der aktuellen Berichtssaison stehen die beiden deutschen Energiekonzerne RWE und E.ON, die beide ihre Halbjahreszahlen vorgelegt haben – E.ON bereits am Vortag, RWE bestätigte am Morgen seine vorläufigen Ergebnisse. Während RWE für seine Zahlen gefeiert wurde, geriet E.ON unter Druck. Beide Aktien notierten zuletzt in einem freundlichen Gesamtumfeld mit leichten Zugewinnen, doch die mittel- bis längerfristige Tendenz unterscheidet sich deutlich.
Auf den ersten Blick ist E.ON der größere Konzern: Das bereinigte EBITDA lag im ersten Halbjahr bei 5,4 Milliarden Euro, während RWE 3 Milliarden Euro auswies. An der Börse zählt jedoch weniger die aktuelle Größe als die Wachstumsdynamik – und hier dreht sich das Bild. Die beiden Konzerne haben sich die Energiewelt längst aufgeteilt: RWE ist der Erzeuger, der Windparks an Land und auf See, Solaranlagen, Batteriespeicher sowie flexible Kraftwerke betreibt. Das Ergebnis hängt direkt an Strompreisen, Wetterbedingungen und dem Erfolg großer Investitionsprojekte – ein chancenreiches, aber schwankungsanfälliges Geschäft. E.ON dagegen ist der größte Netzbetreiber Europas und verdient sein Geld überwiegend mit dem Transport und der Verteilung von Strom sowie dem Endkundengeschäft. Da das Netzgeschäft stark reguliert ist, sind die Erträge planbar und stabil – E.ON gilt damit als das deutlich defensivere Investment.
RWE konnte die Anleger mit starken Zahlen überzeugen: Das bereinigte operative Ergebnis stieg im ersten Halbjahr um 41 Prozent auf gut 3 Milliarden Euro, das bereinigte Nettoergebnis kletterte um 62 Prozent auf 1,26 Milliarden Euro. Getragen wurde dies vor allem von Wind an Land, Solar sowie dem Energiehandel und der flexiblen Erzeugung. Allerdings ist ein Teil des Gewinnsprungs auf Sondereffekte zurückzuführen, darunter eine Entschädigungszahlung des niederländischen Staates – solche Einmaleffekte dürften Analysten in den kommenden Monaten kritisch begleiten. Im Offshore-Windgeschäft stieg das bereinigte EBITDA auf 810 Millionen Euro, im Bereich Wind an Land und Solar auf gut eine Milliarde Euro, in der flexiblen Erzeugung auf rund eine Milliarde Euro. Selbst der zu Jahresbeginn schwache Energiehandel erholte sich im zweiten Quartal deutlich.
Zusätzlichen Rückenwind lieferte der angehobene Ausblick: Für das laufende Jahr erwartet RWE ein bereinigtes EBITDA zwischen 5,75 und 6,35 Milliarden Euro, für das kommende Jahr zwischen 6,7 und 7,3 Milliarden Euro. Das Management treibt den Ausbau von Wind, Photovoltaik und Speichern voran und stärkt durch eine aufgestockte Beteiligung am Übertragungsnetzbetreiber Amprion zugleich seine Position im regulierten Geschäft – eine Annäherung an das Geschäftsmodell von E.ON.
Bei E.ON fiel die Reaktion an der Börse trotz solider Zahlen negativ aus. Das bereinigte EBITDA stieg leicht auf 5,4 Milliarden Euro und lag damit über den Erwartungen, der bereinigte Überschuss legte um 5 Prozent auf 1,92 Milliarden Euro zu. Wichtigster Ergebnistreiber war das Netzgeschäft mit 3,8 Milliarden Euro. Der Ausblick für das Gesamtjahr wurde mit 9,4 bis 9,6 Milliarden Euro bestätigt – der Markt hatte sich offenbar mehr erhofft, zumal RWE seine Prognose kräftig anhob. Zusätzlich belastete, dass E.ON im ersten Halbjahr rund 7 Prozent weniger investierte als im Vorjahr – nur etwa 3 Milliarden Euro, begründet mit witterungsbedingten Verzögerungen. Da bei einem Netzbetreiber Investitionen die Basis für künftiges regulatorisch vergütetes Wachstum bilden, wird dies als Bremse für die kommenden Jahre gewertet.
