Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
vierzehn Prozent an einem einzigen Handelstag. So stark stieg die Aktie von CrowdStrike am Montag, dem 14. September. Palo Alto Networks legte am selben Tag um gut 13 Prozent zu. Für zwei Konzerne mit einem Börsenwert von jeweils mehr als 200 Milliarden Dollar sind solche Sprünge außergewöhnlich.
Neue Quartalszahlen gab es an diesem Tag keine. Anleger schichteten ihr Geld aber breit in Cybersecurity-Werte um. Dahinter steht eine Einsicht, die sich an der Wall Street gerade durchsetzt. Künstliche Intelligenz schafft neue Risiken, und wer diese Risiken beherrscht, verdient daran.
Agentic AI: Digitale Mitarbeiter mit Generalschlüssel
Die neue Generation der KI arbeitet selbstständig. Sogenannte KI-Agenten, im Fachjargon Agentic AI, erledigen ganze Aufgabenketten ohne menschliches Zutun. Sie greifen auf Unternehmenssysteme zu, lesen vertrauliche Daten und treffen Entscheidungen. Das alles geschieht in Maschinengeschwindigkeit, oft ohne dass ein Mensch jeden Schritt prüft.
Ein solcher Agent gleicht einem neuen Mitarbeiter. Er bekommt am ersten Tag Zugang zu Kundendaten, Buchhaltung und E-Mail-Postfächern. Er arbeitet rund um die Uhr und erledigt in Minuten, wofür ein Team Tage braucht. Bei einem menschlichen Neuzugang würde jede Firma genau prüfen, wer da ins Haus kommt. Bei Software-Agenten fehlt diese Kontrolle häufig noch.
Daraus entstehen neue Angriffsflächen. Wer die Identität eines Agenten kapert, erhält dessen Rechte. Mit sogenannter Prompt Injection lassen sich Agenten durch manipulierte Texte zu Handlungen verleiten, die niemand beabsichtigt hat. Hinzu kommen Fragen der Modellsteuerung und des Datenschutzes. Die Grenze eines Unternehmensnetzes verläuft heute überall dort, wo Daten fließen.
Cybersecurity wird zum Pflichtposten im Budget
Für die Branche hat diese Entwicklung eine wichtige Folge. IT-Sicherheit wuchs historisch im Gleichschritt mit der Unternehmens-IT. Mit jedem KI-Agenten, jeder neuen Anwendung und jeder zusätzlichen digitalen Identität wächst nun die Fläche, die geschützt werden muss. Marktbeobachter sprechen deshalb von einem strukturellen Ausgabenposten.
Sicherheitsbudgets hängen immer stärker am Schutz des laufenden Betriebs. In schwierigen Jahren streicht ein Vorstand solche Posten deutlich seltener als Ausgaben für neue Software. Ein Marktbeobachter formulierte es so: Die Nachfrage nach Cybersecurity dürfte stabil bleiben, ganz gleich wie schnell die großen KI-Modelle vorankommen. Das nimmt der Branche einen Teil des üblichen Konjunkturrisikos.
Auch die Politik reagiert. Nach Medienberichten erwägt das Weiße Haus eine Verfügung für ein staatliches Förderprogramm. Das Büro des Nationalen Cyber-Direktors soll eine Art Brutstätte für Cyber-Forschung schaffen. Daraus könnten Start-ups entstehen, deren Plattformen später die Regierung nutzt. Wagniskapitalgeber sollen sich beteiligen.
Das Vorbild ist Israel. Dort arbeiten Militär, Universitäten und Investoren seit Jahrzehnten eng zusammen. Palo Alto Networks und Check Point wurden beide von früheren Mitgliedern der israelischen Cyber-Aufklärung gegründet. Der Handlungsdruck in Washington ist groß. Die US-Cybersicherheitsbehörde CISA verlor binnen eines Jahres mehr als ein Drittel ihrer Beschäftigten.
CrowdStrike liefert Rekordzahlen im KI-Sog
Kaum ein Unternehmen steht so sehr für diesen Trend wie CrowdStrike. Die Texaner schützen mit ihrer Falcon-Plattform Endgeräte, Identitäten, Cloud-Umgebungen und zunehmend auch KI-Systeme. Das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 endete am 31. Juli. Firmenchef George Kurtz nannte es das beste Quartal der Firmengeschichte. Die Zahlen stützen diese Aussage.
Der Umsatz stieg um 26 Prozent auf 1,47 Milliarden Dollar. Das Wachstum beschleunigte sich damit zum fünften Mal in Folge. Noch aussagekräftiger ist eine Kennzahl namens Net New ARR. Sie misst, wie viel wiederkehrender Jahresumsatz in einem Quartal neu hinzukommt. Dieser Wert erreichte mit 333 Millionen Dollar einen Rekord und lag 51 Prozent über dem Vorjahr. Der gesamte wiederkehrende Jahresumsatz summiert sich auf 5,84 Milliarden Dollar.
