Ein CFO-Wechsel allein sollte eine Aktie nicht in die Knie zwingen. Bei D-Wave Quantum aber hat die Ankündigung, dass John Markovich sein Amt am 2. September niederlegt, genau das ausgelöst – und für mich zeigt die Heftigkeit der Reaktion mehr über die Nervosität der Anleger als über das Ereignis selbst.
Markovich war fünf Jahre im Amt, hat D-Wave 2022 an die Börse gebracht und maßgeblich dazu beigetragen, mehr als 900 Millionen Dollar an Kapital einzusammeln. Das Unternehmen betont ausdrücklich, sein Abgang habe nichts mit Meinungsverschiedenheiten über Geschäftsführung, Bilanzierung oder interne Kontrollen zu tun.
Nachfolgerin auf Zeit ist Greg Golkov, seit Mai 2023 Senior Vice President Finance, der nun als amtierender CFO und Principal Financial and Accounting Officer fungiert. Ergänzend berief D-Wave Kevan P. Krysler, CFO des privaten Robotik- und KI-Unternehmens Carbon Robotics, in den Vorstand und Audit Committee. Das klingt nach einem geordneten Übergang, nicht nach einer Krise.
Warum der Markt trotzdem verkauft hat
Die Aktie büßte allein am 26. August rund 8,73 Prozent ein und trug damit maßgeblich zum Wochenverlust von 13 Prozent bei. Aktuell notiert das Papier bei 15,21 Euro, nur noch 37 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 11,12 Euro, das erst Ende März markiert wurde. Für mich spricht diese Nähe zum Jahrestief dafür, dass der Markt den CFO-Wechsel weniger als Personalie liest, sondern als Symptom einer Aktie, die ohnehin unter Vertrauensdruck steht.
Denn der Kontext, in dem die Personalie fällt, ist unbequem: D-Wave hatte am 6. August Zahlen zum zweiten Quartal vorgelegt, die den Konsens verfehlten. Der Umsatz blieb mit 3,08 Millionen Dollar praktisch auf Vorjahresniveau (3,10 Millionen Dollar) und lag deutlich unter der Schätzung von rund 4,03 Millionen Dollar.
Der bereinigte Verlust je Aktie fiel mit 0,10 Dollar etwas höher aus als die erwarteten 0,09 Dollar. Wer knapp zwei Wochen später den Finanzchef verlässt, der genau diese enttäuschenden Zahlen mitverantwortet hat, löst eben Fragen aus – selbst wenn das Unternehmen jede Verbindung dementiert.
Die Kontrastgeschichte: operative Fortschritte trotz Umsatzschwäche
Was diese Geschichte für mich nicht eindimensional macht, ist die operative Seite. Die Buchungen im zweiten Quartal stiegen um 59 Prozent im Jahresvergleich auf 2,1 Millionen Dollar, im ersten Halbjahr summierten sie sich auf 35,5 Millionen Dollar – ein Plus von mehr als 1.120 Prozent. Das ist eine gewaltige Diskrepanz zwischen Auftragseingang und tatsächlich verbuchtem Umsatz, die zeigt: D-Wave gewinnt Aufträge, aber die Monetarisierung hinkt spürbar hinterher.
Auch auf der technologischen Seite gibt es reale Fortschritte. NTT DOCOMO hat Mitte August eine zweite D-Wave-gestützte Quantenanwendung in Produktion gebracht, die tägliche Spitzensignale beim Wechsel von Tracking-Area-Grenzen um 65,3 Prozent reduziert und zusätzlich das Paging-Signalaufkommen um 7,0 Prozent senkt. Das ist keine Laborstudie, sondern produktiver Netzbetrieb bei einem der größten Telekom-Konzerne der Welt.
Ergänzt wird das durch eine Förderung von 300.000 kanadischen Dollar vom National Research Council of Canada für die Weiterentwicklung von Graph-Embedding-Algorithmen, die in D-Waves Ocean-SDK einfließen sollen.
Mein Fazit
Für mich ergibt sich daraus ein zwiegespaltenes Bild: Auf der Produktseite liefert D-Wave reale, kommerziell nutzbare Ergebnisse bei Partnern wie NTT DOCOMO, und das Buchungswachstum ist beeindruckend. Auf der Finanzseite aber bleibt die Umsetzung in Umsatz schwach, und ausgerechnet in dieser Phase verlässt der Finanzchef, der das Unternehmen an die Börse gebracht hat, seinen Posten.
Die Kursreaktion wirkt für mich weniger wie Panik über eine einzelne Personalentscheidung, sondern wie eine überfällige Neubewertung der Frage, ob operative Fortschritte am Ende auch bilanziell ankommen. Bis Golkov oder ein fest berufener Nachfolger diese Frage mit Zahlen beantworten, dürfte die Aktie volatil bleiben.
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