Auch charttechnisch zeigt sich die Divergenz: RWE befindet sich seit Monaten in einem Aufwärtstrend, auch wenn die vergangenen zwei Monate eher seitwärts verliefen, und notiert über den wichtigen gleitenden Durchschnitten. Bei E.ON setzte nach einer Aufwärtsbewegung zu Jahresbeginn eine noch nicht aufgelöste Korrekturphase ein; nach einem gescheiterten Ausbruchsversuch fiel der Kurs wieder unter wichtige gleitende Durchschnitte, was durch den Kursrückgang am Vortag noch verstärkt wurde.
Bei der Bewertung zeigt sich ein differenziertes Bild: E.ON ist mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 21 kein Schnäppchen, bietet dafür aber eine Dividendenrendite von über 3 Prozent und ein planbares Geschäftsmodell, das in unruhigeren Marktphasen als sicherer Hafen dienen könnte. Unter Analysten ist die Einschätzung zu E.ON gespalten – die eine Hälfte sieht die Aktie als Halte- bis Kaufkandidaten, andere erwarten eine fortgesetzte Underperformance. RWE gilt dagegen deutlicher als Chancenwert für Anleger, die auf steigende Strompreise, den Ausbau erneuerbarer Energien und den wachsenden Strombedarf durch KI-Rechenzentren setzen – allerdings mit dem Risiko schwankender Ergebnisse, genehmigungsabhängiger Projekte und eines Anteils an Sondereffekten im ausgewiesenen Gewinn.
Gold legt kräftig zu, Notenbanken und ETFs kaufen
Am Goldmarkt ist nach Monaten relativer Ruhe wieder Bewegung eingekehrt. Seit gut einer Woche zeigen die Notierungen nach oben. Das entspricht einem Wochengewinn von rund 7 Prozent – dem größten seit Ende Januar. Für den Anstieg sorgen mehrere Faktoren gleichzeitig: Große Gold-ETFs bauen ihre Bestände wieder auf, die seit dem 20. Juli um 24 Tonnen gestiegen sind. Gleichzeitig erhöhen Notenbanken ihre Käufe, allen voran die chinesische Zentralbank. Hinzu kommt das makroökonomische Umfeld: Die rückläufige US-Inflation und ein schwächerer Arbeitsmarkt haben den Druck auf die US-Notenbank für schnelle Zinserhöhungen genommen, was Gold als zinsloses Anlagegut attraktiver macht. Auch der ungelöste Konflikt im Nahen Osten stützt die Nachfrage nach dem Edelmetall. Sollten die Anleiherenditen anziehen oder der Dollar an Stärke gewinnen, könnte die Rally schnell wieder abbrechen.
Kryptomarkt: Gute Nachrichten, aber stockende Kurse
Am Kryptomarkt zeigt sich derzeit ein Paradox: Trotz überwiegend positiver Nachrichtenlage kommen die Kurse kaum vom Fleck. Bitcoin bewegt sich weiterhin unterhalb der Marke von 64.000 Dollar und schafft es nicht, sich von seinen wichtigen gleitenden Durchschnittslinien zu lösen – obwohl der jüngste US-Inflationsbericht eigentlich Rückenwind hätte liefern können. Der sogenannte „Clarity Act“, von dem sich viele Marktteilnehmer einen Schub erhofft hatten, wurde auf September verschoben.
Auch XRP steht unter Druck und ist gefallen, ausgelöst durch einen Hackerangriff, bei dem rund 200.000 XRP entwendet wurden. Bemerkenswert ist allerdings, dass die Zahl der großen Wallets mit mindestens einer Million XRP trotz des Kursrückgangs gestiegen ist und die Netzwerkaktivität seit Anfang August zugenommen hat – ein Hinweis darauf, dass größere Halter die Schwächephase zum Aufbau ihrer Positionen nutzen könnten. Am morgigen 14. August tagt die US-Börsenaufsicht SEC zu einem möglichen neuen regulatorischen Rahmen für Kryptoanlagen. Manche Marktteilnehmer erhoffen sich davon einen Wendepunkt, wobei zunächst lediglich mit einem Vorschlag zu rechnen ist.
Unterdessen hat die russische Zentralbank Bitcoin, Ethereum und den Stablecoin USDT für den Börsenhandel zugelassen, allerdings mit Beschränkungen für Kleinanleger. Ob dies die Nachfrage tatsächlich ankurbelt, bleibt abzuwarten.
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