DAX auf Rekordkurs, IBM nach dem Crash und die stille Wette auf Quantinuum – plus die unterschätzten Gewinner des KI-Booms

DAX erreicht neue Höchststände, während IBM nach historischem Einbruch kämpft. Nebenbei entdecken Investoren unauffällige KI-Zulieferer als Alternative.

Auf einen Blick:
  • DAX erreicht neues Rekordhoch
  • IBM erleidet schwersten Kurssturz
  • Quantinuum trotz Milliardenbewertung defizitär
  • KI-Zulieferer als heimliche Gewinner

DAX klettert weiter, Wall Street bangt vor Inflationsdaten

Der DAX schreibt derzeit fast im Wochentakt neue Bestmarken. Nach dem Sprung über die 26.000-Punkte-Marke folgte zuletzt erstmals der Ausbruch über 26.500 Zähler. Am Ende des Handelstages dippte der Index wieder leicht ab und schloss bei 26.391 Punkten, ein Tagesplus von 0,26 Prozent. Bemerkenswert ist dabei weniger die genaue Schlussnotiz als der Kontext: Der Rekordlauf findet inmitten des weiter schwelenden Nahost-Konflikts zwischen den USA und dem Iran sowie bei Energiepreisen statt, die deutlich über dem langjährigen Durchschnitt liegen.

Auslöser für den jüngsten Kursanstieg war eine Aussage des pakistanischen Verteidigungsministers, wonach die Signale der vergangenen Tage auf eine mögliche Einigung zwischen den USA und dem Iran hindeuteten – eine Meldung, die mit Vorsicht zu genießen ist, da ähnliche Signale in den vergangenen Wochen bereits mehrfach aufgetaucht sind, ohne sich zu bestätigen. Dennoch zeigt sich der deutsche Aktienmarkt robust: Gute Gewinnentwicklungen in der laufenden Berichtssaison, moderate Bewertungen und eine insgesamt noch zurückhaltende Anlegerstimmung sprechen für weiterhin konstruktive Rahmenbedingungen. Da noch immer viele Anleger der Rallye misstrauen und Liquidität an der Seitenlinie parken, besteht grundsätzlich noch Aufwärtspotenzial.

Gefragt waren zuletzt vor allem Aktien mit KI-Fantasie. Größter Gewinner im DAX war Siemens Energy mit einem Plus von 2,6 Prozent, im MDAX legten die Halbleiterausrüster Süss MicroTec, Siltronic und Aixtron zu, ebenso PVA Tepla im SDAX. Auf der Verliererseite standen Adidas und Puma mit Abschlägen von rund 3 beziehungsweise rund 2 Prozent, nachdem der Schweizer Sneakerhersteller On Holding schwache Erlöse gemeldet und sein Umsatzziel für das laufende Jahr gekappt hatte.

An der Wall Street hielt sich die positive Stimmung nicht lange: Der Dow Jones gab um 0,34 Prozent nach, der S&P 500 verlor 0,32 Prozent. Nach einer vorangegangenen Rallye mit Ausbruch aus einer Seitwärtsspanne zwischen rund 7.300 und 7.600 Punkten zeigt der Index nun eine leichte Konsolidierung, die durchaus als Bestätigung des Ausbruchs gewertet werden könnte. Im Fokus steht heute Nachmittag um 14:30 Uhr die Veröffentlichung der US-Verbraucherpreise für Juli. Erwartet wird ein leichter Rückgang der Inflationsrate auf 3,4 Prozent. Wegen zuletzt wieder gestiegener Ölpreise wächst allerdings die Sorge, dass die Teuerung erneut anziehen könnte. Fällt die Zahl höher aus als erwartet, dürften Spekulationen über schneller steigende Zinsen der US-Notenbank neu aufflammen – ein Szenario, das insbesondere für hochbewertete Technologiewerte belastend wäre.

IBM: Der schwerste Crash der Firmengeschichte und die Frage nach der Zukunft

Im Zentrum der aktuellen Marktdiskussion stehen zwei Technologiewerte mit sehr unterschiedlicher Historie, aber einem gemeinsamen Nenner: dem Zukunftsthema Quantencomputing. Der 114 Jahre alte Technologiekonzern IBM erlebte am 14. Juli den heftigsten Kursabsturz seiner Geschichte – die Aktie brach um 25 Prozent ein. Grund war allerdings keine Gewinnwarnung im klassischen Sinne: Der Umsatz im zweiten Quartal stieg um rund ein Prozent auf etwa 17,2 Milliarden Dollar, der Gewinn je Aktie legte um rund 5 Prozent zu. Für einen Konzern dieser Größe wären das an sich solide Werte gewesen.

Das Problem lag in der Erwartungshaltung: IBM war für das Gesamtjahr von einem Umsatzwachstum von über 5 Prozent ausgegangen, im ersten Quartal hatte der Umsatz noch um 9 Prozent zugelegt. Der abrupte Bruch auf nur noch 1 Prozent Wachstum im zweiten Quartal löste die Verkaufswelle aus. Der Finanzchef erklärte, viele Kunden hätten ihre Budgets kurzfristig von Großrechnern hin zu Servern und Speichern umgeleitet, um sich vor möglichen Preissteigerungen abzusichern. Konzernchef Arvind Krishna räumte dabei offen einen Fehler in der eigenen Ausführung ein.

