Manchmal passieren zwei gegensätzliche Dinge gleichzeitig, und genau das macht D-Wave Quantum gerade so interessant. Am Freitag, dem Tag nach der Meldung, lässt sich die Geschichte so zusammenfassen: Washington glaubt an die Firma – genug, um Geld zu geben. Der Markt ist skeptischer.
Am Donnerstag hat D-Wave Quantum einen Definitivvertrag mit dem US-Handelsministerium unterzeichnet: bis zu 100 Millionen US-Dollar aus dem CHIPS Act, gedacht für den Aufbau eines 100.000-Qubit-Annealing-Systems und eines 10.000-Qubit-Gate-Modells mit angepeilten 100 logischen Qubits.
D-Wave ist eines von neun Quantenunternehmen, die aus einem Gesamttopf von gut zwei Milliarden Dollar bedient werden. Im Gegenzug erhält die US-Regierung eine Minderheitsbeteiligung – ohne operative Kontrolle, aber eben auch ohne Bescheidenheit: Der Staat wird Aktionär eines Unternehmens, das er zugleich fördern will.
Parallel dazu reichte D-Wave einen Prospektnachtrag ein, der den Weiterverkauf von 7.095.721 Stammaktien durch genau dieses Handelsministerium ermöglicht. Das klingt bürokratischer, als es ist – im Kern bedeutet es: Die frisch erworbenen Regierungsanteile bekommen eine Verkaufsoption.
D-Wave selbst verdient daran nichts, es fließen keine Erlöse ins Unternehmen. Doch das Signal ist unübersehbar: Die Regierung sichert sich schon jetzt die Möglichkeit, ihre neue Beteiligung wieder zu Geld zu machen. Wer als Kleinanleger auf Verwässerung durch immer neue Aktienpakete reagiert, wird auch hier aufmerken.
Ein Fördertopf für drei Konkurrenten
Das Interessante an dieser Geschichte ist, dass sie nicht exklusiv ist. Rigetti Computing und Quantinuum haben denselben Deal bekommen, jeweils bis zu 100 Millionen Dollar, zusammen rund 300 Millionen.
Bei Rigetti fließt das Geld über fünf Jahre gestaffelt aus, mit Meilenstein-Tranchen von 43,9, dann 29,9 und 26,2 Millionen Dollar. Auch dort erhält der Staat Aktien als Gegenwert – konkret 7.739.938 Stück zu 12,92 Dollar.
Der Punkt ist: Washington wettet nicht auf einen Gewinner, sondern streut sein Kapital über das gesamte Quantenfeld. Das ist im Kern eine industriepolitische Entscheidung, keine Einzelanalyse eines Unternehmenswerts. Wer D-Wave als bevorzugten Champion lesen wollte, muss sich korrigieren: Der Staat behandelt D-Wave, Rigetti und Quantinuum als gleichberechtigte Wetten in einem größeren Portfolio.
Rechtsrisiken trüben das Förderbild
Während die Förderzusage nach vorne weist, ziehen aus der Vergangenheit dunkle Wolken auf. Die Kanzlei Kessler Topaz Meltzer & Check untersucht D-Wave wegen möglicher Verstöße gegen Bundeswertpapiergesetze.
Anlass sind der überraschend schwache Umsatz im zweiten Quartal von nur 3,08 Millionen Dollar gegenüber einer Analystenerwartung von gut vier Millionen, dazu der Rücktritt des CFO zum 2. September. Die Aktie war daraufhin an zwei Handelstagen im August jeweils um mehr als neun Prozent eingebrochen.
Diese Gemengelage erklärt, warum die Kursreaktion auf die eigentlich positive Fördermeldung so verhalten ausfiel. Der Titel gab am Donnerstag rund 2,1 Prozent nach und schloss bei 14,41 Euro – kaum die Jubelreaktion, die man bei einer Zusage über 100 Millionen Dollar erwarten würde.
Das Papier notiert damit rund 64 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von Mitte Oktober, während der jüngste Rutsch der vergangenen 30 Tage bereits ein Fünftel des Werts gekostet hat.
Zwischen Fördergeld und Fundamentaldaten
Bewertungsanalysten mahnen zusätzlich zur Vorsicht: D-Wave handelt mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis, das deutlich über dem Softwaresektor-Durchschnitt liegt, während nur eine von sechs gängigen Bewertungskennzahlen als günstig gilt. Die CHIPS-Förderung stützt zwar die Bilanz strukturell, ändert aber nichts an den laufenden Rechtsuntersuchungen.
Genau darin liegt die eigentliche Frage dieses Herbstes: Kann staatliches Fördergeld ein Vertrauensproblem lösen, das aus schwachen Quartalszahlen und einem CFO-Abgang entstanden ist? Die Antwort der Anleger fällt bislang nüchtern aus. Washington zahlt für die Zukunft der Quantentechnologie – ob das reicht, um die Zweifel an der Gegenwart von D-Wave zu zerstreuen, bleibt eine offene Rechnung.
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