Stark entwickelte sich das Lizenzmodell Falcon Flex. Kunden kaufen damit ein Budget und verteilen es flexibel auf verschiedene Module. Der wiederkehrende Umsatz der Flex-Kunden verdoppelte sich binnen eines Jahres auf über 2,29 Milliarden Dollar. Im Quartal kamen mehr als 935 neue Flex-Konten hinzu. Das Geschäft mit dem Schutz von KI-Anwendungen hat sich gegenüber dem Vorquartal nahezu verdreifacht.
Auch beim Geld stimmt die Richtung. Der operative Cashflow lag bei 530 Millionen Dollar, der freie Cashflow bei 377 Millionen Dollar. Das entspricht 26 Prozent des Umsatzes. Für das Gesamtjahr erwartet das Management nun bis zu 6,01 Milliarden Dollar Umsatz. Kurtz sieht in der Absicherung von KI die größte Marktchance in der Geschichte seines Unternehmens.
Plattformen gewinnen, Nischenanbieter geraten unter Druck
Hinter den Rekordzahlen steht ein zweiter Trend. Sicherheitschefs großer Konzerne wollen weniger Anbieter. Sie suchen integrierte Plattformen, die Vorbeugung, Erkennung und Abwehr aus einer Hand liefern. Jede zusätzliche Einzellösung bedeutet eine weitere Schnittstelle und damit ein weiteres Einfallstor.
Davon profitieren breit aufgestellte Konzerne wie CrowdStrike und Palo Alto Networks. Für Anbieter mit nur einem Produkt wird die Luft dünner. Analysten eines großen US-Brokerhauses sehen etwa reine Spezialisten für Schwachstellenmanagement kritisch. Das wachsende Sicherheitsbudget verteilt sich also ungleich. Ein großer Teil fließt zu wenigen Plattformanbietern.
Für Anleger ist diese Unterscheidung wichtig. Entscheidend ist, wer die Kunden an sich bindet. CrowdStrike hat zuletzt sowohl die Brutto- als auch die Netto-Kundenbindungsraten gesteigert. Bestehende Kunden geben also mehr Geld aus und wandern seltener ab.
Die Bewertung der CrowdStrike-Aktie bleibt der Knackpunkt
Über die Qualität des Geschäfts herrscht an der Wall Street weitgehend Einigkeit. Über den Preis der Aktie wird heftig gestritten. Der Kurs hat sich seit Jahresbeginn ungefähr verdoppelt. Auf Basis der erwarteten bereinigten Gewinne beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis rund 165. Palo Alto Networks kommt auf knapp 90, der reifere Konkurrent Check Point auf etwa 13.
Ein weiteres Maß ist das PEG-Verhältnis. Es setzt die Bewertung ins Verhältnis zum erwarteten Gewinnwachstum. Werte um eins gelten als angemessen. Bei CrowdStrike liegt es bei etwa 5,6. Der Markt preist damit viele Jahre makellosen Wachstums bereits ein. Indes: Nach den strengen US-Bilanzregeln GAAP blieb im Quartal zudem nur ein Gewinn von gut fünf Millionen Dollar übrig.
Mehrere Marktbeobachter haben ihre Einstufung nach der Rally auf Halten gesenkt. Aus ihrer Sicht hat sich die Debatte von der Geschäftsentwicklung hin zur Bewertung verlagert. Schon kleine Enttäuschungen bei der Umsetzung könnten den Kurs empfindlich treffen. Andere halten den Aufschlag für gerechtfertigt, weil sich Umsatz, Cashflow und Neugeschäft gleichzeitig beschleunigen.
Hinzu kommt ein offener Punkt für die gesamte Branche. Generative KI könnte langfristig auch die Eintrittsbarrieren senken. Neue Anbieter würden dann schneller eigene Sicherheitslösungen entwickeln und auf die Preise drücken. In den Zahlen zeigt sich davon bisher nichts. Im Blick behalten sollten Anleger diesen Punkt trotzdem.
Fazit: Wer KI-Agenten einsetzt, muss sie absichern
Agentic AI bringt eine neue Klasse digitaler Mitarbeiter in die Unternehmen. Jeder dieser Agenten braucht eine Identität, klare Zugriffsrechte und eine Aufsicht. Damit wächst der Markt für IT-Sicherheit mit jeder KI-Anwendung ein Stück mit. CrowdStrike gehört zu den Unternehmen, die davon bislang am stärksten profitieren.
Am Wachstum der Branche zweifelt kaum ein Marktteilnehmer. Offen ist, welcher Preis für dieses Wachstum angemessen ist. Bei CrowdStrike zahlen Käufer heute für Perfektion, und das Unternehmen liefert sie im Moment auch. Aber: Wer die Aktie aber auf Dauer halten will, muss aber darauf achten, dass sie tatsächlich auch weiter liefert.
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