Entscheidend ist nun, ob die verschobenen Aufträge zurückkommen. Laut Vorstand wurde von den betroffenen Großaufträgen im niedrigen zweistelligen Millionenbereich bereits ein Drittel in den ersten drei Wochen nach Quartalsende abgeschlossen – üblich wären eher zwei Drittel bis drei Viertel über einen Zeitraum von sechs Monaten. Das deutet eher auf ein Timing-Problem als auf einen dauerhaften Geschäftsverlust hin.

Zudem blieb ein wesentlicher Teil des Geschäfts von der Entwicklung unberührt: Rund 80 Prozent des Software-Umsatzes bei IBM sind wiederkehrend und basieren auf Abonnement- und Nutzungsmodellen, die von kurzfristigen Investitionsentscheidungen der Kunden unabhängig sind. Auch das Großrechnergeschäft zeigt sich stabil: 45 der 50 größten Banken weltweit setzen IBM-Großrechner ein, mehr als 70 Prozent des weltweiten Transaktionsvolumens laufen über das Modell IBM Z. Die neueste Generation Z17 verzeichnet nach Unternehmensangaben den besten Nachfragezyklus ihrer Geschichte mit einer Nutzung von nahezu 130 Prozent im Vergleich zur Vorgängergeneration.

Im Zukunftsfeld Quantencomputing hat sich IBM eine führende Position erarbeitet. Der Konzern schloss mit dem US-Handelsministerium eine Absichtserklärung zum Bau der weltweit ersten reinen Quantenfertigungsstätte, unterstützt mit einer Milliarde Dollar staatlicher Förderung und einer weiteren Milliarde Dollar aus eigenen Mitteln. Zusätzlich kündigte IBM an, in den kommenden fünf Jahren mehr als 10 Milliarden Dollar in Quantencomputing zu investieren. Der Fahrplan sieht für 2029 ein System namens Starling vor, das nach Unternehmensangaben der weltweit erste großskalige, fehlertolerante Quantencomputer werden soll. Erst vor wenigen Tagen meldete IBM zudem konkrete Fortschritte aus drei wissenschaftlichen Kooperationen.

Auch im KI-Bereich bleibt IBM aktiv: Erst kürzlich wurde eine mehrjährige Vereinbarung über 240 Millionen Dollar mit dem KI-Startup Together AI bekannt. Dafür baut IBM in seiner Cloud einen Rechencluster mit modernen Nvidia-Systemen auf, der ab dem ersten Quartal 2027 verfügbar sein soll.

Charttechnisch besteht nach dem Kurseinbruch noch eine Lücke bis rund 290 Dollar, die es zu schließen gilt. Fundamental unternimmt IBM allerdings einiges, um diese Lücke zu rechtfertigen – der Konzern gilt in der aktuellen Einschätzung als eine der wenigen Möglichkeiten, an den Themen Quantencomputing, IT und Künstliche Intelligenz gleichzeitig zu partizipieren.

Quantinuum: Milliardenbewertung für ein Unternehmen mit Millionenumsatz

Einen deutlichen Kontrast zu IBM bildet Quantinuum, ein Unternehmen aus dem Umfeld von Honeywell, das erst am 4. Juni an die Börse ging. Gestern legte das Unternehmen nach Börsenschluss die erste Quartalsbilanz als börsennotiertes Unternehmen vor. Der Umsatz im zweiten Quartal wuchs um fast 280 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 8 Millionen Dollar und lag damit über den Analystenschätzungen von 7,6 Millionen Dollar. Gleichzeitig weiteten sich die operativen Verluste von 51 Millionen Dollar im Vorjahr auf 555 Millionen Dollar aus. Ein großer Teil davon entfällt auf einmalige Kosten im Zusammenhang mit dem Börsengang sowie auf hohe Aufwendungen für aktienbasierte Vergütungen. Der bereinigte Verlust je Aktie lag bei 28 Cent und damit nahe den Erwartungen.

Erstmals gab Quantinuum eine offizielle Jahresprognose für 2026 ab: Der Umsatz soll zwischen 28 und 32 Millionen Dollar liegen, für das Folgejahr wird ein Wachstum von mehr als 100 Prozent in Aussicht gestellt. Hinzu kam die Ankündigung einer Partnerschaft mit Oracle: Der Cloud-Konzern will Quantinuums leistungsstärksten Quantencomputer namens Helios direkt in seinen Rechenzentren einsetzen, um Quanten- und klassische Rechenleistung zu verbinden. Es handelt sich um einen mehrjährigen Systemverkauf, bei dem der Großteil des Umsatzes erst mit künftigen Auslieferungen anfällt.

Die Bewertung des Unternehmens bleibt der eigentliche Diskussionspunkt: Im vergangenen Jahr erzielte Quantinuum knapp 31 Millionen Dollar Umsatz, der aktuelle Unternehmenswert liegt jedoch bei rund 24 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Der Wettbewerber IonQ wird mit rund 25 Milliarden Dollar bewertet, bei einer Umsatzprognose zwischen 260 und 270 Millionen Dollar – also einem deutlich höheren Umsatzniveau.

Für die hohe Bewertung sprechen aus Sicht von Beobachtern mehrere Faktoren: Quantinuum liefert bereits echte Systeme aus, kontrolliert sowohl Hardware als auch Software und wird sowohl staatlich als auch unternehmerisch unterstützt. Nach dem Börsengang verfügt das Unternehmen über einen Barbestand von rund 2,1 Milliarden Dollar, der nach Einschätzung von Marktbeobachtern für etwa fünf Jahre Finanzierung des Fahrplans ausreichen dürfte. Zudem existiert eine Absichtserklärung mit dem US-Handelsministerium über eine Förderung von mehr als 100 Millionen Dollar im Austausch für eine direkte staatliche Beteiligung.

Risiken bleiben jedoch erheblich: Verzögerungen bei geplanten Systemen für 2027 und einem weiteren Projekt namens Apollo für 2029 könnten den operativen Wendepunkt weiter hinausschieben. Auch die Kundenkonzentration ist hoch – im ersten Quartal entfielen 47 Prozent des Umsatzes auf einen einzigen Kunden, im Vorjahresquartal sogar 90 Prozent. Das Management selbst rechnet mit erheblichen Schwankungen in den kommenden Quartalen. Anleger, die in Quantinuum investieren, zahlen damit letztlich nicht für das aktuelle Geschäft, sondern für die Erwartung, dass das Unternehmen zu den wenigen großen Gewinnern einer Technologie zählen könnte, die frühestens gegen Ende des Jahrzehnts kommerziell durchstarten dürfte.

Vakuumpumpen, Wärmetauscher, Spezialgase: Die unauffälligen Profiteure des KI-Booms

Abseits der bekannten Chip-Werte richten mehrere große Investmentbanken den Blick zunehmend auf eine weniger beachtete Ebene der KI-Wertschöpfungskette: europäische Hersteller von Vakuumpumpen, Wärmetauschern und Spezialgasen. Ein Analyst der Bank Barclays brachte die Logik dahinter auf den Punkt: Nach den jüngsten Rückschlägen bei klassischen KI-Aktien suchen viele Investoren nach Alternativen zu den bereits stark gelaufenen und mittlerweile teuer bewerteten Chip-Herstellern und -Ausrüstern.

Ein Beispiel ist der schwedische Industriekonzern Atlas Copco, dessen Vakuumtechnik-Sparte Pumpen und Abgasbehandlungssysteme für die Chip-Herstellung liefert. Nach rückläufigen Umsätzen im vergangenen Jahr sollen die Erlöse dieser Sparte in diesem Jahr um 19 Prozent steigen und damit stärker wachsen als jeder andere Unternehmensbereich. Hintergrund ist der Bedarf an hochreinen Vakuumumgebungen bei der Halbleiterfertigung, der mit steigender Chip-Produktion zunimmt.

Ein ähnliches Bild zeigt sich beim ebenfalls schwedischen Konzern Alfa Laval, dessen Energiesparte Flüssigkeitskühlsysteme und Wärmetauscher für Rechenzentren liefert und in diesem Jahr zum wichtigsten Wachstumstreiber des Gesamtkonzerns werden soll. Hintergrund ist die zunehmende Bedeutung von Flüssigkeitskühlung, da klassische Luftkühlung bei modernen KI-Rechenzentren an ihre Grenzen stößt. Ein ähnliches Thema spielt beim Schweizer Hersteller Belimo eine Rolle, der Ventile für entsprechende Kühlsysteme produziert.

Als drittes Beispiel wurde der französische Gasekonzern Air Liquide genannt, dessen Elektroniksparte Industriegase für die Halbleiterfertigung liefert und in diesem Jahr zur stärksten Sparte des Konzerns werden soll. Nach Analysteneinschätzungen entfallen rund 40 Prozent des Auftragsbestands von Air Liquide auf KI-nahe Bereiche. Der Konzern hat allein mehr als 170 Millionen Dollar investiert, um eine Halbleiterfabrik von SK Hynix im US-Bundesstaat Indiana zu beliefern.

Gemeinsam ist diesen Unternehmen, dass ihre KI-nahen Sparten aktuell die dynamischste Entwicklung im jeweiligen Konzern zeigen, während sie zugleich Zugang zu einem breiteren industriellen Endmarkt bieten, der sich teilweise noch am Boden des Konjunkturzyklus befindet. Dadurch verbinden diese Werte KI-Fantasie mit dem Potenzial einer allgemeinen Industrieerholung und bieten gleichzeitig eine gewisse Diversifizierung gegenüber reinen KI-Werten. Die spannendsten Anlagechancen im aktuellen Technologiezyklus liegen damit nicht ausschließlich bei den bekannten Chip-Herstellern, sondern teilweise auch bei Zulieferern und Ausrüstern in der zweiten und dritten Reihe.

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